sportstypen
Copiloten im Rallyesport: Lisa Kiefer und Jochen Rheinwalt
Was macht denn der da im Subaru? Er fuchtelt herum, benutzt Hände und Füße, plärrt. Von wegen Headset im Helm. Letzte Wertungsprüfung, noch 25 Kilometer, es ist dunkel geworden. Jochen Rheinwalt erinnert sich gut an die Rallye Zorn 2017. Sein Pilot Stefan Schulze hatte Rückstand wegen eines „Schikanenfehlers“. Und dann ging die Gegensprechanlage kaputt. Eine „normale“ Unterhaltung war nicht mehr möglich. Rheinwalt bewegte, was er konnte, um den Weg zu beschreiben. Das Team gewann diese Rallye.
„Ein Glanzstück“, sagt Rheinwalt heute noch. „Den Pokal haben wir uns verdient.“ Der 49-Jährige aus Duttweiler gehört im Motorsport zu denen, die anderen den Weg weisen: Copiloten. Was machen Beifahrer wie er und Lisa Kiefer eigentlich?
Die aus Landau stammende Lisa Kiefer greift auch selbst ins Lenkrad, freut sich, wenn sie ihren Peugeot 106 mal wieder bei Automobil-Slalom-Veranstaltungen bewegen kann. Rheinwalt bestritt 1989 seine erste Rallye als Beifahrer. Seine Eltern, Wolfgang Rheinwalt ist Vorsitzender des AC Maikammer, Margot ist Schatzmeisterin, bewilligten das. Er war noch minderjährig. Im Orientierungssport hat er sich später angeeignet, was es braucht, um ein Spitzenbeifahrer zu sein. Mal abgesehen davon, dass er Autos reparieren kann.
Eine Frage der Kosten
Vor elf Jahren schrieb sich die heute 31-jährige Kiefer in den Slalom-Youngster-Cup ein. Dabei lernte sie den mittlerweile mehrfachen saarländischen Slalommeister Stefan Petto aus Nonnweiler kennen. „Als er im Jahr 2012 einen Beifahrer für die Rallye in Zerf suchte, kamen wir ins Gespräch. Er vermittelte mir die Grundkenntnisse, und Zerf war die Geburtsstunde meiner Beifahrerkarriere“, erzählt Kiefer. Im selben Jahr schnupperte sie noch Luft im ADAC-Rallye-Masters und in der Rallye-DM.
„Rallyefahren ist eine Kostensache“, sagt sie. „Als Studentin konnte ich mir kein geeignetes Fahrzeug leisten, sodass die Rolle der Beifahrerin ein perfekter Einstieg in die Rallyeszene war.“ Ähnlich argumentiert Rheinwalt: „Rallyefahren ist mir im Großen und Ganzen zu teuer.“ Die Motoren seien inzwischen hoch spezialisiert. „Wenn man kein gutes Material hat, fährt man gnadenlos hinterher.“ Gutes Material kostet. Ausrutscher in den Graben kosten den Eigentümer auch Geld. „Ich muss nur einen guten Job machen“, sagt Rheinwalt. „Insofern ist die Beifahrerposition gar nicht so unangenehm.“
Lotsen
„Ein Beifahrer“, erklärt Lisa Kiefer, „hat mehr Aufgaben, als ein Außenstehender vermutet.“ Sie übernimmt die Anmeldung zur Veranstaltung, bucht eventuell Übernachtungsmöglichkeiten für das gesamte Team, erstellt den Teamleitfaden. Auch die Nachbearbeitung obliegt ihr, während sich der Pilot um das Fahrzeug kümmert.
Während der Veranstaltung lotst sie ihn minutengenau zu den Zeitnahmen oder dirigiert ihn über die Wertungsprüfungen auf Bestzeit. Dafür erstellt sie das „Gebetbuch“. „Wichtig ist ein perfekter Aufschrieb“, betont Lisa Kiefer. Der wird in der Einführungsrunde in Abstimmung mit dem Fahrer erstellt. „Dafür habe ich einen speziellen Block mit großen Zeilen“, verrät sie. Mit Kürzeln werden die Aufgaben notiert und später im Wettbewerb „vorgebetet“: Entfernungsangaben, Fahrtrichtung und Kurvenradius, Besonderheiten wie Kuppen oder Querrinnen.
Zeichensprache
170 R 4+. Was bedeutet das denn? Rheinwalt weiß aus dem Effeff, was gemeint ist. In 170 Metern folgt eine Rechtskurve, die relativ flott im vierten Gang zu fahren ist. Das Pluszeichen: Es geht noch einen Tick schneller. 180! L3 - ? Linkskurve in 180 Metern. Sie zieht sich länger, als man es erwarten würde. Die Aufschriebe von Copiloten ähneln sich. „Jedes Team hat natürlich noch seine Feinheiten.“
Was ins „Gebetbuch“ muss, machen Fahrer und Copilot in der Einführungsrunde unter sich aus. Der Fahrer sagt an. Das Tempo ist angemessen. Oft sind noch Helfer unterwegs, ist die Strecke noch nicht gesperrt für den öffentlichen Verkehr. Das Team müsse aber schon ein Gefühl für die Geschwindigkeit bekommen, erklärt Rheinwalt. Auf der zweiten Runde kann das Team Angaben präzisieren oder korrigieren.
Lampentrick
Und wie lassen sich die Aufzeichnungen im Dunkeln erkennen? Mit einer Leselampe, antwortet Kiefer. Die Leselampe sei im Auto fest verbaut, meistens an einem Schwanenhals, ergänzt Rheinwalt. Weil es ruckelt und schlägt, fängt der gerne an zu wandern. Seine Lösung: eine Buchleselampe am Kartenbrett.
Grobe Fehler darf es im Motorsport nicht geben. Der meist gemachte Fehler geschieht auf Rundkursen. Hin und wieder werden die Runden nicht genau mitgezählt, und das Team verlässt entweder zu früh oder zu spät die Wertungsprüfung. „Da gibt es eine einfache Handhabung: Immer beim Vorbeifahren an der Ausfahrt wird eine Runde abgestrichen“, erläutert Kiefer. „Von gravierenden Fehlern blieb ich bisher verschont. Aber Beifahrer sind auch nur normale Menschen, denen mal Fehler unterlaufen können.“
Zwei Platten, 1000 Euro
Dass der Copilot im Eifer des Gefechtes eine Ansage überspringt und den Fahrer, wenn der nicht aufpasst, in eine brenzlige Situation manövriert, kann auch passieren. „Dann wird der Pilot auch mal unflätig“, sagt Rheinwalt. Häufiger erregt sich vermutlich der Copilot: Wenn der Beifahrer anders reagiert als erwartet; wenn das Fahrzeug eine Panne hat, ausfällt, das Wochenende für die Katz ist.
„Früher war ich bekannt dafür, relativ ungehalten zu sein. Ich versuche, mich zu verbessern“, sagt Rheinwalt und klingt dabei wie ein Spitzbube.
Er und Rallyepilot Michael Weiss aus Landau haben auch schon Pech gehabt: auf Asphalt eine gerade frische Abbruchkante erwischt, zwei Platten, 1000 Euro Schaden. Der Abarth 500 R3T sei zuverlässig, den habe man gut im Griff, bemerkt Rheinwalt. Den Abarth Punto S 2000 noch nicht so ganz. Der sei diffiziler, anfälliger. Mit Taschenmesser und Isolierband behob er, Spitzname MacGyver, den Elektroschaden bei der Rallye Thüringen. Das Team verlor sehr viel Zeit. „Umsonst in den Osten gefahren, da war ich ziemlich stinkig“, erzählt Rheinwalt. Er ist Maschinenbaumechanikermeister und arbeitet bei Automobil-Prüftechnik Landau (APL).
Teamsport
Pilot und Co, vielleicht sei die Darstellung übertrieben, sei „wie eine Ehe“ auf Zeit für das Rennen, behaupte er. „Man vertraut sich gegenseitig. Ganz ohne Sympathie geht es nicht.“ Rallyefahren sei Teamsport. Die Erfahrung lehre, „ein neues Team gewinnt nicht unbedingt den größten Blumentopf“.
Rallyebeifahrer bewegen sich auch im täglichen Straßenverkehr. Wie erleben sie ihre Fahrten? „Manchmal fühle ich mich ohne meine Sicherheitsausrüstung aus dem Rallyesport wie Helm, Rennanzug und Sechs-Punkte-Sicherheitsgurt etwas unsicher“, sagt Kiefer. Und verrät, dass manchmal Kommentare aus ihr herausplatzen. Die Lehrerin der Sonderpädagogik rät allen Führerscheinneulingen zu einem Fahrsicherheitstraining.
Vorbereitung der Rallye SÜW
Michael Weiss und Jochen Rheinwalt haben die Rallye Südliche Weinstraße vor sich, sie starten mit dem Abarth. 47 Teams hatten bis gestern genannt, darunter Andre Weigel und Christiane Braun vom AC Maikammer, Frank Schlinck und Ivonne Treiling vom MSC Ramberg, Wilfried und Alexa Brunken (Eschbach), Karlheinz Baun (Ranschbach) und Stefan Grundmann. Rheinwalt ist in die Organisation eingebunden und hat, wie er erzählt, mit Jan Enderle, einem anderen bekannten Copiloten aus Edenkoben, gerade das Bordbuch fertiggemacht. Es lotst jedes Team am 26. Februar von einer Prüfung zur anderen.