Leichtathletik
Bienwald-Marathon: Zeit für Rekorde
Marathon ist Marathon, 42,195 Kilometer! Aber keiner gleicht dem anderen. Wenn am Sonntag um 10 Uhr in Kandel der 47. Bienwald-Marathon losgeht, muss jeder einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Für ein paar Meter wenigstens. Wer die Pfalzmeisterschaft läuft, darf vorne stehen. Jens und Verena Becker aus Lemberg sind die Titelverteidiger. Der Halbmarathon steht diesmal im Fokus. Nicht nur, weil 914 Läufer die halbe Strecke absolvieren wollen und nur 334 den Marathon. Viele wollen sich in Form bringen für Marathons im Frühling. Markus Poth vom Veranstalter hat einen Mann und eine Frau auf dem Schirm, die auf der halben Strecke für Rekorde sorgen können: Alexander Hirschhäuser und Thea Heim.
Alexander Hirschhäuser (ASC Breidenbach) aus dem kleinen Dorf Oberdieten hat sich 2020 in viele Bestenlisten gelaufen. Im Jahr nach einem Mittelfußbruch, der ihn drei Monate dazu verdonnerte, an Krücken zu gehen. Im Oktober 2021, ein Jahr nach seinem Debüt auf der Marathon-Distanz, gewann der 29-jährige Zellbiologe, der in Marburg promoviert, den deutschen Meistertitel. Nach 2:18:38 Stunden lief er im Münchner Olympiastadion durchs Ziel.
Gruppenfindung
Er hatte es aufgegeben, seiner älteren Schwester Jana nachzueifern, die sich 2012 in Kandel als deutsche Juniorenmeisterin über 3000 Meter Hindernis feiern ließ. Er machte sein eigenes Ding.
2:14:25 Stunden ist die jemals gelaufene schnellste Zeit in Kandel. Hirschhäuser könnte es probieren, Ralf Salzmanns Zeit von 1984 zu überbieten. Er hat sich aber für den Halbmarathon entschieden. In Frankfurt lief er an die deutsche Spitze mit seiner Zeit von 1:04:31 Stunden. Da war er schneller als Kandels Rekordhalter Simon Stützel (LG Karlsruhe) bei seinem Sieg 2016 in 1:05:14 Stunden.
Wie ist die Form? „Seit Kurzem habe ich muskuläre Probleme am rechten Bein“, sagt er am Mittwoch. Streckenrekord zu laufen, sei schwierig: „Da müssten sich vielleicht einige zusammentun. Und bei mir müsste die Tagesform passen.“ Einer wie Stützel würde in die Gruppe passen. Die beiden haben sich im Januar im Trainingslager in Portugal getroffen.
Chance für Nachzügler
Stützel müsste am Sonntag seine Frau Michaela hinter sich lassen, die gerade in Karlsruhe ihre 5000-Meter-Bestzeit aufgestellt hat und ebenfalls antritt. Die LG Region Karlsruhe stellt die größte Startergruppe.
Fünf Monate nach dem Marathon im Oktober kehrt der TSV Kandel zu seiner gewohnten Zeit im März zurück. Noch ist nicht alles gewöhnlich. 2000 Teilnehmer hätte der Verein zulassen können, bei 1250 macht er den Schnitt. Weil bestimmt nicht alle Gemeldeten tatsächlich kommen werden, manch einer ist vielleicht an Omikron erkrankt, können sich 100 Nachzügler am Samstag in Kandel zur Teilnahme melden.
Nagelneue Tartanbahn
Der Kandeler Verein kann sich auf seine Helfer und Sponsoren verlassen. Ein Bonbon verrät Norbert Wingerter vom Veranstalter: Die Zieleinläufer „dürfen die Ersten sein, die mit ihren Turnschuhen auf der nagelneuen Tartanbahn laufen“. Auch ohne große Werbekampagne seien die 1250 Startplätze schnell vergeben gewesen. Für die Veranstaltung gilt die 2G-Regelung.
Wingerter stellt einige Marathonläufer vor: Jens und Verena Becker, das verheiratete Zahnärztepaar, das in seiner Gemeinschaftspraxis wohl noch Platz für zwei weitere Pokale habe. Auf Tien-Fung Yap könne man sich freuen, einen bemerkenswerten Sportsmann: „Der auch im Triathlon aktive Physiotherapeut aus Mainz verlor mit 17 Jahren das Augenlicht und hat durch den Laufsport gelernt, mit seinem Schicksalsschlag umzugehen. Mit einer Zeit von 2:46:29 Stunden ist er aktueller Rekordhalter der Sehbehinderten auf der Marathondistanz.“
Mit den Beckers konkurrieren Matthias Wagner (TV Hinterweidenthal), Lennart Nies (TV Maikammer), Lokalmatadorin Pia Winkelblech, Eva Katz und Yvonne Jung vom RC Speyer um die Pfalzmeistertitel. An Richard Schumacher (Rechberghausen) wird wohl keiner herankommen. Er gewann den Marathon 2021 und 2016, war mehrmals Zweiter und ist somit Stammgast.
EM in München das Ziel
Im Halbmarathon dreht Thea Heim (LG Regensburg) aus München auf, wenn sie antritt und nicht stürzt, wie es im Oktober bei der DM in Hamburg passiert ist: ein Tritt in die Beine und ein Schubser und ... Mit Schürfwunden raffte sie sich auf und lief die viertschnellste Zeit ihrer Karriere, die zu Platz fünf reichte. Als eine der Favoritinnen hatte die 29-Jährige ihre 26. DM-Einzelmedaille angestrebt. Ihr blieb „Gold“ in der Teamwertung.
1:14:57 Stunden war ihre Zeit in Hamburg. Mit 1:13:23 lief die Mittel- und Langstreckenläuferin 2020 in Barcelona Bestzeit. „Sie transportiert die Athletik des Laufens in einzigartiger Weise“, hat mal einer über sie, die an der TU in München Wirtschaftsinformatik studiert hat und in der IT bei Allianz arbeitet, geschrieben. „Wenn ich Profi werden wollte, würde ich es versuchen“, sagte sie einmal über ihre Ambitionen.
An schnelle Männer hängen
Barcelona sei eine der schnellsten Strecken der Welt, sagt ihr Trainer Norman Feiler (52) und fragt: „Wie sind die Bedingungen am Sonntag?“ 2019 und 2020 hätten sie schon überlegt, in Kandel zu starten, weil es als gute Strecke bekannt sei. Diesmal habe es super gepasst. Ziel sei es, nicht taktisch zu laufen, auf Platz, sondern eine gute Zeit zu erreichen. Wichtig sei, sich an schnelle Männer hängen zu können.
Für Heim ist es die Vorbereitung auf einen Marathon im April. Ihr Ziel ist es, sich für die Leichtathletik-Europameisterschaften zu qualifizieren. Für das Heimspiel in München mit dem Marathon am 15. August. Feiler wird in Kandel filmen und Material für die Social-Media-Kanäle der Läuferin zusammenstellen.
Erreicht sie ihre Bestzeit, würde Thea Heim in Kandel Lisa Hahner (20:16: 1:14:28 Stunden) als Rekordhalterin ablösen. Auch im Marathon (2:36:10) ist sie klasse. 2:38:13 Stunden, gelaufen von Susi Riermeier 1984, sind in Kandel zu schlagen.
Stefanie Doll und Luisa Moroff
Bestzeiten von 2:35:33 und 1:15:37 Stunden hat Stefanie Doll (LC Breisgau) stehen. Roland Schmidt, der Vater des Kandeler Marathons, weiß das: Die 33-jährige Physiotherapeutin ist die Schwester des Biathleten Benedikt Doll. 30 Jahre, nachdem ihr Vater Charly erstmals die deutsche Bergmeisterschaft gewonnen hatte, war sie Vizemeisterin im Berglauf. Alle Dolls können Ski fahren. Und auf langen Strecken schnell laufen.
Vielleicht stiehlt allen im Halbmarathon Luisa Moroff die Schau: 2015 stieg die Mittel- und Langstreckenläüferin auf Triathlon um. Wenn alles gut geht, wird die 25-jährige Regierungsinspektorin in Stuttgart im Oktober auf Hawaii bei der Ironman-WM starten. Qualifiziert ist sie. Seit 2013 gehöre Kandel zum Programm ihrer Vorbereitung, schreibt sie in ihrem Blog. 2018 habe sie in Kandel die mit 340 Gramm bisher leichtesten und seitdem auch schnellsten Laufschuhe getragen. Sie verbesserte sich um über fünf Minuten auf 1:19:46 Stunden und lag vorne.
Doppelbabyjogger
Einen Rekordversuch unternimmt laut Wingerter Christian Flügel für den Veranstalter: Mit seinen beiden Jungs, ein und drei Jahre alt, habe sich der stolze Papa vorgenommen, den Guinness-Weltrekord im Doppelbabyjogger zu brechen. Dazu müsse er die Zeit von 1:14:20 Stunden des Dänen Henrik Andersen unterbieten. Entscheidend werden die Windverhältnisse sein, da es doch Passagen gibt, in denen man stark im Wind steht, vermutet Wingerter. Wie jedes Jahr erhalten die Finisher ein Shirt. In diesem Jahr ist es schwarz.