Kreis Südliche Weinstraße
Südpfalz: Coworking Space – der etwas andere Arbeitsplatz
In Großstädten gibt es seit einiger Zeit Großraumbüros, in denen Freiberufler und junge Unternehmen Arbeitsplätze mieten können. Ein landesweit Projekt möchte solche Bürogemeinschaften im ländlichen Raum etablieren. In der Südpfalz gibt es bereits Interessenten.
Das Büro von Annette Galinski ist etwa 15 Quadratmeter groß, eingerichtet mit einem Schreibtisch und Regalen – und befindet sich direkt zwischen ihrer Küche und dem Wohnzimmer. Die 52-Jährige ist selbstständig und arbeitet seit eh und je in ihrem Zuhause in Ingenheim. Wie der Name ihres Unternehmens „Agentur Architekturtext“ schon verrät, schreibt sie unter anderem Berichte für Fachzeitschriften und entwickelt PR-Konzepte für Architekten. Als ihre Kinder noch klein waren, sei es angenehm gewesen, im heimischen Umfeld tätig zu sein. „Aber mittlerweile fällt mir die Decke auf dem Kopf. Es wäre von Vorteil, Geschäftsleute im Büro statt daheim zu empfangen“, sagt die gebürtige Münchenerin. An dieser Situation möchte Galinski etwas ändern. Sie weiß auch schon wie, benötigt jedoch noch Mitstreiter.
Coworking Space lautet das Zauberwort. Ebenso, wie es für Start-ups keine passende deutsche Bezeichnung gibt, lässt sich auch dieser Begriff nicht genau übersetzen. Coworking Spaces stehen für Räume, die als Büros eingerichtet sind: vom Schreibtisch über W-Lan und Drucker bis hin zu Kaffeetassen und Reinigungsmitteln. In diesen Büros soll es je nach Größe Arbeitsplätze und Besprechungsräume geben, die flexibel buchbar sein sollen. Sei es nur für kurze Dauer oder als langfristige Lösung.
Projekt der Eventagentur gibt den Anstoß
Solche Bürogemeinschaften, in denen Unternehmer verschiedener Branchen tätig sein können, gibt es schon seit einiger Zeit. In Deutschland, insbesondere in Großstädten wie Hamburg oder Berlin. Dass Galinski jetzt mit einem Coworking Space in ihrer VG liebäugelt, liegt an der Eventagentur Rheinland-Pfalz. Sie möchte in den Jahren 2019 bis 2021 jeweils bis zu drei Kommunen in der ländlichen Region bei der Einrichtung und dem Betrieb eines Dorfbüros, wie sie den Coworking Space bezeichnet, unterstützen. Sie möchte die Kommunen beraten und steuert 100.000 Euro bei.
Bewerben können sich nur Kommunen. Und die müssen ein Konzept für ein Dorfbüro inklusive Immobilie, möglichen lokalen Kooperationspartnern, Zeit- und Finanzplan sowie Betriebskonzept vorlegen. Torsten Blank, Bürgermeister der VG Landau-Land, hat Galinski auf das Thema angesprochen. „Wir werden der Frage nachgehen, ob Bedarf da ist, um hier einzusteigen“, sagt Blank.
Eine Mitstreiterin bereits gefunden
Eine Mitstreiterin hat Galinski bereits gefunden: Claudia Oestreich aus Klingenmünster. Die 56-Jährige hat sich 2008 als Personal Coach selbstständig gemacht. Zu ihren Kunden zählen hauptsächlich Firmen, die Stärken ihrer Beschäftigen herausarbeiten und somit neue Potenziale entdecken möchten. Oestreich wird ihre Akademie zwar bald aufgeben, um wieder im Angestelltenverhältnis zu arbeiten. „Allerdings wird für mich die Möglichkeit bestehen, auch mal im Homeoffice arbeiten zu können. Da wäre es mir wichtig, in der Nähe einen festen Arbeitsplatz zu haben, statt dies zu Hause erledigen zu müssen.“ Genauso seien auch Studenten und Touristen, die nur zeitweise einen Arbeitsplatz benötigen, ideale Zielgruppen, sagt Oestreich.
Galinski ist überzeugt, dass ein Coworking Space das Dorfleben bereichert. Zumal man sich dort mit anderen Bürokollegen vernetzen könne. Umgekehrt sei es wichtig, dass die Gemeinde eine gewisse Infrastruktur vorweise. Vorteilhaft sei es, Gastronomie, Geschäfte, einen Bahnhaltepunkt oder eine Bushaltestelle sowie eine Bank in der Nähe zu haben.
Ein Coworking Space ist für Galinski eine sinnvolle Alternative zum Homeoffice, das zunehmend von Arbeitnehmern angefragt wird, aber auch seine Schattenseiten hat. So haben Studien bestätigt, dass hier Arbeit und Freizeit schwieriger getrennt werden und das Arbeiten belastend sein kann.
Das sagen die Wirtschaftsförderer
Die Mittelstandsberatungs- und Betreuungsgesellschaft (MBB) des Kreises SÜW berät Selbstständige, Freiberufler und Existenzgründer. Wie der Geschäftsführer Uwe König mitteilt, ist das Thema Coworking Space bei der MBB bislang noch nicht aufgekommen. Er hält diese Bürogemeinschaften für zukunftsfähig, „allerdings eher in größere Gemeinden beziehungsweise Städte, wo die Infrastruktur gegeben ist“.
In Landau gebe es derzeit keine als Coworking Spaces ausgewiesenen Büros, teilt die Pressestelle der Stadt mit. „In Landau, in der die Gründerszene nicht mit Städten wie Mannheim oder Berlin zu vergleichen ist, herrscht gerade bei potenziellen Bauherren noch etwas Zurückhaltung. Es ist ein Konzept, das derzeit überwiegend in Großstädten Zuspruch findet.“ Jedoch sei der Bedarf erkannt und Gespräche geführt worden. Die Pressestelle erklärt: „Mit Blick auf die Stadtdörfer verfolgen wir die Entwicklung des Programms mit Interesse, um Ansatzpunkte für unser Projekt ,Kommune der Zukunft’ zu prüfen.“
Maria Farrenkopf, Wirtschaftsförderin im Kreis Germersheim, sieht Chancen. Sie weiß, dass es Unternehmen gibt, die auf der Suche nach Räumen außerhalb ihres Betriebs sind, in denen Mitarbeiter ein spezielles Projekt bearbeiten sollen. „Genauso gibt es Unternehmen, die Räume zur Verfügung haben und bereit wäre, diese zu vermieten.“
Marc Watgen, Leiter des Dienstleistungszentrums der IHK in Landau, wurde zweimal auf das Thema angesprochen, wobei das Jeanne-D’Arc-Existenzgründerzentrum in Landau in diese Richtung gehe.
Info
Wer sich für einen Coworking Space interessiert, kann sich an Annette Galinski wenden, Telefon 06341 4110080 oder per E-Mail an galinski@architekturtext.de.