Kreis Südwestpfalz
Zweibrücker Richter: „Schnell fahren ist nicht automatisch ein Rennen“
Die Massenkarambolage auf der A8 bei Contwig ist über ein Jahr her. Die Unfallopfer leiden jedoch noch immer – sowohl psychisch als auch körperlich. Eine Zeugin machte am Donnerstag vor dem Landgericht eine andere Aussage als noch bei der ersten Verhandlung vorm Amtsgericht im April.
Ein gebrochenes Schulterblatt, Schnittwunden, Bandscheibenvorfälle in der Halswirbelsäule und starke psychische Belastungen. All das ist bei der Fahrerin des schwarzen VW Golf nach der Massenkarambolage an Pfingstsamstag vergangenen Jahres als Folge hängengeblieben. Ihr Auto, das noch relativ neu war, war einer der am schwersten beschädigten Unfallwagen der Massenkarambolage. Damals, an Pfingstsamstag vergangenen Jahres, rasten zwei Sportwagen – ein blauer Porsche Cayman S und ein silberner Mercedes C-AMG – in ein Stauende auf der A8 bei Contwig. Zuvor sollen sie sich ein Straßenrennen quer durch den Etzelweg und über die Autobahn geliefert haben. Ob dem so war, das soll das Gericht klären. Das Amtsgericht hatte es als erwiesen angesehen, aber sowohl Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft gingen in Berufung.
„Vom Unfall selbst weiß ich nichts mehr. Das Erste, was mir wieder in den Sinn kommt, ist, wie jemand neben mir gesessen hat und mir eine Decke übergelegt hat“, sagte die Fahrerin des VW Golf vor dem Landgericht aus. Anschließend habe sie durch die Geräuschkulisse wahrnehmen können, wie ihr Auto aufgeschnitten wurde, um sie zu befreien. Neben den körperlichen Folgen hat sie seit dem Unfall auch psychische Probleme: „Ich wache nachts ein- bis zweimal auf und habe Angstzustände beim Autofahren. Das war vorher nicht so“, so die Fahrerin des Golfs. Auch die Zeugin, die am Unfalltag mit ihrem Skoda Octavia im Stau stand, leidet seit dem Unfall: „Ich kann keine längeren Fahrten mehr mit dem Auto machen. Früher hab’ ich das ganz oft getan.“
Eine dritte Zeugin sorgte während der Verhandlung am Donnerstag für Aufregung. Der Grund: Vor dem Landgericht machte sie teilweise andere Angaben, als bei der ersten Verhandlung im April. Dort hatte sie erklärt, dass ihr der blaue Porsche vor dem Unfall in der Stadt des Öfteren negativ aufgefallen sei und sie gefährdet habe. Das Gesicht des Fahrers – so sagte sie im April vorm Amtsgericht – habe sie aber nie gesehen. Vorm Landgericht revidierte sie diese Aussage und erklärte zudem, dass sie den Fahrer kenne und wisse, wie er fahre. Zudem habe sie nur kurze Zeit nach dem Unfall auf Facebook einen Kommentar dazu geschrieben, dass sie den Fahrer kenne und sich daher sicher sei, dass es ein Rennen zwischen den beiden Sportwagen gegeben habe. „So viele Leute haben den Porsche schon gesehen, wie er zu schnell gefahren ist“, so die Zeugin. Richter Michael Schubert entgegnete: „Viele Leute fahren zu schnell. Zu schnell fahren ist ja nicht automatisch ein Autorennen“.
Die meisten Zeugen beschrieben gestern vorm Landgericht, wie sie im Stau standen und der Porsche und der Mercedes von hinten in das Stauende krachten. So auch der Fahrer eines Cabrios, der auf dem Heimweg war: „Ich stand im Stau und habe es von hinten quietschen gehört. Dann sah ich in den Rückspiegel und sah den Mercedes anfliegen. Ich bin instinktiv nach rechts gefahren.“ Daraufhin habe er gesehen, wie der AMG dort landete, wo er kurz vorher mit seinem Cabrio stand. „Ich erkannte den Fahrer sogar. Er hat mir mal ein Auto verkauft“, sagte der Zeuge weiter. Auch eine andere Zeugin, die mit ihrem Volvo am Stauanfang stand – wo die Polizei eine verlorene Holzpalette von der Autobahn räumte –, konnte der Massenkarambolage dadurch entkommen, dass sie rechtzeitig Gas gab. „Ich sah im Rückspiegel nur noch, wie der Mercedes angeflogen ist“, erklärte die Zeugin gestern. Daraufhin habe sie Gas gegeben und sei bis zur Ausfahrt Walshausen gefahren. Dort sei sie von der Autobahn runter und habe angehalten, um durchzuschnaufen.
Der Prozess soll noch vier Verhandlungstage weitergehen. Es soll noch eine Ortsbesichtigung bei einer Zeugin im Etzelweg geben, die die beiden Sportwagen am Unfalltag gesehen hat. Zudem wurde angedacht, aufgrund der widersprüchlichen Aussage der einen Zeugin Richter Christian Orth zu vernehmen, der die Verhandlung vorm Amtsgericht geleitet hatte.