Südwestpfalz
Wie sich Weidetierhalter auf den Wolf vorbereiten können
„Strom hilft“ – das betont Julian Sandrini vom Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo) in Trippstadt immer wieder. Tierhalter, die ihre Weidetiere mit Elektrozäunen vor Wolfsangriffen schützen wollen, müssen dabei jedoch wichtige Details beachten. Beispielsweise, dass ein Zaun keine Lücke zum Boden lässt und die unterste stromführende Verbindung den Bodenabstand von 20 Zentimetern nicht überschreitet – die meisten Wölfe, erklärt der Fachmann, versuchten zunächst, unter einem Zaun hindurchzukommen. 20, 40, 60 Zentimeter – in diesen Höhen sollten stromführende Litzen angebracht sein. Übrigens auch am Ufer eines angrenzenden Gewässers, denn weder Bach noch Fluss halten Wölfe ab.
Praktische Tipps für Tierhalter
Es sind Erfahrungswerte, die auf einem normalen Wolfsverhalten beruhen, erklärt Sandrini auf dem Gelände der Busenberger Wasgauschäferei, wo Zäune – fest und mobil – zu Demonstrationszwecken aufgebaut sind. Etwa 40 Halter von Weidetieren aus der Südwestpfalz und der Südwestpfalz sind der Einladung des Kluwo gefolgt, das mit Landwirtschaftskammer, dem Landesverband der Schaf- und Ziegenhalter sowie dem Projekt „Neue Hirtenwege“ zum Herdenschutztag eingeladen hat.
Wolfsrisse im Sommer
Dass dieser Herdenschutztag in der Südwestpfalz stattfindet, hat einen guten Grund. Ein männlicher Grauwolf der Alpen-Italienischen Population hat dort im Juli und August seine Spuren hinterlassen und mehrere Schafe und Ziegen getötet oder verletzt; der erste Nachweis gelang bei Fischbach. In einem späteren Fall waren auch Haare von einem anderen Wolf an einem Zaun entdeckt worden. Es waren zwei Wölfe in der Westpfalz unterwegs, berichtet Sandrini, dessen Team alle Spuren untersucht hatte. Seit August habe es aber in der Region keinen Wolfsnachnachweis mehr gegeben. Und damit auch keinen Nachweis dafür, dass sich ein Wolf in der Pfalz niedergelassen hätte.
Der Grauwolf „GW 2886 m“, dem vier Übergriffe auf Weidetiere nachgewiesen wurden, scheint weiter in Richtung Norden gewandert zu sein. Dort, im Westerwald, sind Wölfe bereits ansässig. Risse von Schafen, Ziegen und Muffelwild werden ihnen immer wieder zugeordnet. Deswegen glauben Naturschützer dort, dass Tiere dieses Rudels bereits auf Nutztiere konditioniert seien.
Halter sollen sich vorbereiten
Was Tierhalter in der Südwestpfalz auf der einen Seite beruhigt, wirft auf der anderen Seite neue Fragen auf. Denn wenn sich in einer Region kein Wolf niedergelassen hat – davon gehen die Experten in der Regel dann aus, wenn es regelmäßige Nachweise wie Kot, Fotos oder Risse über etwa sechs Monate hinweg gibt –, dann gilt diese Region nicht als Präventionsgebiet, in dem das Land besondere Schutzmaßnahmen finanziell fördert. Für manchen Tierhalter ist das ein Problem, denn zusätzliche Schutzvorkehrungen bedeuten Investitionen allein zu Lasten der Tierhalter. Bisher entschädigt das Land auf Antrag Tierhalter bei nachgewiesenen Wolfsrissen, bezahlt aber keine Schutzmaßnahmen wie bestimmte Zäune oder Herdenschutzhunde.
Tierhalter sollten sich aber unabhängig von der Förderkulisse auf die Ankunft des Wolfes vorbereiten, betont Sandrini. Denn wenn ein Präventionsgebiet einmal festgelegt sei, dann würden Schutzvorrichtungen von Haltern auch gefordert, damit sie für einen Wolfsriss entschädigt werden. Und für ihn ist es letztlich nur eine Frage der Zeit, wann sich Wölfe im Pfälzerwald niederlassen werden. Wer jetzt nachrüste, der habe dafür noch Zeit. Und der Wolf lerne dann schon bei der ersten Begegnung mit dem Weidezaun: „Schafe tun weh“, und mache einen Bogen darum. Im Westerwald hätten solche Zäune Wirkung gezeigt, stellt er fest.
Im Einzelfall auch ein Abschuss denkbar
Allerdings: Es gebe auch Einzelfälle, in denen sich Wölfe anders verhielten. So habe eine Wölfin beispielsweise Zäune in der üblichen 90-Zentimeter-Höhe mehrfach übersprungen. Dann käme ein zusätzlicher Oberschutz über dem Zaun in Frage. In bestimmten Fällen würden Wölfe auch zum Abschuss durch Jäger freigegeben. In Niedersachsen sei dies schon geschehen. Wie denn der „richtige“ Problemwolf vom Jäger erkannt werde, wollte ein Tierzüchter wissen. Das sei tatsächlich schwierig und könne nur im Nachhinein überprüft werden, sagt Sandrini – wenn ein unerwünschtes Verhalten aufhöre oder auch nicht. Da seien schon die falschen Tiere erschossen worden, was dann auch kritisiert worden sei. Eine Betäubung, beantwortet Sandrini eine weitere Frage, sei beim Wolf aber sehr schwierig und die genetische Überprüfung dauere zu lange.
Gratwanderung zwischen den Interessen
Es bleibt eine Gratwanderung zwischen vielen Interessen: jenen der Weidetierhalter, die davon leben, jenen der Wolfsbefürworter und jenen der Naturschützer, die sich für die Offenhaltung der Landschaft einsetzen – auch durch Beweidung. Der Erhalt der Artenvielfalt ist ein Ziel des 2018 gestarteten „chance.natur“-Projektes „Neue Hirtenwege im Pfälzerwald“ des Biosphärenreservates. Ein Großteil des Fördergebietes befindet sich im Dahner Felsenland – dort, wo der erste Wolfsriss dieses Sommers nachgewiesen wurde. Für Projektleiter Helmut Schuler ist dies kein Widerspruch. Beide Ziele seien gesetzt, meint er, und müssten vereinbart werden – „es muss passen“.
Was Züchter sagen
Und was sagen Tierhalter dazu? Für Sven Keller, Betreiber der Wasgauschäferei in Busenberg, ist es längst keine Frage mehr, ob der Wolf kommen wird. Es sei eine politische Entscheidung, und sie müssten lernen, damit zu leben, sagt er nüchtern. Für ihn ändere sich nichts: Sie arbeiteten schon seit 30 Jahren mit mobilen Elektrozäunen. Und diese Zäune, die er etwa alle zwei Jahre erneuert, haben sich für Keller bewährt. Etwa 500 Schafe und 90 Rinder haben die Kellers auf den Weiden stehen und einen Riss durch Wolf oder Luchs hat Sven Keller noch nicht erlebt. Andere Vierbeiner machen ihm mehr zu schaffen: freilaufende Hunde, die auch bei ihm schon Schafe gerissen haben.
Viele hauptberufliche Halter sind vorbereitet
Die meisten hauptberuflichen Weidetierhalter hätten ihre Tiere gut genug geschützt, meint Keller. Das sei auch im Verein der Schaf- und Tierzüchter Busenberg und Umgebung so, dessen zweiter Vorsitzender er ist. Etwa 90 Mitglieder hat der Verein, wovon 40 Züchter sind, vor allem für Schafe und Ziegen. Betroffen vom Wolf, meinen sie dort, seien vor allem Private mit kleinen Haltungen, die nun aufgeben dürften. Auch im Verein ist es klar: Der Wolf wird kommen. Ob sie es gut finden oder nicht.
Wo es Rat gibt
Wer einen Wolf oder Luchs gesichtet hat, sollte dies schnell melden beim Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo) in Trippstadt unter Telefon 06306 911-199. Gleiches gilt für Nutztierrisse. Dort werden die Populationen von Luchs und Wolf beobachtet, Nachweise gesammelt und Schäden begutachtet. Die Fachleute beraten Tierhalter außerdem über Herdenschutz, Ausgleichszahlungen und Förderungen, Telefon 06131 884268-180, E-Mail: kluwo@wald-rlp.de.
