Lemberg
Was den Pfarrer ins Radio bringt
Pfarrer Kevin Gutgesell ist in Lemberg angekommen. Sicheres Zeichen dafür sei, dass er in der Lemberger Kerweredd vorkam. „Wer es da reinschafft, hat gewonnen“, meint der junge Pfarrer, der seine Botschaften allerdings auf ganz anderen Kanälen versendet: Von 14. bis 19. November ist die neue Staffel seiner Mini-Andachten auf dem Radiosender RPR1 zu hören.
„Zum Radio bin ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen“, erzählt der 29-Jährige, der seit März die evangelische Kirchengemeinde in Lemberg leitet. Während seiner Ausbildung habe er erst mal lange zur Schule gehen müssen, danach sei endlich Gemeindealltag angesagt gewesen, und er habe sich für ein spezielles Handlungsfeld entscheiden müssen. Während viele Kollegen die Arbeit als Seelsorger im Krankenhaus gewählt hätten, fand Gutgesell das Radio attraktiv. „Mir hat die Arbeit im Sender auf Anhieb kommunikationswissenschaftlich solchen Spaß gemacht, dass ich diese Spielerei nicht mehr aufgeben will“, berichtet er. Das Radio es sei ein Medium, in dem er bewusst Sprache formen und nach dem richtigen Einstieg suchen könne, um wichtige Botschaften zu transportieren. Schließlich habe Theologie viel mit Theaterwissenschaft zu tun.
„Fahrstuhl-Gespräch“
Allem voran stehe die Frage: Was will ich überhaupt sagen? Streng kirchlich genommen sei es die Verkündigung des Evangeliums, die er im Kopf hat, sagt Pfarrer Gutgesell – allerdings ohne mit der Jesus-Keule zuzuschlagen: „Wichtig ist mir eine Begegnung mit dem Hörer, in der Hoffnung, dass ihm diese guttut.“ Die Menschen sollen sich offen mit den Fragen nach Schuld, Scham und Glück auseinandersetzen, diese reflektieren und einen Weg für sich selbst finden, erklärt der Pfarrer. Das sei der Fall, wenn jemand am Ende sagen kann: „Das war gut.“
Ausgangspunkt seiner Mini-Botschaften seien witzige Alltagssituationen, die einem zum Nachdenken bringen. „Die schreibe ich in ein kleines Notizbuch“, erzählt Gutgesell. Was dabei herauskommen soll, sei „eine Art Fahrstuhlgespräch, in dem ich im Nu auf den Punkt bringen muss, was ich zu sagen habe“.
„Eine größere Ganzheit kann ich nirgends kriegen“, erzählt Gutgesell begeistert. Auch die sonntäglichen Gottesdienste in der Kirche finde er fantastisch. Aber ob er vor 40 bis 80 Gemeindemitgliedern spricht oder im Radio 200.000 Menschen erreicht, sei ein enormer Unterschied. Eine Predigt zu schreiben, dauere seine Zeit, und ohne Frage sei es attraktiver, eine große Zuhörerschaft zu haben. Ungefähr zehn bis 15 Minuten dauere die sonntägliche Predigt, für die er zirka sechs Stunden Vorbereitung brauche – da erweise sich das Radio als viel effektiver.
Kater Manfred wartet daheim
„Man hört ja selten bewusst Radio“, findet Gutgesell. Deswegen müsse das, was er zu sagen hat, sehr gut verpackt und der erste Satz so interessant sein, dass die Zuhörer nicht den Sender wechseln. Bestenfalls will er mit seinen Nachrichten irritieren oder die Menschen bewegen. Allem voran steht die Frage: Was passiert in dieser Welt? Denn Kevin Gutgesell hat das Gefühl, dass gerade alles auseinanderfällt. Blackout-Szenarien, eine eventuelle Wärmestube in der Pirmasenser Johanneskirche, zählt er auf. Dem will er etwas Positives entgegensetzen.
Persönliche Kontakte bleiben für ihn wichtig: so wie beim sogenannten All-Generations-Friday kürzlich in der Kirche, bei dem gegrillt und Bob Dylans „Knockin’ on Heaven’s Door“ gesungen wurde. Und die Jubel-Konfirmation, bei der Konfirmanden der vergangenen drei Jahre gemeinsam in die Religionsmündigkeit gesegnet wurden. „Eine große Rolle spielt auch mein Kater Manfred, der jeden Tag zu Hause auf mich wartet“, erzählt der junge Pfarrer, der sich mit seiner Berufswahl an der richtigen Stelle weiß. „Ich habe keine Bringschuld, sondern darf einfach da sein, um anderen zu helfen“, beschreibt er seine Mission.
Hörtipp
In der Woche vom 14. bis 19. November ist Kevin Gutgesell täglich bei RPR1 zu hören. Immer zwischen 7 und 9 Uhr wird seine Mini-Botschaft gesendet, in 80 Sekunden verpackt. Wer die Radiobotschaften versäumt, kann alle Folgen auf protcast.de nachhören.