Kreis Südwestpfalz Vom listigen Dieb zum mächtigen Keltenkönig

Beruflich leitet Dieter Simon in Bayern eine Montessori-Schule. Privat spielt er beim Live-Rollenspiel gern den Keltenkönig Tuac
Beruflich leitet Dieter Simon in Bayern eine Montessori-Schule. Privat spielt er beim Live-Rollenspiel gern den Keltenkönig Tuachal, den Rattenschamanen Radan oder den Dieb Ris. Im Hollertal bei Clausen gestaltet er mit den Waldrittern ein Live-Rollenspiel-Gelände für Kinder und Jugendliche.

«Contwig.» Der 36-jährige Schulleiter Dieter Simon ist passionierter Live-Rollenspieler. Wenn er Zeit hat, trifft er sich mit Freunden auf dem Zeltplatz und spielt den Keltenkönig Tuachal, den Rattenschamanen Radan oder den Dieb Ris. Er ist Mitglied im Verein Waldritter Südwest, die vor drei Jahren den Zeltplatz mit Hütte im Hollertal bei Clausen gekauft haben.

Simon hat ein neues Baby: Es heißt Phantastische Geschichten und besteht aus dem Um- und Ausbau des Hollertal-Geländes. Die Waldritter wollen daraus in den kommenden acht bis zehn Jahren eine Stätte machen, an der Kinder und Jugendliche bei Walderlebnis und Rollenspiel die Keltenzeit erleben können. Geplant sind ein Backhaus, ein Badehaus mit Waschzuber, eine Schmiede, ein Amphitheater sowie ein Freisitz für 100 Personen. Außerdem soll die Hollertalhütte an- und ausgebaut werden, sodass sie dreimal so groß wird wie derzeit. Das Gelände mit seinem Kräutergarten, der an einen Klostergarten erinnert, eigne sich wunderbar für das, was der staatlich zertifizierte Waldpädagoge vorhat. Die Zustimmung der Gemeinde Clausen haben die Waldritter bereits, die Kreisverwaltung zaudere noch. „Die Zustimmung steht noch auf der Kippe“, sagt der gebürtige Zweibrücker, der in Stambach wohnte und nun in Bayern eine Montessori-Schule leitet. „Wir wurden für eine Eintagsfliege gehalten, aber wir sind mittlerweile 300 Tätige im Verein, der zehn Jahre alt ist“, sagt er über die Waldritter. Er selbst ist Mitglied der ersten Stunde. Ist er nicht ausgelastet in seinem Job? „Für mich ist das hier Erholung“, antwortet Dieter Simon. Er trägt Haar und Kinnbart lang, dazu einen Oberlippenbart und reichlich steinbesetzten Schmuck. Dazu eine mittelalterlich anmutende Kutte über einer selbstgenähten Stoffhose im Fischgrätmuster und genagelten Schuhen. Die Schuhe hat er sich mit einem Tauschgeschäft besorgt: Er, der gelernte Tischler, fertigte einen Stuhl und tauschte ihn gegen die Schuhe. Phantastische Geschichten ist die dritte Firma von Simon in einer langen Reihe von Aktivitäten neben seinem eigentlichen Job. Er gründete am Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium, das er bis 1998 besuchte, eine Rollenspiel-Arbeitsgemeinschaft. Später kam er mit den so genannten Live Action Role-Playing (Larp) in Berührung, fand das Live-Rollenspiel aber doof. Irgendwann habe er jedoch die Ausstattung eines Freundes ansehen dürfen und sich darauf eingelassen. Gleichzeitig besuchte er das zu jener Zeit größte Live-Rollenspiel der Welt, das Drachenfest in Westernohe. „Danach war ich Feuer und Flamme und hab’ wenige Zeit später schon mein erstes eigenes Live-Rollenspiel veranstaltet“, erzählt er − am Steinenschloss in Thaleischweiler. „Weil wir da auch übernachten wollten, mussten wir beim Steinenschlossverein, beim Amt für Schlösser, Burgen, Altertümer und bei der Gemeinde anfragen. Die konnten damals alle noch nichts damit anfangen, haben aber zugestimmt.“ Ganz geheuer war den Behörden die Sache jedoch nicht: „Wir hatten alle zwei Stunden eine Polizeikontrolle“, erinnert er sich. „Die Polizisten fanden die Sache aber sehr interessant und wollten sogar mitmachen.“ Rückblickend ist ihm klar, warum die Polizei so präsent war: Man habe wohl gedacht, es handele sich um eine rechte Gruppierung und wollte sehen, was da vor sich ging. Aus dem Hobby wurde ein kleines Gewerbe, da Simon schnell viel Material zusammenhatte, das viele Freunde von ihm leihen wollten. Es kam dann aber oft kaputt oder gar nicht mehr zurück. „Also hab ich mich professionalisiert. Mit dem Fundusverleih Belldracon verlieh ich teils sogar ans Fernsehen und eben an Live-Rollenspieler. Nach ein, zwei Jahren kamen dann noch Mittelaltermärkte dazu. Equipment und Vorbereitung sind da sehr ähnlich.“ Mittlerweile hat er mit den Waldrittern ein 120 Quadratmeter großes Lager für Utensilien wie Friedhofsteine aus Styropor, Pferde auf Rollen und Steinportale. „Unser Waldritterfundus beherbergt weit über 300 Kostümteile, mein privater Fundus sicher um die 20 kompletten Kostüme“, erzählt er. Dann gründete er mit zwei Teilhabern Utopion und betrieb in der Nähe von Bexbach ein über 100 Hektar großes Live-Rollenspiel-Gelände. Als der Investor schwer erkrankte, kamen die Geschäfte ins Stocken; Simon stieg aus. Mit Phantastische Geschichten hat er jetzt neue Ziele. Aber vor allem will er spielen: den Keltenkönig Tuachal, den Rattenschamanen Radan oder den Dieb Ris. Wie er zur Rolle des Keltenkönig Tuachal kam? „Klingt komisch, aber tatsächlich durch jahrelange Arbeit innerhalb des Spiels. Ich habe in meiner Rolle als Tuachal ursprünglich einen Dieb spielen wollen“, erinnert sich Simon. Tuachal bedeutet „der Listige“. Doch schon während der ersten Stunden musste er erfahren, dass Diebe in der Keltenwelt wenig Anerkennung finden. Also entschied er sich um, und aus dem Dieb wurde ein Handwerker. So hat Simon ein Jahr einen Zimmermann gespielt − was ihm leichtfiel, denn er hat Schreiner gelernt. Dann ergab sich im Spiel die Gelegenheit, Schildträger zu werden. „Als Schildträger bezeichnen wir im Keltenlarp die Knappen“, erläutert er. „Und nach vier Jahren Knappenzeit dufte ich mich dann nach einer sehr ausführlichen Prüfung auch Krieger nennen. Da es nun aber in dem Landstrich, den wir bespielten, keinen König gab, ernannte ich mich kurzerhand selbst“, gibt der passionierte Rollenspieler zu. Am Schamanen Radan oder am Dieb Ris reizt ihn das Kontrastprogramm zum König Tuachal. „Radan steckt als Rattenschamane praktisch überall seine Nase rein und hat zu allem etwas zu sagen. Wenn’s dann aber drauf ankommt, sucht er eher das Weite“, berichtet Simon. „Ris dagegen ist eine Art Robin Hood light. Als Dieb hält er sich an einen strengen Ehrenkodex. Und versucht, nicht nur seinen Beutel zu füllen, sondern auch die Menschen zum richtigen Handeln zu bewegen.“ Nach Bayern kam Simon übrigens ebenfalls durchs Rollenspiel: über seine Freundin, die er beim gemeinsamen Hobby kennenlernte.

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