Weselberg
Unfall vor 35 Jahren: US-Pilot ehrt abgestürzten Kameraden
„Drop a nickel.“ Nickel, so wird in den USA die Fünf-Cent-Münze genannt. Einen Nickel lassen amerikanische Piloten für verunglückte Kollegen an der Absturzstelle fallen. Mit dieser Tradition gedachte Wayne Hogg seinem vor 35 Jahre bei Weselberg verunglückten Kameraden John Holmberg II. Der damals 26 Jahre junge Pilot, der aus Massachusetts stammte, war mit seiner F-16-C „Falcon“ Jagdmaschine bei Weselberg tödlich verunglückt.
Zum ersten Mal stand Hogg gemeinsam mit seiner Frau Eva an der Absturzstelle. Weselbergs Bürgermeister Michael Schmitt, den Eva Hogg im Vorfeld über die Verbandsgemeinde kontaktiert hatte, hatte die beiden auf das Feld bei Weselberg geführt, an der heute nichts mehr an den Absturz erinnert. „Hier war die Hauptabsturzstelle“, sagt Schmitt. Eine landwirtschaftliche Fläche unweit des Dorfes. Die Trümmerteile der abgestürzten F 16, „die waren überall verteilt. Auf der gesamten Fläche. Es waren kleine und kleinste Teile“, schilderte er. Der Boden, unter anderem verseucht mit Kerosin, war damals komplett ausgetauscht worden.
Der Älteste wurde immer Mama genannt
In Columbus im US-Staat Ohio waren sich Hogg und Holmberg als Piloten der US Air Force erstmals begegnet. Sie verstanden sich auf Anhieb gut, erinnert sich der Pilot, der bis heute aktiv fliegt: Verkehrsflugzeuge für die US-Fluggesellschaft Southwest Airlines.
Gemeinsam seien sie nach Florida abkommandiert worden, wo sie das Training mit der F 16 begannen, erzählt Hogg. In Florida seien sie den A-Typ der F 16 geflogen. Es sei eine gute Trainingsgruppe gewesen, die in Florida zusammenlebte und zu der neben ihm und Holmberg zwei weitere Kameraden gehörten – Alan und Chuck. Holmberg sei von allen immer „Mum“, also Mama, genannt worden. „Weil er der Älteste war“, verrät Hogg lachend.
Für Hogg ging es nach der Ausbildung, die alles in allem an mehreren Trainingsorten zwei Jahre in Anspruch genommen hatte, nach Las Vegas. Dort lernte er seine Frau Eva kennen.
Vielleicht war er ein Held
John Holmberg kam bald nach Ramstein. Dort hob er am 23. Juni 1987 zu einem Trainingsflug ab, der für ihn tödlich enden sollte. Und für Weselberg mit Glück im Unglück: Der Flieger stürzte nicht direkt über dem Ort ab, kein Zivilist wurde verletzt. Feuerwehrleute und deutsche Polizisten, die als erste am Unglücksort gewesen waren, mussten ins Krankenhaus, weil die Maschine 26 Liter des hochgiftigen Notfalltreibstoffs Hydrazin an Bord hatte, der die Triebwerke am Laufen hält, wenn die übrigen Systeme versagen. Dieser Behälter war leck geschlagen. Die ersten Helfer hatten die Dämpfe eingeatmet und über Übelkeit geklagt.
„Was wir bis heute nicht wissen, ist, woher das Flugzeug kam und ob es der Pilot über das unbewohnte Gebiet gezogen hat, um die Menschen in Weselberg zu retten“, sagt Schmitt. War es so gewesen, „dann wäre er ein Held, der viele Leben gerettet hat“, ergänzt der Bürgermeister. Der stand vor dem Besuch von Familie Hogg in Kontakt mit der Air Base in Ramstein. „Ich dachte, so viele Jahre nach dem Absturz gibt es vielleicht Informationen, die es damals nicht gab oder die man damals nicht herausgeben wollte“, sagt er. Aber es gab nichts. Keine weiteren Informationen. Vieles bleibe ungeklärt.
Ob es denkbar sei, dass man wirklich nicht sehen konnte, woher Holmberg geflogen kam, will er vom erfahrenen Flieger Hogg wissen. „Absolut. Unter dem Radar zu fliegen, gehört zum Trainingsprogramm“, sagt der heute 61-Jährige. Jeder Pilot, der merkt, dass ein Absturz unausweichlich ist, setze alles daran, seine Maschine nicht über bewohntem Gebiet abstürzen zu lassen.
Holmberg bleibt unvergessen
Es war ein Feuer-Inferno. So viel steht fest. Vom Piloten selbst fand man nichts mehr. Gerüchteweise habe es mal geheißen, man habe Fingerspitzen gefunden, sagt Schmitt. Auf dem Militärfriedhof in Arlington fand John Holmberg II. die letzte Ruhe. Wenn er in Washington zu tun habe, schaue er dort immer vorbei, erzählt Hogg. Holmberg bleibe unvergessen. Jetzt an der Stelle zu stehen, an der sein Kamerad sein Leben verlor, sei bewegend und rufe viele Erinnerungen hervor.
Die Hoggs sind auf kleiner Europareise. Belgien, Luxemburg, Deutschland und Frankreich. Seine Frau habe festgestellt, dass sie ganz nah bei Ramstein vorbeikommen würden, wo Holmberg stationiert war. Sie hatte die Idee, – wenn möglich – an die Absturzstelle zu kommen. Zum Gedenken, um den Nickel zu werfen. Zwei weitere Nickel warf Hogg stellvertretend für die beiden Ausbildungskameraden aus der Zeit in Florida. Die Münzen bleiben übrigens nicht liegen, sie werden wieder aufgehoben. Wer sie geworfen hat, behält sie als Andenken.
Beim Mähen getötet
Der Absturz bei Weselberg war einer der letzten in einer zweijährigen Serie in der Region Südwestpfalz: Im März 1985 war bei Krähenberg eine Phantom der Bundesluftwaffe abgestürzt. Im November desselben Jahres stürzte ein Aufklärungsflugzeug der US Air Force vom Typ Phantom über einer Waldlichtung zwischen Waldfischbach-Burgalben und Heltersberg ab. Im Januar 1986 stießen bei Rimschweiler zwei US-Flugzeuge vom Typ F 15 Eagle zusammen und stürzten ab. Mehrere Häuser gerieten in Brand, Bewohner wurden verletzt. Ein Mann, der wohl beim Rasen mähen von einem Trümmerteil getroffen worden war, starb. Im Juli 1986 stürzte eine Phantom der US-Luftwaffe bei Leimen ab und 1987 die F 16 bei Weselberg.