Dahn
Solotheater bewegt Schüler: Wie ein Schauspieler im gelben Anzug zu Diskussionen anregt
Betroffenheit, Verwirrung, Gekicher, Erschrecken und atemlose Stille sind nur einige der Stimmungen und Reaktionen, die Schauspieler Andreas Hammer bei der Vorstellung seines Solostücks „Lieferandi“ an zwei Dahner Schulen hervorrief. Schauspieler Andreas Hammer hat am Montag vor den Schülern des Otfried-von-Weißenburg-Gymnasiums und am Dienstag an der Realschule plus sein Solostück „Lieferandi“ aufgeführt. Jeweils die älteren Schüler ab der zehnten Klasse waren angesprochen. Eingeladen worden war Hammer, der aus der Pfalz stammt und als Profischauspieler in Leipzig lebt, von der Initiative für Demokratie und Vielfalt. Finanziert hat die Initiative eine Vorstellung über Fördergelder und die andere über eine Spende von Hand in Hand in Fischbach.
Dass es kein Theaterstück im üblichen Sinne werden würde, ahnten die Realschüler schon beim Betreten der Bibliothek. Schulleiter Michael Dürphold erläuterte den Zeitplan: „Es gibt etwa 75 Minuten Vorführung und dann eine Diskussion.“ Darauf folgt lautes und leises Getuschel: „So lange und nur ein Schauspieler, wie soll das denn gehen?“ Verblüfft sind die Schüler, als es klopft und Hammer im gelben Sportanzug mit dem großen Pizza-Liefer-Koffer auf dem Rücken den Raum mitten unter den Schülern betritt: „Hi, ich bin Andi, von Lieferandi, habt ihr eine Pizza bestellt?“ Schon bald wird klar, dass Hammer immer wieder die Schüler ins Geschehen einbezieht. Plötzlich sind die Zuschauer mitten drin und niemand denkt mehr an die angekündigten 75 Minuten.
„Ihr werdet auf jeden Fall mehr verdienen als ich“
Hammer versteht seine Kunst, füllt mit seiner Präsenz den Raum, lenkt die Zuschauer von einer Szene zur nächsten. Und sie folgen ihm: manchmal erheitert, manchmal erschüttert oder verwirrt. Der Lieferandi lässt die Schüler teilhaben an einer versuchten Ausreise aus dem sozialistischen Polen der 80er Jahre. Der Protagonist soll für die Ausreisegenehmigung Namen nennen. „Was würdet ihr tun?“ fragt Hammer die Schüler.
Bei der anschließenden Diskussion wollen die Schüler wissen, ob Hammer die Begebenheiten alle selber erlebt hat. Ohne Scheu gibt er seine Quellen preis, erläutert, woher der Stoff ist und wie der Prozess gelaufen ist, das Stück zu erarbeiten. Nebenbei gibt er einen kleinen Einblick in den Verdienst von Profischauspielern, er lässt die Schüler selber rechnen und endet gesellschaftskritisch: „Wer von euch möchte später mal im Kultursektor arbeiten? Niemand? Gute Wahl, ihr werdet auf jeden Fall mehr verdienen als ich.“ Was er vom Sozialismus hält oder von Nationalstolz, wollen die Schüler wissen. Hammer beantwortet die Fragen der Schüler offen, nimmt sie ernst, spielt gekonnt die Bälle zurück: „Was ich davon halte, ist eigentlich gar nicht so wichtig, was haltet ihr denn davon?“ Es wird schnell deutlich, dass es einige Sympathisanten von rechts-konservativen Weltanschauungen unter den Schülern gibt.
„Bei uns ging es eher um Spaß“
Großen Raum nimmt die Diskussion über soziale Netzwerke ein. Hammer macht deutlich, dass nicht alles Wahrheit ist, was dort als solche verbreitet wird und wie oft den Schülern manipulierte Inhalte begegnen. Er fordert sie auf, kritischer zu sein, die Quellen zu prüfen und die Fakten zu checken. Dem Schauspieler ist es ein Anliegen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich die Grenzen derzeit verschieben. „Rechtsextremes Gedankengut wird wieder gesellschaftsfähig und als konservativ verkauft. Diese Verschiebung dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Wir müssen darüber sprechen, Gemeinsamkeiten und Wege finden, wie wir wieder miteinander diskutieren können“, unterstreicht Hammer.
Die Vorstellungen in Schulen machen ihm besonders viel Spaß: „Das sind tolle Begegnungen, weil sie einfach unmittelbar sind; was es nicht immer einfach macht“, berichtet er. Hammer war selber Schüler am OWG. Der Auftritt an seiner ehemaligen Schule sei mit vielen Erinnerungen verbunden gewesen. „Meine Schulzeit war nicht so politisch besetzt wie die der Kids heute, bei uns ging es eher um Spaß“, erzählt er lachend. Soziale Medien hätten damals noch keine so große Rolle gespielt. „Damals war ich als Schülersprecher vehement gegen ein Handyverbot an der Schule. Heute würde ich sagen: erst mal Geschichtsunterricht und Sozialkunde und dann den Umgang mit Medien lernen, nicht nur benutzen.“