Kreis Südwestpfalz Sag mir, wo die Störche sind

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Jessica meldet sich nach fast zwei Monaten Funkstille aus Dori in Burkina Faso. 5000 Flugkilometer hat der junge Storch zurückgelegt und dabei die Sahara überquert. Für die Vogelfreunde im Zweibrücker Land ist es eine Freude, dass Jessica, das Storchenbaby vom Kirschbacherhof, wieder Funksignale aus Afrika sendet (wir berichteten am 29. Oktober im überregionalen Teil). Eigentlich hatten die Vogelkundler hier wie in der Vogelwarte in Radolfzell an der deutsch-schweizerischen Grenze vermutet, dass Jessica etwas zugestoßen ist.

Vogelexperte Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut am Bodensee hatte die Storchengeschwister Jessica, Lieselotte und Emma am 14. Juni in ihrem Nest auf dem Hofgut beringt und Solar-Sender von etwa 50 Gramm auf ihren Rücken befestigt. Jessica war damals mit 3100 Gramm das schwerste Storchenbaby. Schon am 24. Juli funkte Jessica die ersten GPS-Daten aus Sélestat an der Elsässischen Weinstraße. Der Jungstorch verließ mindestens drei Wochen früher als erwartet seine Geburtsregion Hornbachtal, um das unbestimmte Reiseabenteuer Afrika anzusteuern. Weitere Stationen durch Frankreich waren Besançon, Lyon und Montpellier – bis er über die Costa Brava Spanien erreichte. Der Flug wurde weitgehend an der Küstenregion des Mittelmeeres bis an die Meerenge von Gibraltar fortgesetzt. Spanien durchquerte Jessica von Mitte August an. Nun folgte Marokko auf dem afrikanischen Kontinent. Hier waren Marrakesch und Zag die Zielorte, wo am 29. August von der marokkanischen Grenze zu Algerien die letzte Meldung kam. Ältere Forschungsergebnisse besagen, dass der Weißstorch für seine große Reise nach Afrika bis zu 80 Tagen benötigt. Die Rückkehr im Frühjahr – vom Bruttrieb bestimmt – wäre dagegen oft schon nach 25 Tagen abgeschlossen. Nun sollte wohl der gefährlichste Reiseabschnitt durch die Felsen- und Sandwüste Nordafrikas bevorstehen, die Sahara, das größte Wüstengebiet der Erde. In der Ausdehnung fast so groß wie Europa. Den Vogelexperten ist bekannt, dass über der Sahara das Handynetz mehr als lückenhaft ist. Doch niemand hätte vermutet, dass es von Jessica zwei Monate keinen Funkkontakt mehr gibt. Diese beängstigend lange Zeit ohne Lebenszeichen bedeutete für die Vogelkundler, dass Jessica in der Wüste ihr Leben verloren hat. Was sich dort zugetragen hat, würde man wohl nie erfahren. Plötzlich kommen dann doch wieder Signale: aus der Grenzregion der Nachbarstaaten Mali, Nigeria und Burkina Faso, wo sich Jessica hin und her bewegt. Es ist die Flusslandschaft des Niger, der in seinem Uferbereich die Lebensader für 110 Millionen Menschen ist. Seit dem Wochenende ist der Storch beim Städtchen Dori an einem Seitengewässer mit Seenlandschaft zum Niger eingetroffen, um Kräfte zu tanken, da er seinen Standort noch nicht verlassen hat. Für Hans Göppel vom Naturschutzbund im Zweibrücker Land ist das die unglaubliche Reise eines Storchenkindes. Es sei ein echter Jungfernflug, bei dem man sich auf keine Erfahrungswerte stützen kann. Jessica ist für Göppel eine mutige Abenteuerin. Er hofft nur, dass sie nicht noch wegen ständiger, möglicherweise unerlaubter Grenzübertritte Probleme bekommt. Außerdem wünscht er sich, dass sie im Frühjahr wieder gesund irgendwo in der Pfalz gesichtet wird. Der Stromtod von Emma an einer Bahnlinie in Frankreich sei traurig genug. Welchen Weg durch die Sahara unser Storchenkind vom Kirschbacherhof eingeschlagen hat bleibt für immer ein Geheimnis, weil die so wichtigen Signale eines Flugabschnittes fehlen. Hier hätte man gerne gewusst, ob der Storch einen Zickzackkurs wählt, der möglicherweise Kräfte schonend ist und sich nach den unverzichtbaren Nahrungsplätzen richtet. Der Vogel benötigt mit Sicherheit Rastplätze, um verlorene Energie zu tanken, denn die Sahara hat eine Breite von mindestens 1500 Kilometern. Dies ist nur in einem Etappenflug zu schaffen. Außerdem gibt es Temperaturschwankungen bis zu 50 Grad zwischen der Sonnenhitze des Tages und der kalten Nacht. Trotz vermutlich bester Thermik über der Wüste, eine enorme Anstrengung für den Weißstorch. Die Vogelkenner glauben, dass Jessica kaum noch tiefer nach Afrika hinein fliegen wird, denn jetzt beginnt der ungemütliche Regenwald des Kontinentes. Unsere Lieselotte von der Pfalz, die ebenfalls auf dem Kirschbacherhof aufgewachsen ist, hält sich seit einigen Tagen bei Saragossa im Tal des Flusses Ebro auf. Der Reiseweg des Jungstorches ging über Saint Avold, Lyon, Montpellier, den Zwergstaat Andorra in den Pyrenäen bis zur Stadt Lleida in Katalonien, wo sich Lieselotte auf einer Mülldeponie wohlfühlen soll. Sicher kein ungefährlicher Futterplatz. Möglicherweise sind um Saragossa die Temperaturen in den kommenden Monaten angenehmer als in der Nähe des Hochgebirges zwischen Spanien und Frankreich. Bei Lieselotte vermuten die Vogelkenner, dass sie nicht den Drang verspürt bis Afrika zu reisen, was viele Störche nicht mehr tun, da sie sich in Spanien und Portugal bereits wohlfühlen über die Winterzeit.

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