Klimawandel RHEINPFALZ Plus Artikel Südwestpfalz: Was bedeutet es, wenn der Winter ausfällt?

Früher als gewohnt fängt die Natur am Rodalber Trimm-dich-Pfad nach dem ausgefallenen Winter an zu erwachen.
Früher als gewohnt fängt die Natur am Rodalber Trimm-dich-Pfad nach dem ausgefallenen Winter an zu erwachen.

Ein Winter fast ohne Schnee, kaum Frost , keine hohen Minusgrade. Winzer konnten keinen Eiswein herstellen, weil die erforderlichen 7 Grad minus nicht erreicht wurden. Inzwischen treiben Pflanzen aus, so früh wie noch nie. Welche Folgen hat das? Die RHEINPFALZ fragte nach bei Forst und Landwirtschaft.

Michael Grünfelder, der Leiter des Forstamts Hinterweidenthal, bezieht sich auf Daten der Wetter- und Niederschlagmessstation Merzalben. 360 Liter pro Quadratmeter seien im ersten Quartal bereits an Niederschlagswasser gefallen, stellt er fest. Anteilig habe diese Menge den Jahresdurchschnitt – er liegt bei 1000 Liter im Pfälzer Wald – seither deutlich übertroffen mit positiven Folgen: Das Grundwasser sei weitgehend aufgefüllt, die Vegetation finde ideale Bedingungen vor.

Vorteil: Vegetation hat mehr Zeit

Bei den Temperaturen fiel Grünfelder der mittlere Wert von 4,2 Grad im ersten Quartal auf. Dieser Wert sinke in kalten Wintern auf 1 Grad, im Durchschnitt der letzten Jahre pendle er sich bei zweieinhalb Grad ein. Mit dem Anstieg der Temperatur gingen durchaus auch Vorteile einher. Weil das Frühjahr früher einsetze, stehe der Vegetation mehr Zeit zur Verfügung. Die Wälder könnten „ihre Systemleistungen länger erbringen“, das heißt etwa, mehr CO2 binden.

Nachteil: Auch Borkenkäfer kann früher starten

Andererseits büßten die Laubbäume mit steigenden Temperaturen ihren natürlichen Frostschutz durch die gespeicherten Salze ein. Angesaugtes Wasser nämlich bewirke eine Verdünnung, was die Bäume bei Spätfrösten gefährde, zumal dann, wenn sie schon ausgetrieben hätten. Zugleich bedeute ein frühes Frühjahr, dass auch die Gegenspieler der Bäume sich früher entwickelten. Der Borkenkäfer zum Beispiel könne „vierzehn Tage früher starten“, übers Jahr mehrere Generationen anlegen und dadurch „eine Übervermehrung erzeugen“. Überhaupt steige in heißen Sommern die „Zahl der Gegenspieler“. Wassermangel führe zu Vitalitätsverlust der Bäume und erhöhe die Anfälligkeit für Schädlinge. Selbst die Kiefer, die „hart im Nehmen“ sei, werde dann anfällig für Mistelbefall. Pilze breiteten sich aus, weniger die Speisepilze als die schädlichen Sorten.

Frühe Blütezeit schlecht für Bienen

Unter der früh einsetzenden Blühphase hätten auch die Bienen zu leiden. Während der Blütezeit befänden sie sich „noch in der Ruhe“, später fehle ihnen die Nahrung. Besonders nachteilig betroffen sei außerdem der Kuckuck. Bis er eintreffe, sei „die Brut meist schon durch“.

„Der Vegetationsablauf ist verstellt, er ist mindestens um 14 Tage vorgerückt“, beobachtet Grünfelder. Mit den Veränderungen stiegen die Risiken für den Wald. Zwar hätten Buche und Eiche noch keine Probleme mit der Wasserversorgung, aber die Gefahren nahten. „Wir müssen uns gegen den Klimawandel stellen und den Wald umbauen“, folgerte Grünfelder aus der sich verschärfenden Entwicklung. Erforderlich seien „mehr Baumsorten, um die Risiken zu verringern“, und Mischwälder zur Vorsorge gegen die Ausbreitung von Schädlingen.

Landwirtschaft: Frühere Getreideernte

Die Lage der Landwirtschaft erläuterte Manfred Nafziger vom Wahlbacherhof bei Contwig. „Die Folgen werden wir erst im Sommer genau kennen“, meinte er. Unbeschadet bleibe wohl das Getreide. Ein paar Frosttage habe es gegeben, sie seien ausreichend für das Wachstum des Wintergetreides. Dafür genüge auch die Niederschlagsmenge. Nafziger erwartet eine frühe Ernte. Vor 40 Jahren habe der August als Erntezeit gegolten, mitunter noch der September. Doch in den letzten Jahren sei die Ernte in den Juli vorgerückt. An dem Erntedatum zeigten sich die Auswirkungen der höheren Temperaturen. Die Erntezeit hänge ab von Wärme, Hitze und Trockenheit eines Sommers.

Unsicherheit bestehe am längsten bei der Obsternte, weil späte Nachtfröste wie im Jahr 2017 noch erhebliche Schäden anrichten könnten. Die Bäume trieben schließlich schon früh aus. Aus Sicht der Vogelschützer sei erfreulich, dass viele Insekten den Winter überstanden hätten. Damit fänden die Vögel mehr Nahrung vor. „Natürlich haben auch Insekten überlebt, die wir nicht mögen“, so Nafziger, „aber mit dem Klimawandel müssen wir nun einmal leben“.

Der Boden sei nun „nach dem vielen Regen recht fest geworden“. Wenn der Landwirt „zu früh mit der Bearbeitung“ beginne, könne dies vor allem bei Lehmböden Schäden verursachen. Folglich gelte es abwarten, bis der Boden „hinreichend abgetrocknet ist“.

„Ein paar schöne Landregen“ im Mai und Juni täten dem Wachstum der Sommerfrüchte gut. Dies treffe auch für das Gedeihen von Gemüse und Kartoffeln zu. Hier sei allerdings davon auszugehen, dass wieder das „Beregnen unverzichtbar“ werde, „wenngleich der Boden jetzt nass genug ist“.

Mehr auf Produkte der Saison setzen

Das Wetter passe nie für alle Früchte zugleich. Eine alte Bauernweisheit heiße: „Wenn das Heu verdirbt, wächst der Hafer“. „Ich will damit sagen, dass das Wetter immer nur gut ist für einen Teil der Vegetation“, sagte Nafziger und hängte eine kritische Anmerkung hinsichtlich des Klimaschutzes an: „Wir bekommen dies heute nicht mehr mit, weil es in den Geschäften die Produkte zu allen Jahreszeiten zu kaufen gibt. Nachhaltig wäre es allerdings, auf die Produkte zurückzugreifen, die gerade bei uns vorrätig sind“.

Keine Probleme bereitet der ausgefallene Winter der Familie Kill vom Bärenbrunnerhof. In der Viehzucht sei der Klimawandel „weniger spürbar“, verlautete von dort. Allenfalls fange das Gras an früher zu wachsen, womit denn frisches Futter zur Verfügung stehe.

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