Waldfischbach-Burgalben RHEINPFALZ Plus Artikel Reportage: Beim Friseur nach der Öffnung

Kurt Kai Kettenring und Mitarbeiterin Michelle Brämer kümmern sich um die Haare von Stammkundin Stefanie. Für die Kunden hat Ket
Kurt Kai Kettenring und Mitarbeiterin Michelle Brämer kümmern sich um die Haare von Stammkundin Stefanie. Für die Kunden hat Kettenring einen Halter ähnlich einer venezianischen Maske geformt. Der Gesichtsschutz Maske kann eingeklemmt werden, sodass der Friseur die Konturen rund um die Ohren in Form bringen kann.

Montagmorgen, 8.30 Uhr. Die historische Kirchentür in der Hauptstraße in Waldfischbach-Burgalben öffnet sich. Dahinter das, worauf viele seit sechs Wochen sehnsüchtig warten. Ein Friseursalon, in dem Haare geschnitten, geglättet, gefärbt, geföhnt werden. „Ich freue mich“, ist der meist gehörte Satz an diesem Montag im Hairdom.

Die Stammkunden sind froh, dass sie ihre Friseure wieder sehen, und die Mitarbeiterinnen im Hairdom freuen sich auf die Kunden. „Ich habe heute nur nette Kunden“, freut sich Friseurin Michelle Brämer auf den ersten Arbeitstag nach der Zwangsschließung und bekennt: „Ich war sogar ein bisschen aufgeregt“.

Seit dem 21. März war der Hairdom in Waldfischbach-Burgalben geschlossen, bedingt durch die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Lockdown in Deutschland, das bedeutete für manchen: Locken down, wenn sich die Haare nicht mehr wellten wie gewünscht. Kein gutes Gefühl war es, wenn aus dem modischen, teils mit Undercut versehenen Kurzhaarschnitt ein gefühlter Bobtail erwuchs. Von Undercut und Cut, also Schnitt, nichts mehr zu sehen. Und dann die Farbe. Aschgraue Strähnen statt goldfarbener Glanzeffekte.

„Wie in Star Wars“

„Wir Friseure sind ja so nebenbei auch Psychologen, Pädagogen, Seelentröster“, sagt Kurt Kai Kettenring, Inhaber des Hairdoms. Haare schneiden, ergänzt er lachend, „ist ja manchmal nur Nebensache“. An diesem Tag nicht. Da ist Haare schneiden wichtig. „Heute ist der glücklichste Tag in meinem Leben“, sagt ein Kunde und lächelt, als Friseurin Lena Urich fragt, wie es ihm denn so geht. Schnipp, schnapp, Haare ab. Pures Glücksgefühl. Bei Männern und Frauen, die sich zahlenmäßig die Waage halten.

Gut, dass sich Kunden und Friseure bestens kennen. Wiedererkennen ist am Premierentag mit einigen Schwierigkeiten verbunden: Der Kunde trägt Mundschutz, manchmal Handschuhe, die Mitarbeiter tragen Masken, Handschuhe und Visier. „Ich fühle mich damit ein bisschen wie in Star Wars“, sagt Michelle Brämer schmunzelnd zum neuen Utensil, das wohl für längere Zeit Bestandteil der Arbeitsbekleidung sein wird. Statt zum Laserschwert greift der „Star Wars“-Friseur zu Kamm und Schere.

Grauer Ansatz hat keine Chance

Oder er nimmt Farbe und Pinsel in die Hand. So wie sich an den Jahresringen ablesen lässt, wie alt ein Baum ist, lässt sich an der Zentimeteranzahl des grauen Ansatzes ablesen, wie lange der letzte Friseurbesuch zurückliegt. Haare wachsen im Schnitt zwischen 1,5 und zwei Zentimeter pro Monat. Das Lockdown-Symbol grauer Haaransatz hat keine Chance mehr. Janine Megel greift zum Pinsel, in der kleinen Schüssel ist das Gold des Friseurhandwerks: Haarfarbe. Pinseln, einziehen lassen, und gefühlt ein neuer Mensch verlässt den Salon.

Die sonstige Leichtigkeit des Seins beim Friseur erfährt durch die verschärften Hygieneregeln Einschränkungen. Das außer Kraft gesetzte Vermummungsverbot sorgt für beschlagene Brillen und Visiere bei Mitarbeitern und Kunden. Doch da ist noch mehr: „Hallo, guten Morgen. Bitte erst mal im Waschraum die Hände waschen und desinfizieren“. Friseurin Michelle Buber weist die Kunden in die neue Hygieneetikette ein.

Goldene Säulen, faltbare Wand

Dann heißt es Platz nehmen. „Bei uns war es räumlich noch relativ gut umsetzbar, dass wir die Mindestabstände einhalten“, sagt Kettenring. Jeder zweite Platz bleibt frei. Da die Plätze versetzt sind, mussten keine Abtrennungen eingebaut werden. Nur im Waschbereich bei den Frauen. „Da habe ich meiner Kreativität freien Lauf gelassen“, sagt Kettenring. Schnöde Duschvorhänge zum Trennnen? Nein. In der schneidefreien Zeit hat Kettenring goldene Säulen gebastelt. „Aus großen Papprollen“, verrät er deren Innenleben. Goldene Säule kombiniert mit faltbarer Wand ergibt die geforderten getrennten Waschplätze. Die sind wichtig. Denn bevor richtig Hand an die Haare gelegt wird, heißt es erst einmal Haare waschen.

Weniger Plätze bedeutet, „dass wir im Moment statt der üblichen 20 bis 24 Kunden pro Tag nur zehn bis zwölf Kunden bedienen können“, erläutert Kettenring. Trotz der um eine Stunde verlängerten Öffnungszeit, Mitarbeiterinnen, die im rollierenden System arbeiten, und ständiger Desinfektion. „Wir sind auf Wochen ausgebucht. Aber auch, weil viele unserer Kunden ihre Termine frühzeitig durchplanen“, ergänzt er. Die Planung wurde bei einigen aber gehörig durcheinandergewirbelt. „Das erfordert eine Menge Logistik“, sagt Kettenring zur Terminplanung. Für die ist Stefanie Käfer zuständig. „Hairdom Waldfischbach-Burgalben“, meldet sie sich immer wieder. Telefonieren mit Maske? Geht. „Ich habe nur Kunden am Telefon, die sich einfach freuen, dass es wieder Termine gibt“, sagt Käfer. Seit etwas mehr als zwei Wochen telefoniert und telefoniert sie. Die Kunden wurden angerufen, zunächst die, die zuerst vom Lockdown betroffen waren. Termin um Termin wurde abgestimmt. In der Anfangsphase auch montags – sonst der obligatorische Friseur-Frei-Tag.

Haare ja, Augenbrauen nein

Auf den obligatorischen Kaffee oder Tee, der das Pläuschchen unter Freunden sonst abrundet, „müssen Sie im Moment leider verzichten“, erklärt Kettenring einer Kundin. In den neuen Tratschblättern schmökern – „sorry, geht nicht wegen der Hygienebestimmungen“, erklärt der Chef. Stattdessen wird mehr erzählt. Thema: natürlich Corona und die Auswirkungen. Erste Videokonferenz im Leben – „und das mit den Haaren“. In dem Moment, in dem die Haare fallen, kann über diese Homeoffice-Episode gelacht werden.

Dann die regionalen Unterschiede, bei wem was geht, was nicht geht. „Mir hat eine Kundin erzählt, dass Kosmetikstudios wieder öffnen dürfen“, sagt Kettenring. Stimmt, „aber nur in Sachsen-Anhalt“, kommt der entscheidende Zusatz. Aber wenn dort ..., „dann vielleicht ja auch bald bei uns“, hofft Kettenring. Zum Hairdom gehört ein Kosmetikstudio. Neben den Haaren auch die Augenbrauen zu färben, ist derzeit auch nicht erlaubt. „Wer Friseur wird, ist ja ein kommunikativer Mensch, hat gerne Sozialkontakte. Die haben doch gefehlt“, bedauert er. Und die Schließung hat Geld gekostet, ebenso wie das Arbeiten unter den aktuellen Bedingungen. Weniger Kunden, mehr Aufwand. Beziffern lässt sich das noch nicht.

Zweite Welle?

„Ich bin so froh, dass ich wieder zu meinem Lieblingsfriseur und dem tollen Team hier kann“, sagt Stammkundin Stefanie, die normalerweise einmal pro Monat kommt. Jetzt hieß es warten. Klar schwingt bei allen ein bisschen Sorge mit, dass eine zweite Ansteckungswelle zur erneuten Schließung der Salons führen könnte. „Hoffentlich nicht“, sagt Stefanie. Ein Friseurbesuch – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – ist eben gut für die Seele.

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