Kreis Südwestpfalz „Plärren und heulen hilft nicht“

„Ich rede viel mit den Kindern und versuche, ihnen zu vermitteln, dass es ganz wichtig ist, überhaupt mal auszuprobieren“, sagt
»Ich rede viel mit den Kindern und versuche, ihnen zu vermitteln, dass es ganz wichtig ist, überhaupt mal auszuprobieren«, sagt Carola Becker – hier mit Grundschülern in Stambach. Was sie generell beobachtet: »Auch der Umgang mit Misserfolgen ist wichtig für die Kinder. Viele Kinder können damit heute gar nicht mehr umgehen. Die rasten komplett aus, wenn irgendwas schiefläuft.«

«Contwig.» Was Kinder früher als Rollschuhfahren kannten, hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Carola Becker bringt Grundschulkindern das Inlinefahren näher. Vergangene Woche war sie zusammen mit einer weiteren Trainerin an der Grundschule Stambach und am Montag dieser Woche an der Bechhofer Grundschule. Im November folgen zwei Inliner-Tage an der Grundschule Rimschweiler. In Stambach hat unser Mitarbeiter Mario Moschel mit ihr gesprochen über die Sportart, den pädagogischen Nutzen des Projektes, glückliche Kinder und mehr.

Frau Becker, der Inliner-Tag mit den Stambacher Grundschülern der dritten Klasse ist gerade vorbei. Wie war es und wie viele Kinder haben mitgemacht?

Sehr gut. In der ersten Gruppe waren 15 Kinder, in der zweiten Gruppe 20, und gestern waren wir mit den vierten Klassen hier, das waren auch jeweils über 20 Kinder. Ist das Unterrichten von Grundschulkindern etwas Neues für Sie? Nein, dieses Alter unterrichte ich schon seit über 20 Jahren. Angefangen hat das alles, als Schulen bei uns angefragt haben, ob wir vereinzelt für Schulen solche Kompaktkurse anbieten können. Irgendwann hat die Stadt Homburg, wo wir ja herkommen, das Projekt unterstützt, dann ist die Sparkasse mit eingestiegen, und dann hat sich das auf die Südwestpfalz ausgedehnt. Das heißt, die Sparkasse Südwestpfalz unterstützt ebenfalls die Schulen, sodass jeder Schüler kostenlos mitmachen kann. Und das ist ziemlich cool, dass bis auf vier Stück alle Grundschulen mitmachen. Wie viele Schüler haben Sie in diesem Jahr bei dem Inliner-Projekt unterrichtet? Um die 1500. Kommt da was zurück? Oh ja. Es kommt sehr viel zurück. (lacht) Hier ist ja das Eishockey in Zweibrücken relativ nah, da gibt es dann viele Schüler, die im Sommer inlineskaten und im Winter dann anfangen, Eishockey zu spielen. Die kennen mich dann meist auch schon und zeigen mir, was sie in der Zwischenzeit alles gelernt haben. Und das ist genau das, was wir machen wollen. Wir wollen nicht, dass das Schulprojekt eine einmalige Geschichte bleibt. Wir wollen an die Schulen gehen, einen neuen Sport vorstellen, und wir wollen, dass jeder es zumindest einmal versucht, sich auf die Rollen zu stellen, um sich dann zu entscheiden. Entweder ist es was Cooles, was den Kindern Spaß macht, oder es ist nicht so ihr Ding. Dann kann man sich entscheiden, ob man sich gescheites Material kauft oder es doch lieber bleiben lässt. Und als nächstes steht dann die Vereinssuche auf dem Plan, denn dort gibt es ganz andere Trainingsmöglichkeiten. Wie ist die Quote der Begeisterten? 99,9 Prozent der Schüler machen weiter, würde ich schätzen. Es gibt sehr selten Kinder, die die Sachen in die Ecke werfen. Wir hatten heute ein paar Kinder, die haben sich nicht getraut, oder die Eltern haben es ihnen nicht erlaubt, mitzumachen. Die haben auf der Bank gesessen und kamen dann hinterher und haben versprochen, dass sie im kommenden Jahr dabei sind. Die wussten noch nicht genau, was hier so passiert. Ich rede viel mit den Kindern und versuche, ihnen zu vermitteln, dass es ganz wichtig ist, überhaupt mal auszuprobieren. Erst nach dem Ausprobieren kann ich entscheiden, ob ich etwas mag oder kann oder nicht, das gilt ja genauso für das Lernen in der Schule. Auch der Umgang mit Misserfolgen ist wichtig für die Kinder. Viele Kinder können damit heute gar nicht mehr umgehen. Die rasten komplett aus, wenn irgendwas schiefläuft. Das ist ein Lernprozess. Plärren und heulen hilft nicht. Das heißt, diese Lernprozesse beim Inlinerfahren beschränken sich nicht auf Bewegung und Sport, sondern die gelten auch für den Unterricht. Also ist das, was so locker aussieht bei Inlinern, auch pädagogisch anspruchsvoll? Auf jeden Fall. Viele Sportarten sind pädagogisch anspruchsvoll und können helfen, Kinder im Unterricht ganz andere Menschen werden zu lassen. Denn im Sport, den ich nachmittags ausübe, will ich. Das Interesse des Kindes ist also da, das heißt, es wird sich an die Spielregeln halten. Und dann kann ich das auch im normalen Schulunterricht umsetzen. Vielen Kindern hat das schon geholfen. In zwei Stunden versetzt man natürlich keine Berge. Ich kann den Kindern nur einen Anstoß geben. Gibt es Rückmeldungen von den Schulen später, die hinausgehen über Floskeln wie „es war schön“? Ja, klar. Gerade von hier, also Stambach, wird es ganz sicher Rückmeldung geben, denn wir hatten Kinder mit Down-Syndrom dabei. Es ist natürlich eine Herausforderung, Kinder mitzuziehen, die körperlich oder geistig behindert sind. Die haben wahnsinnige Erfolgserlebnisse. Solche Sachen sind nur möglich, wenn man zu zweit an einer Schule ist. Und das wiederum können sich viele Schulen aus eigenen Mitteln nicht leisten. Da sind wir froh, dass die Sponsoren den Schülern solche gemeinschaftlichen Erlebnisse schaffen können. Voriges Jahr war das Inliner-Projekt zum ersten Mal in der Südwestpfalz, da war ich noch alleine an den Schulen. Wir haben im vergangenen Jahr gemerkt, dass beispielsweise manche Klassen zu groß sind für einen Trainer allein oder viele Inklusions- oder Integrationskinder dabei waren.

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