Waldfischbach-Burgalben
Nicht vergessen: Was Schüler von Zeitzeugen über Judenverfolgung lernen
„Stellt euch vor, ihr würdet heute ausgegrenzt oder verfolgt – zum Beispiel, weil ihr dunkle Haare habt. Oder wegen etwas anderem, das ihr euch nicht ausgesucht habt, bei dem ihr keine Wahl habt“, wies Colette Strauss die zehnte Klasse der Integrierten Gesamtschule Daniel Theysohn in Waldfischbach-Burgalben an. So erging es den jungen Juden während des Dritten Reiches in Deutschland, in der Pfalz und in Waldfischbach-Burgalben.
Seit der Kindheit gewachsene Freundschaften wurden verboten: „Plötzlich durften es keine Freunde mehr sein. Einfach weil es jüdische Kinder waren.“ Colette Strauss und ihr Mann Jean Luc verdeutlichten den Schülern, wie aus gleichaltrigen Freunden Feinde wurden, die im Ort verfolgt wurden, denen man Hunde nachhetzte.
Jean Luc und Colette Strauss leben in Paris. Jean Luc ist ein Nachfahre der Familie Strauss, zu deren Gedenken der Künstler Günther Demnig im Mai in der Schillerstraße in Waldfischbach-Burgalben drei Stolpersteine verlegt hat. Fünf Stolpersteine wurden für Familie Grünewald in der Hauptstraße verlegt. Die Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Familien im Dorf soll erhalten bleiben. „Daran habt ihr großen Anteil“, sagte Karola Streppel vom Arbeitskreis Geschichte der Juden in Pirmasens den Schülern. Mehr als zehn Jahre habe man sich bemüht, an die Geschichte der beiden Familien zu erinnern. Dass Schülerinnen der IGS vor einigen Jahren bei einem Vortrag aus den Erinnerungen von Ruth Strauss vorlasen, habe viel dazu beigetragen, dass das Projekt forciert und schließlich umgesetzt wurde.
Stolpersteine erhalten Erinnerung
Ruth Strauss, damals wie die Zehntklässler der IGS im Teenageralter, war eine Cousine des Großvaters von Jean Luc Strauss. Sie gehörte zu den sogenannten Kindern von La Guette. Das waren pfälzische Kinder, die 1939 aus Nazi-Deutschland gerettet und nach Frankreich gebracht wurden. Ruth Strauss überlebte und wanderte später in die USA aus. Es habe ihr viel bedeutet, sagte Colette Strauss, dass junge Menschen in ihrem ehemaligen Heimatdorf zum Gedenken beigetragen haben – IGS-Schüler Johannes Germann half zum Beispiel beim Verlegen der Stolpersteine. Mit Blick auf Syrien, die Ukraine und andere Kriegsgebiete verdeutlichte sie, dass immer noch viele Kinder und Jugendliche gezwungen seien, ihre Heimat zu verlassen.
Jean Luc Strauss hatte regelmäßig Kontakt zu Ruth Strauss. Im Juli dieses Jahres ist sie gestorben. Auch das Haus, in dem sie gelebt hatte, steht nicht mehr. Wenige Wochen nach der Stolperstein-Verlegung wurde es abgerissen. Die Stolpersteine im Gehweg halten die Erinnerung aufrecht.
Es geht nicht um Schuld
Ruth Strauss wäre eine Zeitzeugin gewesen. Diese werden immer weniger. Auch die zweite und dritte Generation, Angehörige wie Jean Luc Strauss, seien wichtig, um die Schrecken, die hinter den Daten und Fakten der Judenverfolgung stehen, auf persönlicher Ebene nachvollziehbar zu machen. Deshalb ist das Ehepaar immer wieder in pfälzischen Schulen zu Gast und erzählt die Familiengeschichte von Jean Luc. „Der Gedankenaustausch mit den jungen Deutschen ist uns wichtig.“ Es gehe nicht um Schuld, schon ihren Eltern sei es nie darum gegangen. Die Erinnerung müsse erhalten werden, sagte Colette Strauss und zitierte den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der gesagt hatte: „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“.
Jean Luc Strauss hat die Geschichte seiner Familie recherchiert, arbeitet weiter daran und möchte diese den jungen Menschen mitteilen. Es ist die Geschichte der Familien Levy, Mann, Moses, Strauss und Wälder, die in der Westpfalz lebten. Anfang der 1933er Jahre waren es 239 Mitglieder in der Pfalz, zum Beispiel in Höheinöd, und 18 in Benelux-Staaten. Nach der Machtergreifung der Nazis stieg der Druck auf die jüdischen Bürger. Immer mehr verließen schweren Herzens die deutsche Heimat. 182 Familienmitglieder gingen. Sein Opa Hans sei 1933 nach Dijon in Frankreich ausgewandert. 1936 schaffte es ein Bruder seines Großvaters nach New York. Eine Schwester seines Großvaters reiste zwei Jahre später nach Argentinien aus, und 1939 folgte ein weiterer Bruder, der über Shanghai nach San Francisco auswanderte. Über Shanghai, „weil Juden damals dort kein Visum brauchten“, erzählte Jean Luc Strauss den Schülern.
Keine Familienmitglieder mehr in der Westpfalz
Wer nicht floh, starb in der Regel. 68 Mitglieder der Familie wurden in Vernichtungslager gebracht. Dort wurden 66 ermordet, „zwei konnten fliehen“, sagte Strauss. Versuche, ein Kind zu retten, indem es der Vater, der Arzt war, für geisteskrank erklären ließ, um es vor der Verfolgung zu schützen, blieben erfolglos. Das Kind wurde in Folge des Euthanasie-Programmes ermordet. Zwischen 1933 und 1945 kamen in der gesamten Familie 14 Kinder zur Welt. Ein Kind, Franziska, „leider in Auschwitz“, erinnerte Strauss. Dort starb sie im Alter von fünf Jahren. Die Judenverfolgung hat zur Folge, dass Jean Luc Strauss auf der ganzen Welt Verwandte hat, weil die Vorfahren flohen. In der Westpfalz leben keine Angehörigen mehr.
Für die Schüler brachte der Vortrag viele Erkenntnisse. Vieles überraschte sie, manches beeindruckte sie, wie Abbé Glasberg, der jüdische Kinder unter seiner Kutte versteckte, um sie zu retten.