Erlenbach bei Dahn
Natur im Wandel: Projekt will Hirtenwege schaffen
Der Anblick von Wanderschäfern, die mit ihren Herden durch die Landschaft ziehen, sei früher selbstverständlich gewesen, sagt Friedericke Stakelbeck, Direktorin des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen.
Bei ihrem Weg durch die Natur schufen die Tiere eine einzigartige Kulturlandschaft: Dichte Mischwälder wechselten sich mit weiten Wiesen und Felsformationen ab. Felsen und Wald sind geblieben, doch die Weidelandschaft verschwindet zusehends. Ohne die Weidetiere breitet sich ungehindert Buschwerk aus und die Artenvielfalt, die die Wiesen und Weiden auszeichnete, geht verloren.
Kleine Parzellen, viele Besitzer
Das will das Biosphärenreservat ändern. Seit rund zwei Jahren läuft das Projekt „Neue Hirtenwege im Pfälzerwald“. Dort, wo es keine Wanderschäfer mehr gibt, will das Projekt die Beweidungsformen zurückbringen – mit Schafen, Ziegen und Rindern, berichtet die Projektverantwortliche Anna-Maria Marstaller. Damit die Tiere ungehindert ziehen können, soll nach und nach Land gekauft oder langfristig gepachtet werden. Die Suche nach geeigneten Flächen, unter anderem in der Südwestpfalz, laufe bereits.
Die große Herausforderung ist dabei die kleinteilige Besitzstruktur. Um eine größere, zusammenhängende Weidefläche zu erhalten, müsse mit hunderten Parzelleneigentümern gesprochen werden. Doch nur dann, wenn es eine Mindestgröße an zusammenhängenden Flächen gebe, könne eine nachhaltige Beweidung begonnen werden, erklärt Marstaller. An einigen Stellen, wie am Haardter Schloss bei Neustadt oder in Leinsweiler sei das bereits der Fall.
Kulturlandschaft erhalten
Rund 8300 Hektar soll das geplante Gebiet umfassen, wobei Schwerpunkträume im Wasgau und am Haardtrand angedacht seien. Das Projekt ging 2017 an den Start, geplantes Ende ist 2033. 11,5 Millionen Euro stellen der Bund, das Land und der Bezirksverband Pfalz dafür zur Verfügung. „Eine Kulturlandschaft kann nur durch die Nutzung erhalten werden“, sagt Klaus Weichel, stellvertretender Vorsitzender des Bezirksrats, der seit 2014 Träger des deutschen Teils des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen ist.
„Schäfer ist ein schöner, aber leider aussterbender Beruf in Deutschland“, sagt Dirk Eichberger aus Erlenbach bei Dahn. Er selbst ist gelernter Schäfer, doch sein Geld damit verdienen kann er nicht. „In der Landwirtschaft sind die Schäfer am untersten Ende der Verdienstmöglichkeiten“, umreißt er. Auf eine eigene Schafherde verzichten will er deshalb nicht, er ist Schäfer im Nebenerwerb, hält Wasserbüffel und Rinder. Im eigenen Café in Erlenbach vermarktet er seine Produkte. Seine Schafe seien im Gebiet rund um Erlenbach unterwegs. Dazu nutzt der Schäfer ein mobiles Gatter, das sich schnell ab- und wieder aufbauen lässt.
Doch nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Teilen der Welt steht das Hirtentum unter Druck: Der Klimawandel mit extremer Trockenheit oder Starkregenereignissen setzen dieser Bewirtschaftungsform ebenso zu wie sich ändernde Lebensweisen und stärkere Bebauung der Landschaft. Um auf die Bedeutung von Weidetieren und Hirten aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen 2026 zum internationalen Jahr der Weiden und Hirten erklärt.
Waldweide in St. Martin
Wie sich Landschaften im Verlauf der Jahre verändern und wie der Pfälzerwald auf den Klimawandel reagiert, ist bei „Horizont Climatic“ zu sehen, dem Projekt von Stefanie Ofer beim Biosphärenreservat. Etwa 70 Standorte in der Region sollen künftig regelmäßig fotografiert werden, um so die Veränderungen nachvollziehbar zu machen.
Einen ganz besonderen Lebensraum biete die Waldweide, informiert Sarah Köngeter. In St. Martin betreibe das Biosphärenreservat eine 40 Hektar große Waldweide, auf der seit 2011 Heckrinder stehen. Als Nächstes soll dort die Natur genauer untersucht werden, um zu sehen, welche Tiere und Pflanzen es dort gibt, erklärt die Projektverantwortliche. Wer wolle, könne sich in St. Martin vor Ort über das Projekt informieren, ein 1,5 Kilometer langer Rundweg führt unter anderem durch das Waldweidegebiet hindurch.
Auf dem Stück, auf dem die Schafe von Dirk Eichberger in Erlenbach bei Dahn grasen, stehen einige alte Obstbäume. Diese Kombination sei früher sehr typisch gewesen, erläutert Christina Kramer vom Biosphärenreservat. Der Mix aus offener Landschaft und Bäumen biete besonders vielen Arten einen Lebensraum – und das auf mehreren Etagen. Seit Jahren lädt das Biosphärenreservat mit der Aktion „Gelbes Band“ Menschen dazu ein, die Früchte von damit ausgewiesenen Streuobstwiesen zu ernten. Gelbe Bänder an den Bäumen weisen darauf hin, dass das Obst kostenfrei geerntet werden darf, schildert Kramer.