Bechhofen
Nach Fahrt an ukrainische Grenze: „Kaputt, wie am Kerwe-Mittwoch“
Die Welle der Hilfsbereitschaft war überwältigend. Drei Kleinbusse und ein LKW machten sich am Freitagnachmittag von Bechhofen und Münchweiler an der Alsenz auf den Weg an die polnisch-ukrainische Grenze. Sie kamen am Samstagnachmittag an, nach einer kleinen Rast in Chrzanow in Polen; am Samstagmorgen um 5.30 Uhr. „Wir waren einfach platt. Schlafen im Auto, das war unmöglich“, berichtet Sonntag von diesen frühen Morgenstunden, kurz vor der Ankunft an der ukrainischen Grenze. Da waren die Männer, die sich am Steuer der Fahrzeuge abgewechselt hatten, mit ihren Kräften einfach am Ende. Weshalb man kurzfristig für wenige Stunden Pause ein Hotel buchte.
Doch wie schläft man unter solch einer Anspannung? „Schwer“, räumt der Bechhofer Sonntag ein. „Als ich mich hingelegt habe, konnte ich erst nicht einschlafen. Aber irgendwann bin ich dann wieder wach geworden. Vielleicht hat da jeder von uns ein, zwei Stunden Schlaf abbekommen.“
Viel Gewusel und gute Stimmung
Der Ablageplatz für Hilfsgüter, zu dem die Helfer gelotst wurden, befindet sich „mitten in der Pampa. Mit Parkplatz, an einem ehemaligen Baumarkt, denke ich. Mit viel Gewusel und ausgesprochen guter Stimmung unter den Helfern. Jeder ist dort, um zu helfen. Da sind Freiwillige. Da ist Militär. Da sind Leute von verschiedenen Organisationen. Die laden die Sachen aus, sortieren das, beschriften das, wickeln alles in Folie ein und verladen die Güter auf LKW. Natürlich kommt das Gespräch irgendwann darauf, wie schlimm der Krieg in der Ukraine ist. Aber während der Arbeit hat jeder Freude. Denn jeder will helfen“, beschreibt der Physiotherapeut die Atmosphäre.
Was haben die Helfer aus der Pfalz überhaupt in die Ukraine gebracht? „Das ist schwer zu schätzen. Ich denke, wir haben Waren in einem Marktwert von 40.000 Euro an die Grenze gebracht. Ich schätze, dass wir alleine Desinfektionsmittel im Wert von 12.000 Euro dabeihatten. Aus Spendengeldern haben wir selbst für 3000 Euro Infusionsmaterial gekauft. Also Natriumchlorid-Infusionsflaschen, Infusionsbestecke, Kanülen und Braunülen.“
Flüchtlinge wollen nah an der Ukraine bleiben
Danach ging es für die Helfer weiter, in ein Auffanglager in Korczowa. Dort beabsichtigten sie, mit den Bussen 18 Flüchtlinge mit in die Pfalz zu bringen. Über einen QR-Code kann man sich an einem Info-Point anmelden. Daraufhin werden Schilder produziert, die den Ukrainern in ihrer Sprache die Ziele der Busse und anderer Mitfahrgelegenheiten nennen. „Und dann steht man da wie an einem Flughafen und hält sein Schild hoch. Dann kommen die Leute aber und wollen wissen, ob man nach Berlin oder Düsseldorf fährt. Die meisten wollen eigentlich nur irgendwohin, was kurz hinter der Grenze liegt. Aber das Problem für uns war: Wo sollen wir die abliefern? Wir haben erst noch ein wenig abgewartet. Und wir haben uns mit Leuten unterhalten, die im Auffanglager schon seit mehreren Tagen helfen. Uns wurde klar, dass die Ukrainer Flüchtlinge sind, die heimatnah bleiben wollen. Weil sie hoffen, dass der Krieg nicht lange dauert und dass sie dann wieder zurück zu ihren Familien können. Das haben viele Konvois aus dem Ausland, die jetzt ohne Ukrainer zurückgefahren sind, so nicht erwartet.“
War das enttäuschend? „Das war enttäuschend. Aber dann haben wir uns ausgetauscht, und wir sind auch nach Gesprächen mit anderen Leuten dort zum Ergebnis gekommen, dass Hilfe in der Ukraine selbst unwahrscheinlich wichtig ist. Dass das gezielte Helfen, was wir mit unseren Gütern gemacht haben, sehr wichtig war. Dass wurde uns vor Ort auch mehrfach gesagt, weil wir eben keinen Hausrat ausgemistet haben.“
Zwei Ukrainer kommen mit in die Westpfalz
Ganz alleine waren die Bechhofer auf der Rückreise trotzdem nicht. Über eine örtliche Familie war schon vor Fahrtantritt vereinbart, dass sie zwei Personen abholen und diese auf dem Rückweg mit nach Deutschland nehmen. „Deswegen war die Fahrt für uns alle ein voller Erfolg“, fasst Sonntag die Erlebnisse dieser Tage zusammen. Um die beiden Flüchtlinge abzuholen, ging die Rückfahrt am Samstag ab 19 Uhr erst Richtung Krakau. In einem Nebenbezirk hatten die Helfer einen Tisch in einer Pizzeria für 21.20 Uhr reserviert. „Mit den Flüchtlingen sind wir dann erst einmal essen gegangen. Weil die seit vier Tagen auf der Flucht waren und seit zwei Tagen nichts Richtiges gegessen hatten“.
Nach einer Stunde fuhren die Flüchtlingshelfer zunächst weiter. „Ich muss ehrlich sagen: Nach dem Essen ist der Stress der Tage zuvor langsam abgefallen. Damit auch das Adrenalin im Blut und wir sind sehr, sehr müde geworden. Weshalb wir uns für eine Übernachtung in einem Hotel in Opole eingebucht haben. Dort sind wir um 1 Uhr angekommen und von dort um 5.30 Uhr wieder losgefahren. Am Sonntag, um 16.30 Uhr waren wir in Bechhofen.“
Vorerst keine weitere Fahrt geplant
Ist es für Sonntag und seinen Mit-Initiator Daniel Wolf denkbar, dass sie noch einmal mit Gütern an die ukrainische Grenze fahren? „Die Frage haben wir uns auch schon gestellt. In näherer Zukunft ist es für uns nicht vorstellbar. Weil auch privat und beruflich bei uns einiges ansteht. Aber wir haben viele Kontakte zu anderen gefunden, die solche Fahrten privat organisieren. Wir haben auch Kontakte dorthin, wo wir waren. Wir überlegen in den nächsten zwei, drei Tagen, wie wir weiter vorgehen. Vielleicht machen wir noch mal eine Aktion, um gezielt Sachen anschaffen zu können, die irgendwo gezielt gebraucht werden. Um dann zu organisieren, dass die dorthin gebracht werden. Wir haben auch Kontakte zu Leuten, die selbst noch an die ukrainische Grenze fahren wollen und uns fragen, wie das geht.“