Kreis Südwestpfalz Käshofen ist sein Vorbild
«Wiesbach.» Oliver Türr (39) aus Wiesbach schreibt zur 750-Jahrfeier seines Heimatdorfs im Sommer eine Dorfchronik in Buchform. Er wohnt im ältesten Haus des Dorfs, der Wiesbacher Mühle. Über Wiesbach hinaus ist er bekannt als Kerweredenschreiber und Vorleser, aber vor allem als famoser Freizeitschauspieler, der in der Wiesbacher Theatergruppe brillierte. Unser Mitarbeiter Mario Moschel sprach mit ihm über sein Projekt. Oliver Türr, wie sind Sie als eher junger Mann auf die Idee gekommen, eine Dorfchronik zu schreiben? Über das Haus, in dem ich wohne. Ich habe hier schon immer gewohnt, es ist das Haus meiner Großeltern. Und ich habe mich bereits als Kind für das Haus interessiert und schon vor zehn Jahren die Geschichte des Hauses für meine Großmutter zusammengestellt. Damit war der Grundstein gelegt. Ich habe damals angefangen, nach Originaldokumenten zu suchen. Und da meine Vorfahren sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits aus Wiesbach stammen, war mein Interesse groß. Die ehemalige Wiesbacher Mühle ist das älteste Haus im Dorf? Ja, sie stammt von zirka 1674. Im Jahr zuvor hatte der Besitzer das Gesuch gestellt, die zerstörte, alte Mühle wieder aufzubauen. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg eingeäschert. 1674 wurde mit dem Bau begonnen, genau datiert ist es leider nicht, wann sie fertig war und in Betrieb genommen wurde. Darüber war nichts zu finden. Wo haben Sie überall gesucht? Hauptsächlich im Archiv der Zweibrücker Bibliotheca Bipontina. Und auch viel Recherche im Internet. Da hat immer mal wieder jemand was geschrieben, und anhand dieser Quellverzeichnisse habe ich mich anfangs durchgehangelt. Waren darunter auch alte Kirchenakten? In der Bipontina gibt es keine alten Kirchenakten, die liegen alle in Speyer. Im Internet findet man einige alte, abfotografierte und digitalisierte Kirchenbücher. An gewissen Feiertagen sind die auch frei zugänglich. Irgendwann habe ich mir für die Einsicht in die Kirchenbücher, auch für meine Familienchronik, die ich dann angefangen habe, einen Bezahl-Zugang zugelegt, damit ich nicht immer umständlich nach Speyer oder Landau in die Archive fahren musste. In Speyer war ich daher gar nicht. Für die Familie habe ich nach den Recherchen dann ein kleines Fotobuch zusammengestellt. Durch die Ahnenforschung habe ich zwischenzeitlich herausgefunden, dass der Erbauer der Wiesbacher Mühle ein direkter Vorfahr unserer Familie ist. Das Gebäude war zwischendurch rund 100 Jahre lang nicht in Familienbesitz, aber durch Heirat und Verkauf ist es zurück in die Familie gekommen. Durch diese Arbeit hatte ich im Hinterkopf, wann die erste urkundliche Erwähnung war. Als ich dann aus dem Ortsgemeinderat erfahren habe, dass eine Jubiläumsfeier geplant ist, habe ich den Entschluss gefasst, pünktlich zum Jubiläum eine Chronik zu schreiben. Ich hatte ja schon alle Grundlagen. Und dann? Ich habe mich mit dem Ortsbürgermeister getroffen und mir aus den Nachbarorten die Chroniken besorgt. Die Käshofer Chronik ist richtig cool, die ist mein Vorbild. Sowas soll es bei mir auch werden. So ein richtig dicker Telefonbuch-Wälzer? Ja, genau. Die Käshofer haben 440 Seiten. Mein Ziel sind 350 bis 400 Seiten. Ich bin schon bei über 300 Seiten, und die sind auch schon Korrektur gelesen. Wann haben Sie angefangen? Mit der Chronik selbst im November 2017. Über Sommer 2018 habe ich nicht viel daran gemacht. Bei Sonnenschein macht es keinen Spaß, nur im Standesamt zu sitzen, um irgendwelche Personendaten zu recherchieren. Wissen die Wiesbacher von der Ortschronik? Ja. Das stand schon im Blättchen der Verbandsgemeindeverwaltung, und ich war schon bei vielen Wiesbachern zuhause. Das Engagement ist recht groß. Ich kriege Fotos zur Verfügung gestellt oder alte Briefe. Mir wurde beispielsweise aus dem Ersten Weltkrieg ein Tagebuch zur Verfügung gestellt. In Sütterlin-Schrift? Ja. Aber das kann ich mittlerweile lesen. Privates bleibt tabu, aber was den Ort betrifft, darf ich Vieles verwenden. Ich habe das komplette Tagebuch abgeschrieben. Echt? Was arbeiten Sie eigentlich? (lacht) Ich bin aktuell Teamleiter in einem Saarbrücker Callcenter für ein Schweizer Telekommunkationsunternehmen. Krieg ist ein großes Thema? Ja. Da bleibt aber auch Vieles im Dunklen. Genau wie zur Burg. Da ist ja nicht mal der Name bekannt. Welche Burg? Die war auf dem Schlosskopf, im Nordosten von Wiesbach, im Wald. Gab es Überraschungen bei der Recherche? Woran man nicht unbedingt denkt, sind so Sachen wie Mord und Totschlag. Die ein oder andere Gerichtsakte kannte ich. Aber da gab es schon interessante Details. Solche Dinge stehen in Gerichtsakten in Homburg. Also gibt es in Wiesbach keinen älteren Herrn, der ein Privatarchiv im Keller hat? Doch, es gibt einen sehr netten älteren Herrn, der hat auch schon mehrere Bücher über Wiesbach geschrieben, hat aber mehr oder weniger die alten Akten abgeschrieben. Auf dessen Vorarbeit kann ich mich stützen. Und ein Ex-Wiesbacher unterstützt mich stark. Er hat beispielsweise Auswanderer in den USA aufgetrieben, die uns Fotos zur Verfügung gestellt haben. Wann ist die Chronik fertig? Im Juni. Mitte Juni ist die Jubiläumsfeier. Statt Dorffest. Wie läuft das mit einem Verlag? Da sind wir noch am Überlegen, eventuell gibt es eine hochwertigere Erstauflage mit Hardcover und die Zweitauflage dann mit Softcover. Und wichtig ist: Wer noch Informationen hat und etwas beisteuern will, kann sich direkt an mich oder den Ortsbürgermeister Emil Mayer wenden. Ich komme auch gerne zu den Leuten nach Hause und scanne die wertvollen Bilder oder Dokumente vor Ort mit einem mobilen Scanner ein. Da geht auch nichts verloren.