Dahn
Interview: Nicht die Lücke, sondern der Lernstand zählt am OWG
Herr Neuberger, Herr Gutmann, wie läuft ein Stabwechsel während der Corona-Pandemie ab? Mit der Übergabe von Hygiene-Plänen und Landesverordnungen?
Neuberger: Nein. Herr Gutmann war von Anfang an sehr stark eingebunden in die schulischen Prozesse. Ich habe ihn beispielsweise auch beim E-Mail-Verkehr in Kopie genommen, damit er Vorgänge und Themen an der Schule kennenlernt. Das war sehr unkompliziert mit ihm.
Gutmann: Die Übergabe war schon ein großer Luxus. Die Stelle war voriges Jahr ausgeschrieben und ich habe mich im Herbst beworben, als einziger Bewerber. Allerdings habe ich mir die Schule vorher angeschaut – ob sie zu mir passt, ich zu ihr. Deswegen habe ich auch früh Kontakt gesucht zu Herrn Neuberger. Nachdem im Mai die Entscheidung fiel, dass ich nach Dahn darf, war ich gleich dabei. Das ist ja für alle von Vorteil: für die Kollegen, die ein neues Schuljahr planen mit einem Chef, den sie nicht kennen, aber auch für den neuen Schulleiter. Von einem Fettnäpfchen ins andere zu treten, ist mir so erspart worden.
Und für den Vorgänger war es ein langsamer Abschied ....
Neuberger: Ein Abschied in Raten. Aber besser als eine große Verabschiedungsfeier, die coronabedingt nicht möglich war und für die niemand den Nerv gehabt hätte. So konnte ich mich von allen aus der engeren Schulgemeinschaft beim Sponsored Walk und einer kleinen informellen Feier am letzten Schultag verabschieden. Das war schön und der Situation angemessen. Jetzt muss der Blick nach vorne gehen.
Herr Gutmann, was hat beim OWG für Sie gepasst?
Wie man hier mit Menschen umgeht, das passt. Wir sind uns etwa einig darin, dass alle Kinder während der Pandemie in die Schule gehen sollen. Da bin ich froh, an eine Schule zu kommen, an der das funktioniert.
Wie viele Kinder sind denn im letzten Schulhalbjahr daheim geblieben?
Neuberger: Nach den Pfingstferien sind alle Schülerinnen und Schüler präsent gewesen. Es gab auch bei uns viele Diskussionen mit Eltern, die teils gut nachvollziehbare Bedenken gegen das Testen in der Schule oder gegen die Masken-Pflicht hatten. Wir konnten im Gespräch mit allen aber einen gemeinsamen Weg im Sinne der Kinder finden, und am Ende sind alle Schüler und Schülerinnen zum Präsenzunterricht gekommen.
Herr Gutmann, wie war das an Ihrer früheren Schule, dem Pirmasenser Leibniz-Gymnasium?
Gutmann: Dort sind nicht alle zur Schule gekommen, aber es waren nur sehr wenige, die fernblieben. Grundsätzlich muss man sagen, dass Kinder selbst mit den coronabedingten Auflagen die wenigsten Probleme haben. Natürlich sind Masken und Tests nicht schön, aber inzwischen normal geworden. Außerdem ist der Begriff „Homeschooling“ unglücklich. Denn die Kinder erledigen ihre Aufgaben zu Hause, aber die Lehrer sind wir. Das ist auch wichtig: Eltern sollen Eltern sein und nicht Lehrer sein müssen.
Wo stehen denn nach dem Corona-Schuljahr die Kinder am OWG?
Neuberger: Drei Kinder sind im zurückliegenden Schuljahr nicht versetzt worden, aber einige haben die Schule gewechselt, etwa an die benachbarte Realschule plus oder an die Fachoberschule. Fachliche Lücken sehe ich allerdings nicht als Hauptproblem, sondern die über Monate fehlenden Strukturen für die Schüler. Einige sind in dieser Zeit selbstständiger geworden, andere sind damit nicht zurechtgekommen, auch weil das Elternhaus nicht helfen konnte. Die Schere zwischen leistungsstark und schwächer ist dadurch größer geworden. Die Kinder müssen daher verstärkt gefördert werden. Deswegen haben wir übrigens im vorigen Schuljahr unsere AGs wie Robotik und „Jugend forscht“ wieder in Gang gesetzt, obwohl es offiziell noch kein grünes Licht gab. Und selbst wenn wir bei der Förderung aller einen Schritt zurückgehen: Was schadet es der Gesellschaft?
Über die Wiederholung eines Schuljahres wurde ja diskutiert. Wäre das sinnvoll?
Gutmann: Ob nun ein Schuljahr wiederholt wird oder ob einzelne Schüler verstärkt gefördert werden: Wir müssen auf die Schwächen und Stärken schauen. Defizite gibt es sicher bei vielen im Fach Sport. Dafür haben einige aber ihre Medienkompetenz verbessert. Jeder Schüler hat in der Krise etwas gelernt, und sei es Frustrationstoleranz. Das Land Rheinland-Pfalz hat daher die Schulen auch darum gebeten, den Hauptfokus auf die Hauptfächer zu legen – und nicht die Lücken bei Schülern zu suchen, sondern den Lernstand.
Wie planen Sie Ihr erstes Schuljahr am OWG?
Gutmann: Wir gehen jetzt erst einmal von einem normalen Schuljahr aus, aber mit Maske im Unterricht und mit Tests an der Schule. Nach zwei Wochen werden wir dann sehen, wie das läuft. Aber die Situation ist anders als vor einem Jahr. Damals waren wir noch eine völlig ungeschützte Gesellschaft. Inzwischen sind viele geimpft, auch viele ältere Schüler. Und die Impfbereitschaft der Schüler ist groß. Deswegen werden wir nun vor allem auf die ungeimpften Jüngeren ein Auge haben und sehen, ob wir zum Beispiel in den fünften und sechsten Klassen womöglich anders handeln müssen, da hier gar nicht geimpft werden kann.
Welche Lehren ziehen Sie aus dem Pandemiejahr?
Gutmann: Positiv ist, dass wir durch die digitalen Plattformen eine neue Parallelschule kennengelernt haben. Das haben wir anfangs durchlitten, aber das können wir jetzt. Das bringt auch Vorteile: Wenn ich handschriftliche Englisch-Tests von 28 Schülern lesen muss, dauert das viel länger als der Test im digitalen Moodle-System – und den Kindern macht der digitale Test sogar Spaß. Eine weitere Erfahrung ist, dass die Hemmschwelle von Schülern, Lehrer anzusprechen, beim digitalen Weg gesunken ist. Deswegen werde ich zum Beispiel in meinen Klassen auch eine digitale Schülersprechstunde anbieten.
Gezeigt hat die Pandemie aber noch etwas: dass Lehrer manchmal glauben, anhand vieler Noten alles dokumentieren und belegen zu müssen, statt es pädagogisch zu bewerten. Dabei stehen wir jetzt vor einem Schuljahr, das uns als Pädagogen fordert.
Die Förderung der Schüler war schon vor der Pandemie ein Anliegen am OWG. Doch wenn dies nun so verstärkt werden muss, wird das nicht den gymnasialen Anspruch gefährden?
Gutmann: Die Pandemie erschwert es sicher, diesen Anspruch zu erfüllen. Aber es ist wichtig, dass ein Gymnasium auch ein Gymnasium sein darf. Und mein Wunsch ist es, das OWG bei meinem Berufsende als akademische Schule abzugeben. Die Art des Lernens wird sie weiterhin von anderen Schularten unterscheiden. Es ist allerdings eine Gratwanderung. Auf der einen Seite geben wir einem Schüler eine ehrliche Note, auf der anderen Seite sehen wir, dass dies auf dem „Markt“ draußen nicht immer der Fall ist.
Was werden Sie an Ihrem ersten Schultag in Dahn tun?
Gutmann: Ich werde ab dem heutigen Montag durch alle Klassen gehen, damit die Schüler mich einmal sehen.