Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Hoher Wert? Eigentümer holt sich Rodalber Berliner-Mauer-Leihgabe zurück

Die Segmente zeigen Kunst des französischen Künstlers Noir.
Die Segmente zeigen Kunst des französischen Künstlers Noir.

Die vier Teilsegmente der Berliner Mauer in Rodalben sind abgebaut. Hintergrund ist die Rückgabe-Forderung ihres Eigentümers. Die Gemeinde ist enttäuscht. Doch die Forderung könnte einen finanziellen Hintergrund haben.

Eine unangenehme Überraschung in Form eines Schreibens von Wilhelm Servas, Sohn des einstigen Schuhfabrikanten Helmut Servas, traf Mitte Oktober im Rodalber Rathaus ein. Darin forderte Servas, der mittlerweile in Hamburg lebt, die Rückgabe der vier in Rodalben aufgestellten, bemalten Original-Segmente der Berliner Mauer. Zum zehnten Jubiläum des Mauerfalls hatte sie die Fabrikantenfamilie Anfang November 1999 der Stadt als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Die Elemente stehen in der Lindersbach gegenüber der Einfahrt zum Sportzentrum, unterhalb des Schulzentrums. Von Weitem wirken sie wie eine alte Plakatwand. Erst bei näherem Hinsehen entpuppt sich der wahre Gehalt der Exponate mit ihrer historischen Bedeutung.

Die Bedeutung erklärt die vor den Segmenten befestigte Gedenktafel: „Zur Erinnerung an den Fall der Mauer am 9. November 1999, 40 Jahre geteiltes Deutschland Berliner Mauer von 1961-1989, mit einer friedlichen Revolution erreichte das Volk der ehemaligen DDR die Wiedervereinigung Deutschlands“ steht darauf geschrieben. Die Mauer-Segmente wurden in Beton verankert und durch einen rund um sie gezogenen Stacheldrahtzaun geschützt. In einer festlichen Feierstunde erfolgte die Übergabe, mit Ansprachen von Landrat und Bürgermeistern, erinnert sich Zeitzeugin Ulrike Kahl-Jordan, damals Stadtratsmitglied.

Claus Schäfer: „Befremdlich“

Stadtbürgermeister Claus Schäfer nannte die Rückgabe-Forderung zuerst „befremdlich“ und bedauerte in einem Schreiben an Servas den beabsichtigten Abbau der Mauerteile und deren Abtransport aus Rodalben nach 25 Jahren. Ob der „damals getroffenen Vereinbarung“ bleibe der Stadt nur die Zuschauerrolle, sagte Schäfer. Die Mauerteile sollten schon Ende Oktober abgeholt werden hatte Servas schriftlich angekündigt. Über die Beweggründe für die Servas’sche Entscheidung sei „nichts bekannt“, erklärte Schäfer noch vorige Woche. Sie erschließen sich wohl aber bei näherer Betrachtung. Zwar sind Mauerteile als Berlin-Souvenirs im Internethandel, verpackt im Plexiglasboxen, für ein paar Euro zu bekommen, erfährt man im Online-Shop. Wie aber weitere Nachforschungen ergeben haben, handelt es sich bei den in Rodalben stehenden Segmenten um eine Besonderheit.

Denn: Sie wurden nachweislich vom französische Künstler Thierry Noir ab 1984 bemalt. Er, Jahrgang 1958, ist 1982 nach Berlin umgezogen und hat zwei Jahre später mit der Bemalung der Berliner Mauer begonnen, laut ihm als Ausdruck der „Ironie des Momentanen“. An bloßer Verschönerung lag ihm nichts. Die Lektüre zu Noirs Kunst fördert gar Interpretationen zu den Segmenten in Rodalben zutage. Es handelt sich um Murale, also Wandmalereien, die mit ironisierender Intention unter anderem auf ein Stück Mauer an einer Kreuzberger Straße gemalt waren. Ein Mural stammt aus der Zeit nach der Wende. Und ein Element gehört zu einer Reihe bemalter Mauerreste, die entstanden sind für Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“.

Mauerstücke sind möglicherweise viel Geld wert

Inzwischen zählt Noir zu den prominentesten Berliner Street-Art-Künstlern. Seine Werke sind als Gemälde anerkannt, einige stehen in Museen. Vor zwölf Jahren soll der Künstler Malereien an der Berliner Mauer restauriert haben, um sie zu bewahren. Die Rodalber Segmente weisen deutlich Zeitspuren auf, dürften dennoch ihren Wert haben, wenn man weiß, dass manche Mauergemälde des Künstlers als Kunstwerke für viel Geld, oftmals in Amerika, versteigert werden. Vor diesem Hintergrund sinken freilich die Chancen, dass Rodalben seine Berliner Mauer behält und sie neu an exponierter Stelle in Zentrumsnähe aufstellen kann. Claus Schäfer hatte sich insgeheim ein Verkaufsangebot an die Gemeinde erhofft. Dafür hätte Heimatverbundenheit obsiegen müssen.

Indessen: Den wahren Wert der Segmente kannte man offensichtlich nicht, auch nicht im Rodalber Rathaus. Der materielle Wert ergab sich tatsächlich auch erst, als Noirs Werke im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende zunehmend als Kunst und als Gemälde anerkannt wurden. Jetzt sind die Mauersegmente jedenfalls gerade still und heimlich abtransportiert worden. Zurück blieb nur die Gedenktafel, die jetzt an diesem Standort keinen Sinn mehr ergibt. Das geschah wohl aus Sicht des Eigentümers zum richtigen Zeitpunkt. Wären die Mauerteile als materielle Kostbarkeiten bekannt geworden, wäre ihr Standort in der Lindersbach bestimmt nicht mehr sicher gewesen.

Die Gedenktafel erläutert die politische Bedeutung der Mauerteile.
Die Gedenktafel erläutert die politische Bedeutung der Mauerteile.
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