Kreis Südwestpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Hinterweidenthal/Dahn: Handwerksbetrieb fühlt sich von Politik allein gelassen

Der Bäckerei-Verkauf hat auf, das neue Café musste wegen „Corona“ schließen.
Der Bäckerei-Verkauf hat auf, das neue Café musste wegen »Corona« schließen.

Erst vor wenigen Wochen haben sie ihr zweites Café in Dahn eröffnet. Und jetzt das. Die Corona-Pandemie trifft den Hinterweidenthaler Bäckerbetrieb Zürn heftig. Wie viele andere, deren Betriebe unter der Kontaktsperre leiden. Zig Millionen Fördermittel geben Bund und Länder deshalb frei. Dennoch fühlt sich mancher alleingelassen.

Er sei „sehr sehr enttäuscht“, sagt Gabor Nemeth. Er kümmert sich bei der Bäckerei und Konditorei Zürn derzeit um alle Fragen der finanziellen Hilfsmöglichkeiten. Kein einfaches Unterfangen. Und eines mit hohem Frustrationspotenzial dazu. Denn ein erster Förderantrag auf einen Zuschuss mit Soforthilfe wurde gerade abgelehnt. Der Grund: Mit seiner Belegschaft, zu der neben Festangestellten auch Minijobber gehören, hat der Handwerksbetrieb das Limit für eine Soforthilfe knapp verpasst.

Die Kombination aus Soforthilfen von Bund und Land gibt es in zwei Paketen. Für Selbstständige und Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten gibt es zum einen 9000 Euro echten Zuschuss vom Bund plus 10.000 Euro Sofortdarlehen vom Land. Für Unternehmen von über fünf bis zehn Beschäftigte sind 15.000 Euro Zuschuss plus 10.000 Euro Darlehen möglich. Mit 11,5 Beschäftigten liegt der Hinterweidenthaler Betrieb aber knapp drüber. Ihm bliebe nur der Antrag auf das Hilfsangebot für Unternehmen von über zehn bis 30 Beschäftigte: 30.000 Euro Sofortdarlehen des Landes plus – Stand Donnerstag – ein Zuschuss des Landes von über 30 Prozent der Darlehenssumme.

Erste Hilfe mit vielen Hürden

Dass vielen kleineren Betrieben Hilfe nur mit diesem Darlehen angeboten wird, findet Gabor Nemeth nicht in Ordnung. Viele Handwerksbetriebe in ihrer Größenordnung würden damit allein gelassen, meint er – die Ankündigung des Wirtschaftsministers, dass man kein Unternehmen hängen lasse, wird damit in seinen Augen nicht umgesetzt. Denn mit diesem Darlehen sind aus seiner Sicht zu viele Hürden verbunden. So sei beispielsweise die Laufzeit zu kurz. Zwar müsse man die ersten zwei Jahre nicht tilgen, dafür dann aber in den restlichen vier Jahren die komplette Summe. Außerdem sei gar nicht sicher, dass Hausbanken Darlehensanträge auch unterstützten. Der Grund: Das Land stellt die Bank zwar für 90 Prozent von der Haftung frei, aber zehn Prozent bleiben ihr – und das in Zeiten, in denen Banken selbst kämpfen müssen. Dazu komme die große Unsicherheit: Wie lange die strikten Regelungen zur Kontaktsperre noch bleiben werden. Und wie es danach weitergeht. „Was macht man, wenn Corona im September wieder kommt?“, fragt sich Gabor Nemeth – „noch ein Darlehen aufnehmen?“ Auch andere Sofortmaßnahmen greifen aus seiner Sicht zu kurz. So ließen sich Sozialbeiträge oder Mieten zwar stunden, aber nach drei Monaten müsse ja dann doch alles bezahlt werden – auf einen Schlag.

Zu wenig Wertschätzung

Was ihn am meisten ärgert: Die Arbeit der Handwerksbetriebe werde offensichtlich nicht genug geschätzt. Dabei hielten viele selbst unter den derzeit schwierigen Bedingungen ihren Betrieb irgendwie am Laufen. Ihre Mitarbeiter stünden beispielsweise ab 3.30 Uhr in der Backstube, und die Verkaufsstellen hätten auch über die Osterfeiertage geöffnet. Andere wie große Supermärkte würden dagegen durch zusätzliche Wochenend-Öffnungszeiten noch unterstützt – „wo ist da die Gerechtigkeit?“

Sie selbst kämen irgendwie durch, meint Nemeth. Einfach sei das aber nicht. Nicht nur, dass begonnene Projekte wie die Terrassenüberdachung ruhen müssten. Auch die Umsätze sinken, denn das Café am Stammsitz Hinterweidenthal musste ebenso schließen, Abnehmer wie große Hotels fallen aus. Auch bei ihnen seien Mitarbeiter in Kurzarbeit, sagt Nemeth. Bitter für das Team um Lena und Kathrin Zürn, die mit ihren Partnern Gabor Nemeth und Karl-Heinz Naab gerade erst Geld und Einsatz in das neue Café investiert haben.

Er würde sich für das Handwerk mehr Unterstützung wünschen, meint Gabor Nemeth – auch durch die Handwerkskammer selbst.

Existenzsorgen im Handwerk

Viele Handwerksbetriebe können arbeiten, aber die Folgen der Corona-Krise gehen an ihnen nicht spurlos vorbei, wie Michael Wafzig, seit Ende 2019 Vize-Präsident der Handwerkskammer der Pfalz, feststellt. Der Radio- und Fernsehtechnikermeister, der seit 1993 ein Geschäft in Trulben betreibt, kennt die Sorgen seiner Kollegen: Neuaufträge bleiben aus, Kunden ziehen Aufträge zurück, Rechnungen werden nicht mehr bezahlt. „Für einige Betriebe geht es momentan um die Existenz“, sagt Wafzig.

In der Handwerkskammer sei man nicht untätig, versichert er. Die Soforthilfen des Bundes, die diese Woche auf den Weg gebracht wurden, seien ein erster richtiger Schritt. Aber Fakt sei: „Wir brauchen schnelle und unbürokratische Hilfen im Handwerk, die dort ankommen, wo sie gebraucht werden.“ Er wolle allen Mitgliedsbetrieben Mut machen: „Wir alle arbeiten momentan mit Hochdruck daran, einen Schutzschirm über die Handwerksbetriebe zu spannen.“ Darüber hinaus würden Betriebe telefonisch beraten und Antworten auf häufige Fragen und Hilfestellungen auf der Homepage tagesaktuell aufbereitet.

Kreishandwerkerschaft: Hilfe unzureichend

Auch bei der Kreishandwerkerschaft in Pirmasens, die die Innungen betreut, laufen die Telefone heiß, sagt Abteilungsleiter Michael Lindenschmitt. Die Hilfen für kleine mittelständische Betriebe hält auch er für unzureichend. Man müsse aufpassen, dass jene, die ordentlich gewirtschaftet und noch ein wenig Reserve hätten, dabei nicht untergingen, warnt er. Auch er sieht das bisherige Hilfsangebot für Betriebe skeptisch. Nicht nur wegen einer kurzen Darlehens-Laufzeit, sondern auch mit Blick auf Banken, die immerhin noch ein Kreditausfallrisiko von zehn Prozent trügen. In Bayern habe eine Bank bereits einen Antrag abgelehnt.

Lindenschmitt sieht den Staat noch stärker in der Pflicht: Schließlich greife der massiv in Grundrechte und Wirtschaft ein. Die Folgen seien fast mit einem „öffentlich-rechtlichen Sonderopfer“ zu vergleichen, für das Bürger in bestimmten Situationen Anspruch auf Entschädigung hätten. Die Situation sei „höchst unbefriedigend“, stellt der Jurist fest. Zumal sich ihr Wissenstand ständig ändere.

Bei den Hilfsprogrammen sei tatsächlich noch einiges im Fluss, sagt der Dahner Steuerberater Thomas Maier, der Firmen über die Region hinaus berät. So habe zum Beispiel der Sparkassenverband beantragt, dass die Laufzeiten von Darlehen verlängert werden.

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