Hauenstein
Heimatgeschichte: Vor 100 Jahren wird die Hauensteiner Post eingeweiht
Historisch gesehen spiegelt sich genau nach 100 Jahren der rasante Strukturwandel der letzten 40 Jahren besonders auch an dem Hauenstein prägenden Postgebäude: Anstatt Post- und Paketdienstzentrale zu bleiben, erfährt es dieser Tage eine tiefgreifende Profanierung und wird zu modernen Wohnungen umgebaut. Im Nord- und vor allem im ebenerdigen Westflügel im Posthof sieht man bereits deutlich, dass hier moderne, zeitgemäße Wohnungen mitten im Ort entstehen, wo einstmals das postalische Herz des größten deutschen Schuhdorfs schlug.
Bereits 2021 hatte der Hauensteiner Gemeinderat der Umwidmung zugestimmt, nachdem das gesamte Areal in Privatbesitz gekommen war. Bis vor Jahresfrist nutzte die Post den Mittelbau als Paketumschlagplatz. Aber auch dieser hat just 100 Jahre nach dem Bau des Postamtes eine neue Heimat im interkommunalen Gewerbegebiet am neuen Bahnhof Hauenstein Mitte erhalten.
An der Stelle der ersten Seibel-Fabrik
Genau an der Stelle, wo 1922 das großzügige Postamt gebaut wurde, stand die erste Hauensteiner Schuhfabrik der Gebrüder Carl-August und Anton Seibel, die 1886 den Aufstieg Hauensteins begründet hatten. Genauer gesagt hatten die Gebrüder Seibel das elterliche Bauernhaus mit der hinterliegenden ersten „Fabrik“ dort, wo heute der Posthof ist, zum Abriss freigegeben, um die für damalige Verhältnisse riesige Baufläche zu ermöglichen. Auch diese Facette ist besonders erwähnenswert, weil die ehemals kleine Fabrikwerkstatt sinnbildlich auch zur Keimzelle eines städtisch wirkenden Postbetriebs wurde, der bis in die 60er Jahre sieben Tage in der Woche seine Dienste dem Publikum zur Verfügung stellte.
Wie war das Postwesen im 18. und 19. Jahrhundert im ländlichen Raum in der Südwestpfalz? Was wir in den Archiven fanden, gilt in gleicher Weise für die meisten Gemeinden unserer Heimat, vor allem wenn man bedenkt, dass Hauenstein bis vor 1886 eine ganz kleine und arme Waldgemeinde war, einwohnermäßig in der Größenordnung wie Busenberg oder Hinterweidenthal. Kein Wunder, dass Hauenstein noch in der Zeit der ersten Schuhfabriken von 1886 bis 1894 von der Postanstalt Wilgartswiesen versorgt wurde.
Ochsenfuhrwerk bringt Pakete
Bis 1858 waren die amtlichen postalischen Sendungen in Hauenstein wöchentlich von Pirmasens an das Bürgermeisteramt und das Pfarramt verteilt worden. Private Sendungen brachte der Postbote aus Annweiler. Die Schuhpakete , die anfangs der 1890er Jahre immer größeren Umfang annahmen, mussten die ersten Jahre mit acht Ochsenfuhrwerken nach Wilgartswiesen gebracht werden, bis am 16. Juli 1894 im Anwesen des Schuhfabrikanten Anton Seibel in der Hauptstraße 13 eine sogenannte „Postexpedition“ errichtet wurde.
Dem Gemeindeschreiber Jakob Eckerle aus Stein wurde „im Namen Seiner Majestät des Königs“ die Stelle des damals hoch angesehenen Postexpeditors übertragen. Erster Postzusteller war Anton Hengen. Dem Fuhrmann Ludwig Seibel (heute das ehemalige Möbelhaus Eduard Seibel) in der Schulstraße war der Poststall übertragen worden. Die Errichtung der Postanstalt und der Poststelle waren übrigens ein Feiertag für das ganze Dorf. In den Fabriken ruhte die Arbeit und das Freibier floss in Strömen.
Erste moderne Post 1911 bezogen
Bereits zwei Jahre später 1896 war die „Postexpedition“ zu klein. In den Räumen des Postexpeditors Eckerle (heute das hinterliegende Schlachthaus der Metzgerei Braun) wurden vor 125 Jahren neue Räume bezogen worden, die aber auch bald nicht mehr ausreichten. Und wieder war es Schuhgründer Anton Seibel, der eine Lösung fand: An der Ecke Schulstraße/Gartenstraße (jetziges Anwesen Lioba Uhl) errichtete er ein modernes Gebäude, das er 1911 an die Post vermietete. Gleichzeitig wurde ein Postwagen angeschafft, der 120 Pakete laden konnte.
Die „Post“ war mittlerweile zum Prestigegeschäft geworden und die begütertsten Leute bemühten sich um die Stelle des „Poschdexpedidders“. Einer dieser einflussreichen Geschäftsleute war der 1860 in Silz geborene Bäckermeister Jakob Homberg („bei’s Homberchers“), der 1920 nicht nur eine Bäckerei mit Lebensmittelgeschäft mitten im Ort betrieb, sondern auch stolzer Postexpeditor wurde.
Mit Kunst am Bau
Die Hauensteiner Post war in den Folgejahren ein Spiegelbild der rasant expandierenden Schuhindustrie, und mit Hilfe des „Fabrikantenvereins“ machte man Nägel mit Köpfen und baute nach Abriss von zwei Häusern das städtisch wirkende Postamt, das Anfang April 100 Jahre alt wurde. Die neuen Räume hatte damals schon die stattliche Nutzfläche von 220 Quadratmetern mit angegliedertem Telegraphenamt, Kraftwagenhalle und modernen Dienstwohnungen.
Schon damals kannte man übrigens „Kunst am Bau“, und die Hauensteiner Post ist eines der ersten Behördengebäude in der Region, das damit ausgestattet wurde. An der Westfront links vom Haupteingang erhebt sich ein Sandsteinrelief – geschaffen von dem Hauensteiner Steinmetz und Maurermeister Lippert, das den Aufstieg Hauensteins als Schuhort mit dem Meister und seinem Lehrling in der stilisierten Schuhwerkstatt versinnbildlicht. An gleicher Stelle soll es auch als erstes Hauensteiner Dokument „Kunst am Bau“ seinen Platz auch in Zukunft behalten.