Dahner Felsenland RHEINPFALZ Plus Artikel Heimatgeschichte: Unterwegs im Wieslautertal des Jahres 1850

Die Burg Bewartstein heute, bewohnt und bewirtschaftet.
Die Burg Bewartstein heute, bewohnt und bewirtschaftet.

August Becker, einer der bekanntesten pfälzischen Autoren, gibt die ersten touristischen Hinweise von seinen Erkundungen in der Pfalz. Durchwandert hat er um 1850 auch das Wieslautertal. Wir begleiten ihn ein Stück auf seinem Weg und bei seiner Wahrnehmung der damaligen Landschaft.

Einer der bekanntesten pfälzischen Autoren ist August Becker aus Klingenmünster, geboren 1828. Als Mitte des Jahrhunderts die Reiselust deutlich zunahm, waren touristische Hinweise über die Pfalz noch Mangelware. Mit seinem 1858 erschienenen Buch „Die Pfalz und die Pfälzer“ konnte Becker damals eine Lücke schließen. Wie er vor gut 150 Jahren unsere Heimat sah, eröffnet dem heutigen Leser einen interessanten, manchmal amüsanten Einblick. Von den aufgeführten Landschaften greifen wir hier eine heraus und unternehmen gemeinsam mit dem Schriftsteller eine Wanderung durchs Lautertal um 1850.

Im Felsenland

Rechts und links ungeheuerliche Steinmassen, im grünen, vom klaren Flüsschen durchschlängelten Talkessel ein schöner Flecken, hoch über ihm ein ungeheurer Felsenwall - das ist Dahn. Groteske und romantische Felsenpartien in der ganzen Umgebung. Nirgends sind die Formen des Sandsteins kühner, phantastischer und abenteuerlicher, nirgends die seltsamen Felsbildungen so dicht beisammen und bilden den Kontrast zu den lieblichsten Wiesentälern. Dahn ist ein freundlicher Flecken im Lautergrund. Es ist die wildromantische Schönheit der Natur, die hier ihren vollen Zauberbecher ausgegossen hat. Der Flecken ist rund um seine Kirche und die hohe und feste Kirchhofsmauer gebaut. Charakteristisch für dieses Felsenland ist besonders die Zucht von Eseln und Ziegen. An trefflichen Gasthäusern fehlt es hier nicht. Eine mächtige Felsenklamm ist der Jungfernsprung. Seine vorderste Stirn überhängt in drohenden Massen Straße und Dorf. Einige ärmliche Hütten stehen direkt unterm Felsen. Zum Felsenkreuz kann man hinaufsteigen und hat die völlige Vogelperspektive. Nur wenige hundert Schritte südöstlich des Dorfes das Felsenriff Hochstein. Aus der Entfernung sieht er einem Dom ohne Turm nicht unähnlich. Klein und winzig an diesem steht die alte hölzerne St. Michaelskapelle mit prächtigem Panorama.

Ein Verlies wie ein Trichter

Nach Nordwesten hinein reckt eine Burg ihre zerfallenen Zinnen aus der Buchendämmerung, Neudahn. Dies in einer Mondnacht zu sehen, zaubert uns ein Reich der Fata Morgana vor Augen. Hier ist die Natur selbst die mächtigste Fee. Gegen Erfweiler hin erwartet uns eine andere Merkwürdigkeit. Es sind die Felsennester Altdahn und Grafendahn. In das harte Gestein sind Treppen und Gemächer eingeschrotet. Grauenhaft der Anblick eines Verlieses der schrecklichen Art, das man erst in jüngster Zeit entdeckte, als der Fels entzweiborst. Es ist ein Gemach im Felsen in der Gestalt eines umgekehrten Trichters mit engem Eingang oben. Kein Entrinnen war hier möglich. Und auf den Zinnen stehen jetzt statt der Ritter nur noch im Wind nickende Bäume.

Wir wenden uns von Dahn südwärts durchs Lautertal. Hier erhalten wir eine Erinnerung an gewaltige Naturszenen des bayerischen Hochgebirges, der Salzburger und Tiroler Alpen, bei der nahen Klamm. Es ist ein Fenster, von Mutter Natur hierher gestellt. Dann können wir auch den Kurfürsten aufsuchen. Erst in jüngster Zeit wurden wieder Felsenbildungen entdeckt und mit volkstümlichen Namen bedacht. So der Metzger gegenüber dem Jungfernsprung, die Steinerne Hexe beim Fischbacher Tor, auch Riesenweib genannt. Gegen Schindhard stehen Eisele und Beisele auf der Höhe und schauen zum Napoleon. Da ist auch das Münster und die Eisenbahn mit Lok und Wagen.

Die Holzschuhschnitzer

Wir kommen nach einer Stunde, östlich vorbei an den Mühlen von Erfweiler und Schindhard, nach Busenberg. Die Bewohner, echte Gebirgsbauern, düster und einsilbig, wie die des ganzen Wasgau, tragen den runden Westricher Hut. Sie nähren sich als Besenhändler und Holzschuhschnitzer, da die rauen Felder nicht den hinreichenden Bedarf geben. Mit einem Gebund Besen oder Holzschuhe wandern Knaben und Männer in die Vorderpfalz, um sie zu verkaufen. Holzschuhe werden in jenen Gegenden fast allgemein getragen.

Burg Drachenfels findet in ihrer wilden kühnen Bauart nicht leicht ihresgleichen: Wilde Mauertrümmer, Felsentreppen und Eingänge. Wie ein nagender Wurm hat sich der Mensch den Felsen ausgehöhlt. Oben tut sich eine abenteuerliche Aussicht auf. Man fühlt sich in eine andere Welt versetzt, besonders beim Morgennebel. Der Drachenfels ist eine der merkwürdigsten Burgen.

Wenn wir vom Drachenfels östlich schreiten, kommen wir zur Sägemühle, wo wir vor dem Dorf Erlenbach und dem Berwartstein stehen. Das Dorf breitet sich malerisch um den schönen Schlosshügel, der den Berwartstein trägt. Rechts von Busenberg kommend rinnt ein Bächlein, wo im Wiesengrund „St. Gertraud“ steht.

Schreckbild Hans Trapp

Der Berwartstein ist eine der schönsten mittelalterlichen Schlossruinen. Sie ruht auf einem gewaltigen Felsen. Unter dem Hauptbau ist ein geräumiger Felsensaal mit einem natürlichen Pfeiler. Hofmarschall Hans von Tratt, ein ränkesüchtiger Mann, zwang einst dem Abt von Weißenburg das ganze Tal ab, bis er in Acht und Bann kam, als „Ächter“ starb und in der Kapelle zu Niederschlettenbach begraben wurde. Der Burg gegenüber steht der einsame verfallene Turm „Kleinfrankreich“. Schauerliche Sagen gehen hier von vermoderten Gefangenen und gespenstischen Begegnungen um.

Hinter Erlenbach kommen wir am Bärbelsteiner Hof vorbei und wandern das stille Schlettenbächlein hinab. Hier stoßen wir auf ein friedliches Dörfchen, dessen Kirchturm aus dem Wiesengrund ragt, da wo das Tälchen in die Lauter mündet. Niederschlettenbach war früher der Fauteisitz. Das Lautertal hat hier einen anderen Charakter als bei Dahn. Die Berge tragen statt der Felsen tiefe Wälder. Einige Schritte weiter die St. Annakapelle. Der gotische Bau ist halb Ruine, hebt aber die Landschaft sehr. In ihr liegt Hans von Tratt begraben. Im Volk ist der Marschall heute noch lebendig als Hans Trapp, im Elsaß und im Schlettenbacher Tal als Schreckbild der Kinder wenn er das Christkindel begleitet. Hinter der Kapelle beginnen die Schlettenbacher Erzgruben.

Verzaubertes Schloss

Gegenüber der Annakapelle führt ein enges Wiesental nach Nothweiler. Es liegt zwischen sanften Halden mit Obstbäumen, von den hohen Bergen blicken zwei Ruinen. Das Bergwerk liefert Eisen nach Schönau. Auf dem höchsten Bergkegel der Gegend ruht die Wegelnburg. Die Stimmung eines verzauberten Schlosses übergießt magisch die einsame Felsenhöhe. Die Aussicht von der Höhe ist eine der schönsten der Vogesen.

Von Schlettenbach wandern wir weiter lauterabwärts. Zwischen dem Bobenthaler Kopf und dem Hasenkopf erscheint plötzlich das Dörfchen Bobenthal. Seine Einwohner nähren sich in den Wäldern, als Fuhrleute oder Kohlenbrenner. Unterhalb Bobenthal betritt die Lauter nach einer Biegung die französische Grenze. Auf der bayrischen Seite liegt vor uns der Hof St. German, eine bayerische Zollstation. In diesen Tälern entfalten Schmuggler ihr geheimes Leben.

Wiedergegeben ist diese Geschichte von August Becker mit Zeichnungen im Wanderplan 2022 des Pfälzerwald-Vereins Niederschlettenbach. Erhältlich beim PWV, Telefon 06394/5010.

Holzschnitt von Otto Körner aus „Die Pfalz und die Pfälzer“ von 1858.
Holzschnitt von Otto Körner aus »Die Pfalz und die Pfälzer« von 1858.
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