Kreis Südwestpfalz „Hauenstein im Kranze seiner Felsen und Berge“
«Hauenstein.» Bisher war man der Meinung, dass die Geburtsstunde des Hauensteiner Fremdenverkehrs – seit 1985 auch Luftkurort – im Jahre 1955 liegt. Allerdings hatten jedoch bereits in den 1930er Jahren erste Werbekampagnen zum Aufbau eines eigenständigen Fremdenverkehrs in Hauenstein konkrete Formen angenommen.
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg buhlten Werbeprospekte um Gäste. Dies beweist, dass man schon ab 1935 neben der Schuhproduktion auf ein zweites Standbein setzen wollte. Der Krieg setzte diesen Bemühungen vor gut 80 Jahren aber ein jähes Ende. Durch die florierende Entwicklung der Schuhindustrie nach dem Ersten Weltkrieg kamen überaus viele Fremde in den Wasgau-Ort. Darauf stellten sich in den 1930er Jahren als Erste die Hauensteiner Wirte ein. Sie passten ihre alten Dorfwirtschaften schnell den neuen Bedürfnissen an. Diese Entwicklung führte Mitte der 30er Jahre einen wesentlichen Schritt weiter: Das Augenmerk fiel jetzt auch auf Sommerfrischler und Wandergäste. Davon zeugt der erste in Form und Inhalt ansprechende Prospekt. Er bildete wohl die erste Gemeinschaftsaktion der Hauensteiner Gastronomie im Zusammenspiel mit dem Rathaus: präzise knappe Texte, farbige Gestaltung und Logo. Marketing vor 85 Jahren im DIN-A4-Format. Der bei den Gebrüdern Dentzer in Annweiler gedruckte vierseitige Prospekt preist „ein Stück südpfälzischer Felsenlandschaft in überraschender Abgeschlossenheit“. Und macht auf den Anschluss an die weite Welt mit dem Dreiklang „Schnellzugstation München - Saarbrücken – beachtliche Schuhindustrie – Schwimmbad im Bau“ aufmerksam. Fast alle in der Gemeinschaftswerbung verzeichneten Gaststätten „empfehlen sich aufs Beste“. Sie verweisen wie Karl Bärmanns Gasthaus „Zur Sonne“ auf „schöne Fremdenzimmer, Nebenzimmer, Garage und Zentralheizung“. Im Zuge dieser Öffnung für den Tourismus – in Dahn vollzog sich dieser Prozess schon Jahrzehnte früher – entstand in den 30er Jahren mit dem neu gebauten „Felsentor“ von Julius Seibel der erste Hotel- und Gastronomiebetrieb am Ende der damaligen Bahnhofstraße. Das „Felsentor“ warb mit modern eingerichteten Fremdenzimmern mit fließend Wasser und Zentralheizung als Hotel und „Fremdenpension“. Der „Schwanen“ („de Meyer Max“) gab den Pensionspreis mit 2,50 Reichsmark pro Tag an. Die anderen Traditionshäuser „Zum Engel“ und „Zum Ochsen“ mitten im Ort – in der ersten Gemeinschaftswerbung dieser Zeit fehlen eigentlich nur das Wirtshaus „Zum Löwen“ und die Bahnhofswirtschaft – verweisen stolz auf ihre „modernen Fremdenzimmer“. Der „Pfälzer Hof“ nennt sich gar „Hotel-Restaurant“ mit dem Zusatz „Erstes Haus am Platze“ mit einem Pensionspreis von 3,50 Reichsmark. „Formenspiele wie natürliches Felsentor, Puppe, Barbarossakopf bringen Abwechslung in das außergewöhnliche Landschaftsbild“: Knappe Textpassagen verweisen auf „Hauenstein im Kranze seiner Felsen und Berge“. Für den Wandel stehen auch das moderne „Tonfilmtheater“ und vor allem ein neues Caféhaus. In den 30er Jahren schuf der junge „Cafétier“ Karl Müller, der das Bäckerhandwerk seines Vaters Felix Müller nach französischem Vorbild zu „Café und Konditorei“ verfeinerte. „Charly“ Müller errichtete im Ort das auch heute noch architektonisch ansprechende erste Hauensteiner Café (heute Brillen-Ruppert), das er mit seiner Ehefrau Katharina im Caféhaus-Stil der frühen 30er Jahre erbaute und bis ins hohe Alter in den 70er Jahren führte. Die Innenseite des vor 85 Jahren erstellten Flugblatts schmückt die wohl erste „Flugzeugaufnahme von Hauenstein/Pfalz“ zusammen mit einer wirkungsvollen Text-Fotomontage am Hauensteiner Felsendurchbruch. Die „Eingangspforte nach Hauenstein“ wird mit dem geschickt platzierten Schriftzug „Besucht das schöne Hauenstein“ grafisch in den Mittelpunkt gestellt. Dieses zuvor unbekannte Foto könnte auch heute noch bei den Bemühungen, die Schuhmeile an den alten Ortskern anzubinden, zu einer weiteren Gestaltungsidee animieren. Spektakulär für die Vorkriegszeit sind auf der Rückseite ein übersichtliches Panoramabild und eine auch heute noch zeitgemäß anmutende Verkehrsspinne mit Hauenstein als Mittelpunkt des Dreiecks Frankfurt - Karlsruhe - Saarbrücken. Wie stark die erste Gemeinschaftsaktion der Hauensteiner Wirte in Richtung Fremdenverkehr in der zweiten Hälfte der 30er Jahre in enger Absprache mit der Gemeindespitze erfolgte, wird in einem zweiten Originaldokument deutlich. Auf dem offiziellen Briefumschlag der Gemeinde – auf dem Originalbeleg ist die Jahreszahl 1939 zu sehen – ist auf der linken Seite ein Werbelogo mit den Hauensteiner „Siebenmeilenstiefel“ angebracht. Das farbige Logo ziert den Briefumschlag mit dem Untertitel „Der Bürgermeister der Gemeinde Hauenstein“. Der Heimatkundler Eugen Klein (89) glaubt, dass das Motiv von einem in Hauenstein stationierten Offizier stammt. Der damalige Bürgermeister Friedrich Wetzler (1933 bis 1945 im Amt) ließ das Siebenmeilenstiefel-Motiv zu seinem Gedicht „Schönes Hauenstein“ grafisch modifizieren. Diese Werbung ging bis in die 80er Jahre als Postkarte in alle Welt. Wetzler hatte bereits als Junglehrer ein Faible für Literatur und Lyrik. Der in den 50er Jahren als Lehrer in Annweiler wirkende ehemalige Bürgermeister war am Ende seiner beruflichen Tätigkeit Ehrenpreisträger beim traditionellen Mundartwettstreit in Bockenheim. 1961 gewann er nochmals unter 667 eingegangenen Manuskripten mit seiner Mundarterzählung „Schulvissetation“ den zweiten Preis.