Kreis Südwestpfalz Gemeinderätin aus Hettenhausen zum Brexit: „Ich will EU-Bürgerin bleiben“

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HETTENHAUSEN/Zweibrücken. Seit 53 Jahren hat Ailsa Boyce einen britischen Pass. Im englischen Knutsford, 30 Kilometer von Manchester entfernt, ist sie aufgewachsen. Seit 31 Jahren lebt und arbeitet sie in Deutschland. „Sehr, sehr gerne“, wie sie sagt. Die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, war bei aller Liebe zu Deutschland nie ein Thema. Das hat sich geändert.

Seit vergangener Woche besitzt sie neben der britischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Der drohende „Brexit“, also der mögliche Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU), hat Boyce zu diesem Schritt bewogen. „Ich will Europäerin bleiben“, sagt sie zu ihrer Entscheidung für die doppelte Staatsbürgerschaft. Heute stimmt das Vereinigte Königreich Großbritannien, zu dem England, Schottland, Wales und Nordirland gehören, über den Verbleib in der Europäischen Union ab. „Ich habe es lange nicht geglaubt, aber es ist tatsächlich möglich, dass sich die Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union entscheidet“, bedauert Boyce. Die Vorteile, die die Mitgliedschaft in der EU bietet, möchte sie nicht missen. „Es ist so fantastisch, dass man über die Landesgrenzen fahren kann, einfach um nur mal einzukaufen, ohne an der Grenze warten zu müssen. Es ist ein enormer Vorteil, in ein Nachbarland zu fahren und kein Geld wechseln zu müssen“, sagt sie. Es gebe durchaus auch berechtigte Kritik an der EU, doch die Verdienste seien sehr viel größer. „Wir haben seit Jahrzehnten Frieden, es ist möglich, in anderen europäischen Ländern ohne große Schwierigkeiten zu leben und zu arbeiten“, sagt sie. Davon hat auch sie profitiert. Sollte sich Großbritannien für den Austritt aus der EU entscheiden, behält sie diese Vorteile, die sie ganz hoch einschätzt, dank ihrer neuen deutschen Staatsbürgerschaft. Seit 31 Jahren arbeitet sie in Deutschland, hat in die deutschen Sozialsysteme einbezahlt, beispielsweise Rentenansprüche erworben. „Ich möchte nicht riskieren, dass ich hier etwas verliere, weil sich Großbritannien möglicherweise gegen die EU-Mitgliedschaft entscheidet.“ Sie ist nicht die einzige. In ihrem Bekanntenkreis gibt es mehrere Briten, die seit Jahren in Deutschland leben und arbeiten und sich jetzt für die doppelte Staatsbürgerschaft entschieden haben. In England hat sie studiert. Französisch, Deutsch, Philologie und Linguistik. Ihr Spezialgebiet ist es, Englisch als Fremdsprache zu unterrichten. Das wissen seit 1994 vor allem die Studierenden der Hochschule Kaiserslautern zu schätzen. Am Standort in Zweibrücken ist sie dem Fachbereich Betriebswirtschaft zugeordnet, als Lehrkraft für besondere Aufgaben. Sie bringt den Studierenden das in der globalisierten Wirtschaftswelt so wichtige Englisch bei. Boyce lebt in Hettenhausen und gehört dort dem Gemeinderat an. Das ist für sie die gelebte europäische Idee. Es sei ohnehin Quatsch, wenn es in Großbritannien immer heiße, man wolle raus aus Europa. „Großbritannien wird immer zu Europa gehören. Sie wollen raus aus der EU“, sagt Boyce. Verstehen kann sie es nicht, vor allem deshalb nicht, weil Großbritannien, das 1973 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der EU, beigetreten war, durch Sonderrechte viele Vorteile, die die EU biete, nutze und nicht in vollem Umfang wie andere EU-Staaten Gegenleistungen erbringen müsse: „Sie haben sich doch schon das Beste an der EU herausgesucht.“ Die Maastrichter Verträge, die die EU begründen, hat Großbritannien zwar unterschrieben, aber zwei Ausnahmeregelungen ausgehandelt. Währung blieb das englische Pfund, und auch das Sozialprotokoll, das arbeitsrechtliche Mindeststandards regelt, hat Großbritannien nicht unterschrieben. Die Debatten um den möglichen EU-Austritt der Briten verfolgt sie auch im britischen Fernsehen. Was ihr auffällt: „Es wird vor allem mit Zahlen argumentiert.“ Die seien für die Menschen schwer nachvollziehbar und kaum überprüfbar. Viel zu abstrakt. „Viel entscheidender wäre doch, über das Gefühl zu reden, das ein Leben in einem freien und friedlichen Europa mit sich bringt“, sagt Boyce. Das gelte es, den Briten deutlich zu machen. „Vielleicht erleben sie das zu selten“, mutmaßt Boyce. Ein Grund könnte die Insellage sein. Aber auch die Briten reisen im Urlaub in andere europäische Länder, profitieren von der grenzenlosen Reisefreiheit. Unvorstellbar für sie, dass nach einem EU-Austritt Großbritanniens zwischen der Republik Irland, in der die EU-Zugehörigkeit überhaupt nicht zur Debatte steht, und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland plötzlich wieder Grenzen hochgezogen würden. „Wir waren uns doch sicher, dass das überwunden ist“, sagt sie. Dass die Schotten eher für den Verbleib in der Europäischen Union sind, zeigen Umfragen. „Aber entscheidend ist, wie die Engländer votieren, die etwa fünf Sechstel der Wähler stellen“, weiß sie. In Deutschland sei in den sozialen Medien ein Text im Umlauf, der dieses positive europäische Lebensgefühl sehr gut beschreibe. Verbunden mit der Bitte, die englische Version an Freunde in Großbritannien weiterzuleiten. „Und so etwas kommt aus Deutschland“, sagte Boyce lachend und ergänzt ernsthaft: „So etwas hätte ich auch mal von den Briten erwartet.“ Von Freunden und Bekannten hat sie mitbekommen, dass britische Unternehmen begonnen haben, ihre Mitarbeiter jetzt direkt anzuschreiben. Diese unterstreichen, dass jeder frei sei in seiner Entscheidung, „aber sie machen wohl auch auf die Folgen des EU-Austritts, bezogen auf das eigene Unternehmen, aufmerksam“, sagt Boyce.

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