Petersbächel
Freundschaften: Wenn die Grenze keine Rolle spielt
Wenn Petra und Erwin Würth in Petersbächel am Wohnzimmertisch sitzen, aus dem Fenster blicken und von „driwwe“ sprechen, dann ist damit nicht die Wiese hinter dem Haus gemeint, sondern das Elsass. „Driwwe“ gehört für die beiden selbstverständlich zu ihrem Leben dazu, ein Teil der Familie stammt von jenseits der Grenze. Petra Würth erinnert sich lebhaft daran, wie sie mit ihrem Großvater im Elsass unterwegs war.
Für Isabelle Keller aus Obersteinbach und Jacky Ehrstein aus Lembach gilt ähnliches – nur eben von der anderen Seite aus gesehen. Sie stammen aus dem Elsass und haben Zeit ihres Lebens intensiven Kontakt nach Deutschland. Eine Sprachbarriere gibt es nicht, beide sprechen Elsässisch. „Besser als wir Französisch“, sagt Petra Würth mit einem Schmunzeln.
Französische Künstler zu Gast in Petersbächel
Dass heute alle vier gemeinsam am Tisch sitzen, ist kein Selbstläufer, betonen sie. So gebe es zwar Austausche auf politischer Ebene, doch dass die Künstler aus der Grenzregion zusammengefunden haben, war eine private Initiative von Erwin Würth, der in Petersbächel sein Atelier Holzart eingerichtet hat. Vor Jahren habe er Isabelle Keller auf einem Weihnachtsmarkt in Wörth getroffen, wo sie mit ihrer Keramikkunst vertreten war. Sie kamen miteinander ins Gespräch und Würth lud die Künstlerin daraufhin ein, bei ihm auszustellen.
Die Idee, französische Gastkünstler in die eigenen Veranstaltungen mit einzubeziehen, setzt Würth seit über 20 Jahren in die Realität um, wie er berichtet. Gelegenheit dafür ist häufig die Veranstaltung „Advent im Atelier“, die die Familie Würth am ersten Advent in Petersbächel organisiert. Über die Jahre haben sie dazu verschiedene Künstler aus Frankreich eingeladen. Eine andere Möglichkeit bietet der deutsch-französische Radlertag. Zum dritten Mal in diesem Jahr war das Atelier in Petersbächel Teil der Tour. Jacky Ehrstein, der den Fotoclub Dambach leitet, hat dort bereits seine Fotografien ausgestellt.
Die meisten Kunden stammen aus Deutschland
Die Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen, sei für Künstler ganz wichtig, sagt Isabelle Keller. Sie ist regelmäßig auf Märkten in Süddeutschland vertreten, meist im Radius zwischen 400 und 500 Kilometern. Die meisten ihrer Kunden seien Deutsche. Geografisch liege für sie Deutschland viel näher als viele der großen Städte in Frankreich. Ihr Spezialgebiet sind dekorative Keramiken und Skulpturen. Für ihre filigranen Arbeiten nutze sie eine Technik, die bei Keramikarbeiten eher selten sei, schildert sie.
Zuerst werde der Ton poliert, danach folge der sogenannte Schrüh- oder Rohbrand. Im Anschluss werden Eisen und Kupfersulfat in Wasser gelöst und auf die Keramiken gestrichen. Danach komme der zweite Brand, bei dem es sich um einen Holzbrand in einem Ofen aus Schamottsteinen handelt, den Isabelle Keller selbst gebaut hat, wie sie erzählt. Die Keramik werde rundum mit Holz bedeckt. Damit dieses Verfahren funktioniere, sei sehr viel Erfahrung notwendig, erzählt die freischaffende Künstlerin. Zu hoch dürfe die Temperatur nicht sein, sonst würden die Stücke schnell schwarz.
Fotografieren in der Freizeit
Jacky Ehrstein hat es in seiner Freizeit die digitale Fotografie angetan. Zu Beginn waren es vor allem Landschaften, die ihn fasziniert haben, heute sind es Menschen und die Beziehungen zwischen ihnen, die der Vorsitzende des Fotoclubs Dambach einfängt. Er kennt den Holzkünstler Erwin Würth über das Sägewerk, das Ehrstein mit seinem Bruder betreibt. „Die Grenze gibt es für uns im Alltag gar nicht“ – diesem Eindruck Ehrsteins stimmen alle zu. Umso schwerer sei es gewesen, als die Grenze während der Corona-Pandemie geschlossen wurde. „Es hat etwas gefehlt“, sagt Ehrstein.
Bis heute legt Erwin Würth bei all seinen Veranstaltungen die Broschüre „Ateliers über Grenzen“ aus, die seine Frau Petra Würth vor sechs Jahren mit Hilfe des Leader-Programms realisiert hat. Darin stellten sich 32 Künstler von „hiwwe“ und „driwwe“ der Grenze vor. Ganz aktuell ist sie nicht mehr, doch sie zeigt, wie vielfältig das künstlerische Schaffen ist. So verschieden die Metiers der einzelnen Künstlerinnen und Künstler sind, so unterschiedlich ist auch ihre Kunst: Man entdecke immer einen gemeinsamen Aspekt, eine gewisse Universalität, erzählt Isabelle Keller.
Sich gegenseitig austauschen, überlegen, wie sich wechselseitige Besuche verwirklichen lassen und so die deutsch-elsässische Beziehung mit Leben zu füllen, ist ein gemeinsames Anliegen des Quartetts. Ein Anliegen, für das sie sich aktiv einsetzen wollen: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass es von allein passiert“, betont Petra Würth.