Kreis Südwestpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Erlenbach: Der Bombenangriff vor 75 Jahren

 Eines von vielen: Das Anwesen August Stadelmann in der Hauptstraße nach der Bombardierung am 19. März 1945
Eines von vielen: Das Anwesen August Stadelmann in der Hauptstraße nach der Bombardierung am 19. März 1945

Am Donnerstag, 19. März, jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem das Dorf Erlenbach im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern bombardiert wurde. Bei diesem Inferno kamen neun Erlenbacher ums Leben, die am Morgen noch ihr Vieh versorgten. Die Geschehnisse von damals sind bei den Bewohnern noch in guter Erinnerung.

Martha Schwarzmüller war damals 16 Jahre alt. Sie erinnert sich, dass das Dorf im Dezember 1944 evakuiert und ihre Familie in Wernersberg einquartiert war. Weil dieser Ort ebenfalls bombardiert wurde, sind die Schwarzmüllers Anfang Februar 1945 wieder zurück nach Erlenbach gegangen. „Die Häuser waren zum größten Teil noch unbeschädigt. Auch unser Haus in der Binsenhohl.“ Nur die Soldaten seien in den Häusern einquartiert gewesen. Die Familie konnte also wieder daheim wohnen.

Das Unheil kündigt sich an

Am Tag vor der Bombardierung ist ihre Familie in den Wehrmachtsstollen unterhalb von „Klein Frankreich“ eingezogen. „Tage vorher hatten die Bewohner schon ihre Habseligkeiten in den Stollen gebracht, wie Betten und Lebensmittel. Ich meine, es waren auch zwei Kühe dort, sodass wir im Ernstfall auch Milch hatten. An diesem Sonntag flogen den ganzen Tag Luftaufklärer über das Dorf. Das war für uns das Warnzeichen, dass es bald brenzlig werden könnte. Wir waren deshalb noch vorsichtiger und warteten ab. Aber die Angst wurde mit jeder Stunde größer. Noch am Sonntagabend ging’s deshalb in den Stollen. Wir haben mitgenommen, was wir tragen konnten. Unsere ganze siebenköpfige Familie war im Stollen, wo die meisten Erlenbacher Schutz gesucht hatten.“ Das waren etwa 150 Personen, berichtete einmal Alfons Hammer. 50 weitere Personen suchten im Keller der Burg Berwartstein Schutz.

Das ganze Dorf brennt

Am Morgen des 19. März 1945, etwa um 9 Uhr, sei es dann los gegangen. Zunächst hatten die Amerikaner um 8.40 Uhr durch einen Navigationsfehler fälschlicherweise einen Bombenteppich auf Niederschlettenbach gelegt, ohne dass es hier Opfer gab. Martha Schwarzmüller erinnert sich: „Plötzlich haben wir einen ganzen Schwarm Flieger kommen hören und ein Höllenlärm begann. Der alte Ackermann ging an den Stolleneingang, um nachzuschauen. Der kam aber sofort wieder zurück. Er berichtete, dass das ganze Dorf brenne und vernebelt sei.“ Durch den Luftdruck des Bombardements im Dorf gingen alle Kerzen im Stollen aus. „Es hat furchtbar laut gekracht, selbst im Stollen hat es richtig gescheppert. Es war ein Höllenlärm. Die Leute im Stollen weinten. Alles hat gebetet und gehofft, dass es möglichst bald aufhört. Aber das war nicht so. Als der erste Angriff vorbei war, rollte der nächste an, und immer wieder. Es waren fünf Bombenteppiche. Danach kamen die Jabos und schossen auf die Leute, die sich im Freien bewegten.“ Im Stollen sei man noch zwei bis drei Tage geblieben, bis die Amerikaner gekommen seien.

Notdürftig im Stall eingerichtet

Nach der Bombardierung seien einige ins Dorf gegangen, um erneut nach dem Vieh zu schauen. „Auch ich bin zu unserem Haus in der Binsenhohl gegangen. Was ich sah, war grauenhaft. Alles war kaputt und mit einer dicken Staubschicht bedeckt. An unserem Haus war das Dach komplett abgedeckt, so wie an allen Häusern im Dorf. Wir gingen in den Stall. Unsere Hühner, welche sich vorher im Hühnerstall auf der Rückseite des Hauses befanden, lagen alle vorn im Hof verstreut, die Köpfe abgetrennt. Wir haben unsere Habseligkeiten vom beschädigten Haus in den Stall geschafft und uns dort notdürftig eingerichtet, damit wir dort schlafen konnten. Die Nachbarhäuser waren alle kaputt.“

Auf dem Weg zum Vieh bombardiert

Michael Mertel berichtete vor Jahren, dass die Leute morgens vom Stollen hinab ins Dorf gegangen seien, um ihr Vieh zu versorgen. Auf dem Weg dorthin seien sie von den Bombern überrascht worden. „Mein Vater Michael senior hatte im Mühlkeller Schutz gesucht und bemerkt, dass die Familie Feyock unterwegs getroffen war. Er ging los, um ihnen zu helfen, geriet aber in eine zweite Angriffswelle.“ Martha Schwarzmüller erzählt: „Michael wurde durch den Bombenangriff so schwer verletzt, dass er neun Tage später an seinen Verletzungen verstorben ist.“ Es sei grauenhaft gewesen. Schwarzmüller weiter: „Im Fahrweg hinter unserem Haus lag der Jakob Stadelmann, der auf dem Weg zu uns hoch im Stollen Schutz suchen wollte. Er war durch einen Bombensplitter tödlich getroffen.“

Verletzte beschossen

Die Familie Feyock wollte an diesem Morgen, nachdem sie ihr Vieh im Dorf versorgt hatte, zurück in den Stollen. „Am Weg oberhalb der Binsenhohl lagen die drei am Rech. Die hatten Bombensplitter abbekommen, lebten aber noch. Erlenbacher kamen zu ihnen und eilten zum Stollen, um dort Hilfe zu holen. Als die Helfer wieder an die Unglücksstelle zurück kamen, so berichteten sie uns, waren zwischenzeitlich Jabos über das Dorf geflogen und hatten die Familie beschossen.“ Alle waren tot: Michael Feyock, seine Frau Magdalena und ihre Tochter Wilhelmine.

Bürger beerdigen ihre Toten

„Zum Zeitpunkt der Bombardierung war Jakob Schilling drunten im Dorf. Er wurde schwer verwundet in der Hauptstraße von deutschen Soldaten gefunden. Die Soldaten versorgten ihn, aber er ist kurz darauf verstorben. Am Anfang des Schlossweges wurde Margarete Wahl gefunden. Sie wollte ebenfalls zum Stollen, um Schutz zu suchen. Sie hatte einen Volltreffer abbekommen.“ Ein weiterer Bürger, Johannes Leidner, war im Dorf, um Vieh zu füttern. Er wurde durch den Bombenhagel so schwer verletzt, dass er gestorben ist. Die Männer des Dorfes haben sich um die Opfer gekümmert. Der Eintrag im Sterbebuch der Pfarrei: „Weil am 19. März kein Priester vor Ort war, wurden die Opfer von der Bevölkerung beerdigt. Die kirchlichen Zeremonien wurden am 4. April 1945 von Pfarrer Peter Schill vorgenommen.“

Wie eine Mondlandschaft

Nach dem Inferno sah es im Dorf furchtbar aus. „Die Straßen lagen voll mit Schutt, Brettern, Balken und Dachziegeln. Alle Häuser waren kaputt, die Dächer abgedeckt. Vom Hedwigshaus standen nur noch die Mauern, die Maußhardt’sche Mühle war ebenfalls kaputt. Erlenbach-Brücke, Kirche, Schule – überall das gleiche Bild. Auf der Burg waren die Dächer abgedeckt.“ Alfons Hammer erinnert sich: „Die Erde bebte, sogar der Berwartstein! Um 10 Uhr war alles vorbei. Danach sah es in Erlenbach aus wie in einer Mondlandschaft.“

Über 700 Sprengbomben abgeworfen

Nach den heute zugänglichen Quellen der US Air Force hatten an diesem Morgen 19 B-26-Bomber zunächst 300 Sprengbomben (insgesamt 35,37 Tonnen) auf Erlenbach und den Westwall abgeworfen, in einer zweiten Welle 27 Bomber nochmals 428 Sprengbomben (48,53 Tonnen). Bei Martha Schwarzmüller hat das tiefe Wunden hinterlassen. „Ich kann nicht glauben, dass das alles schon 75 Jahre her ist. Eine schlimme Zeit! Niemandem auf der Welt würde ich je ein solches Erlebnis wünschen. Leider ist heute vielen Menschen das Geschehene gleichgültig“, stellt sie fest.

Gedenkfeier verschoben

In Erinnerung an diese Schreckenszeit war geplant, am heutigen Jahrestag, 19. März, um 18 Uhr zusammen mit der Ortsgemeinde in der Erlenbacher St. Aegidius-Kirche einen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Bombardierung abzuhalten. Auf Grund der Corona-Epidemie wird die Gedenkfeier jedoch verschoben.

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