Kreis Südwestpfalz Eine Spielwiese für Insekten
Der Herbst war zwar schon spürbar, es summt und brummt aber immer noch mächtig auf der Wiese bei Contwig. Viele Dutzend Sonnenblumen recken ihre verblühten Köpfe in den Himmel, dazwischen finden sich Blumen aller Art. Sechs Hektar auf zwei Flächen bei Contwig werden fünf Jahre lang nur noch blühen als „Biodiversitäts-Modellprojekt“, das von der Daniel-Theysohn-Stiftung finanziert wird.
„Ich bin total begeistert“, Arno Sprau und sein Kollege Raphael Philipp von der Unteren Naturschutzbehörde der Kreisverwaltung sind voll des Lobes für das Projekt. Im Januar hatte der Landwirt Rolf Lehmann die zwei vorigen Äcker mit einer mehrjährigen Wildblumenmischung eingesät. Meterhoch stehen die Blumen auf dem früheren Acker. „Im ersten Jahr wurde da schon richtig was erreicht für die Insektenvielfalt“, zeigt sich Sprau überzeugt, und Christoph Domke vom Zweibrücker Naturschutzbund (Nabu), der das Projekt begleitet, kann dies bestätigen. Die Zahl der Insekten habe enorm zugenommen. Und ganz konkret positiv ist die riesige Blühwiese für den Contwiger Imker Lothar Immesberger, der schon vor der Blühoffensive seine neun Bienenvölker neben dem Acker auf einer Streuobstwiese stehen hatte. „2018 ist generell ein gutes Jahr für die Bienen. Aber das hier ist natürlich eine absolute Bereicherung für meine Völker“, so Immesberger. Das Projekt kommt genau zur richtigen Zeit, da überall vom Insektensterben und dem damit zusammenhängenden Verschwinden von Vögeln geredet wird. Die zwei Blühacker bei Contwig liefern Insekten nicht nur Nahrung über die Blüten sondern auch Wohnraum für den Winter. In den Stängeln dürften etliche Insekten zu finden sein, die dort überwintern wollen, schätzt Sprau, der folglich nicht die ganzen Wiesen gemulcht haben will, womit die Stängel zerhackt würden. Sprau und Philipp von der Unteren Naturschutzbehörde sehen auch Vorteile für den Landwirt auf seinen umliegenden Äckern, die immer noch normal bewirtschaftet werden und auf denen auch gespritzt wird. „Der braucht jetzt weniger Spritzmittel“, meint Sprau. Auf den Blühwiesen dürften sich Raubmilben und Raubwanzen in Massen tummeln und gegen die Schädlinge auf Lehmanns Äckern vorgehen, erklärt Sprau diese Art der biologischen Schädlingsbekämpfung. „Man kann da wahnsinnig viel erreichen in kurzer Zeit“, wirbt Sprau um weitere Landwirte, die auf nicht unbedingt benötigten Flächen auch solche Blühwiesen anlegen sollten. Oder wie im Fall eines Bottenbacher Landwirts, der entlang seines Ackers einen fünf Meter breiten Streifen mit leuchtend blauen Blumen eingesät hatte. Die Firma Südzucker habe das Saatgut gestiftet, erzählt Sprau. Nicht nur wegen der Nützlinge im Blühacker müssten die Landwirte ein Interesse an solchen Projekten haben, meint Bernd Fischer vom Vorstand der Daniel-Theysohn-Stiftung. „Jeder Meter zählt hier und hilft dem Bauern bei der Bestäubung seiner Frucht“, so Fischer. Zu der vom Nabu betreuten Kartierung der Blühäcker mit Listen der dort zu findenden Tier- und Pflanzenarten, konnte Nabu-Vertreter Domke noch keine Angaben machen. Dafür sei es noch zu früh. Eine spektakuläre Schmetterlingsart sei jedoch häufiger gesehen worden: der Schwalbenschwanz. Sprau verweist auf die Liste der eingesäten Kräuter und hier sei die Wilde Möhre als Futterpflanze für den Schwalbenschwanz zu finden. Das Projekt sehen Sprau und Philipp als Modell, bei dem auch Erfahrungen für Ersatzzahlungen von Windkraftunternehmen gesammelt werden könnten. Sprau möchte in Absprache mit dem Landwirt auch gerne auf den Flächen experimentieren, in dem beispielsweise ein Teil der Fläche nur gemäht und das Mähgut auf die Seite gelegt wird, um die Insektenhotels in den Stängeln zu erhalten. Und auf anderen Teilen der Fläche beispielsweise Schnittgut von vorhandenen Ökokontoflächen aufgetragen wird, um zu sehen, wie sich die Artenvielfalt noch steigern lassen kann. „Das Entwicklungspotenzial ist immens hoch“, zeigt sich Sprau überzeugt.