Dahn Ein Grabstein mit Geschichte: Dahner Bürger sammeln Geld für Instandsetzung
Fast wäre ein Zeugnis bedeutsamer Geschichte verloren gegangen. Denn der Grabstein, der bis Ende März 2022 auf dem Dahner Friedhof stand, war nicht nur wegen seiner Größe und Ausarbeitung ein Blickfang. Der steinerne Zeitzeuge erinnert vielmehr an den tragischen Tod des Arztes Nikolaus Anstett. Dieser hatte während des blutigen Pirmasenser Aufstandes gegen die Separatisten am 12. Februar 1924 Verletzte versorgt und wurde dabei selbst von einer Kugel tödlich getroffen. Der in Pirmasens praktizierende Arzt, dessen Frau Mina Hartmann aus Dahn stammte, wurde am 15. Februar 1924 in Dahn beerdigt – unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Pirmasens und Dahn, wie der Dahner Heimatforscher Otmar Weber recherchierte. So fand damals in Pirmasens nicht nur eine Trauerkundgebung statt, bevor der Sarg nach Dahn überführt wurde – auch Geschäfte und Schulen blieben an diesem Nachmittag geschlossen.
Das Grab des Arztes wurde inzwischen aufgelöst, doch der Grabstein durfte wegen seiner Bedeutung bleiben. 99 Jahre stand er dort. Bis Verwaltungshandeln dies änderte.
Eine rote Markierung alarmiert Bürger
Ins Rollen kam der Stein gewissermaßen, als das inzwischen verstorbene Stadtratsmitglied Otto Laux im März 2022 im Stadtrat darauf hinwies, dass der Anstett’sche Grabstein mit einem roten Kreuz markiert und damit zum Abräumen bestimmt sei. Was auch direkt, nämlich am 30. März, vollzogen wurde, wie Georg Amberger, Stadtratskollege von Laux, zurückblickt. Er setzt sich mit einer Gruppe Dahner Bürger für den Erhalt des Stein ein. Auf deren Betreiben wurden damals auch die Bruchstücke aus dem Schuttcontainer wieder herausgeholt und zum städtischen Bauhof gebracht, wo sie seitdem auf den nächsten Schritt warten.
Der soll zu einem Steinmetz in der Vorderpfalz führen, der die Teile zusammensetzen könnte. Glück im Unglück: Der Grabstein ist nur in drei große Teile gebrochen. Etwa 3500 Euro würde die Instandsetzung kosten, inklusive eines Schildes zur Geschichte des Steins. Dafür wollen sie nun, mit Unterstützung der Dahner Kolpingfamilie, noch Spenden einsammeln. Auf dem Friedhof soll der Stein allerdings nicht mehr aufgestellt werden, sondern einen würdigen Platz erhalten im Bereich zwischen Kurpark und Bruderborn.
Bürgermeister: Nur Vorschriften befolgt
Dass es überhaupt so weit kam, hat Georg Amberger durchaus beschäftigt. Das sei eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen, meint er. Das unterstreicht Stadtbürgermeister Holger Zwick. Wohl wissend, dass mancher im Ort die Sache womöglich weniger neutral beschreiben würde – nach dem Motto „Erst macht’s die Stadt kaputt, jetzt sollen es Spender richten“. In dieser Sache, sagt Zwick, könne man aber niemandem einen Vorwurf machen. Niemand habe etwas mutwillig zerstört. Es seien nur die Vorschriften befolgt worden.
Der Weg, den die Bürokratie sich in diesem Fall geebnet hat, beginnt mit dem Besuch eines älteren Herrn in der Sprechstunde des Stadtbürgermeisters im Herbst 2021. Er pflegte damals das Grab im Auftrag der in Bayern lebenden Eigentümerin der Nutzungsberechtigung. Der Mann verweist darauf, dass die Nutzungsrechte 2022 abliefen, aber der besondere Grabstein doch erhalten und die Nutzung verlängert werden sollte, sich die Stadt Dahn vielleicht selbst um das Grab kümmern könnte.
Nur Eigentümerin kann entscheiden
Um dieses Anliegen im Rat zu besprechen, erklärt Holger Zwick nun, hätte er von der Eigentümerin selbst eine Erklärung benötigt, die aber nicht kam. Auf den Tisch kam die Sache erst wieder 2022. Nachdem er im Stadtrat erfahren habe, dass jener Grabstein zum Abbau gekennzeichnet sei, habe er dies tags drauf noch verhindern wollen. Zu spät, da lagen die Bruchteile bereits im Container, zusammen mit weiteren Grabsteinen. Denn den Abbau von Grabstellen veranlasse die Verwaltung im Tagesgeschäft ohne Rücksprache mit der Stadt, erklärt Zwick. Auch in diesem Fall sei die Eigentümerin des Grabsteins vor Ablauf der Ruhefrist angeschrieben worden, ob verlängert oder eingeebnet werden solle. Und die Frau habe sich schriftlich für das Einebnen der Grabstätte und die Entsorgung des Grabsteins ausgesprochen. Da, meint Zwick, seien dann auch einer Behörde die Hände gebunden.
Die Rettung der Bruchstücke aus dem Container habe er unterstützt, verdeutlicht Zwick. Aber für das weitere Vorgehen habe er sich bei der Eigentümerin des Grabsteins absichern müssen, betont er – sie habe schließlich die Entsorgung des Steins verfügt. Doch die Dame stimmte dem Vorhaben zu, den Grabstein mit Spenden zusammenzusetzen und außerhalb des Friedhofs aufzustellen. Dafür will die Stadt nun ein Grundstück zur Verfügung stellen und auch bei der Errichtung des Hinweisschildes helfen.
Auch Anstoß zur Digitalisierung
Damit nicht genug. Denn der alte Grabstein trägt nun mit dazu bei, dass Daten über Gräber und bedeutende Grabsteine digital erfasst werden sollen, damit sich solches nicht mehr wiederholt. Und so ist der alte Stein nicht nur Erinnerung an tragisches Geschehen, sondern auch Wegbereiter für eine modernere Bürokratie.
Spenden
Spenden für die Instandsetzung des alten Grabsteins können beim Spendenkonto der Kolpingfamilie Dahn bei der Sparkasse Südwestpfalz unter dem Stichwort „Grabstein Anstett“ eingezahlt werden, IBAN DE37 5425 0010 0070 0133 96.