Merzalben RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Dachbodenfund mit Geschichte

Noch im Dornröschenschlaf auf dem Dachboden im Spinnwebenkokon eingehüllt: das über 80 Jahre alte Miele-Fahrrad.
Noch im Dornröschenschlaf auf dem Dachboden im Spinnwebenkokon eingehüllt: das über 80 Jahre alte Miele-Fahrrad.

Etwas rostig, verstaubt, voller Spinnweben – so stand das Fahrrad auf dem Dachboden. Ein Fall für den Sperrmüll, wird manch einer denken. Aber nicht dieses Fahrrad. Denn an ihm lässt sich eine Geschichte erzählen, die Geschichte eines Jungen, seiner Träume und eines unverhofften Wiedersehens.

Im Leben passieren viele verrückte Dinge – das stellte sich dieser Tage mal wieder in der Zimmerbergstraße in Merzalben heraus. Hier steht eines der ältesten Häuser der Gemeinde, erbaut 1689. Zwischenzeitlich gehörte es dem Lehrer Otto Wolf, der um 1930 einen gemauerten Schuppen mit einem Dachboden errichtete. Seit 1987 besitzt Alfred Bartz das historische Anwesen mit samt diesem Schuppen. Und wie sich nun herausstellte, bewahrte der Dachboden des Schuppens viele Jahrzehnte ein Geheimnis. Ein Fahrradgeheimnis. Denn dort stand an einen Balken gelehnt ein Miele-Fahrrad aus den 1930er-Jahren. Mit eben diesem Zweirad fuhr Helmut Stobbe vor 71 Jahren von Merzalben nach Hinterweidenthal in den Konfirmandenunterricht.

Mit dem Miele-Rad nach Hinterweidenthal

In der RHEINPFALZ-Weihnachtsgeschichte 2019 hatte Helmut Stobbe seine außergewöhnliche Lebensgeschichte erzählt, über die Flucht aus Ostpreußen bis zu seiner Ankunft in Merzalben 1948. Die protestantische Familie, die in der Hauptstraße wohnte, war eher ein Außenseiter in der erzkatholischen Gemeinde. Aber der strenge Lehrer Otto Wolf hatte ein Herz für den damals 14-jährigen Neu-Merzalber. Stobbe musste jede Woche einmal zum Konfirmandenunterricht nach Hinterweidenthal. Dort hatte die Leitung der protestantischen Kirchengemeinde ihren Sitz. Ein langer Weg, der mit einem Fahrrad leichter zu bewältigen war. Doch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Fahrrad zu besitzen, das war Luxus. Stobbes Familie war dafür viel zu arm. Aber da Lehrer Wolf den Schüler Helmut Stobbe kannte, bot er ihm für die Fahrt sein schwarzes Miele-Fahrrad an.

Gangschaltung gab es keine

Der protestantische Pfarrer Karl Maue unterrichtete den Merzalber Konfirmanden, der einmal pro Woche angeradelt kam. Das Mittagessen, das er dort bekam, war ein Geschenk des Pfarrers. So gestärkt, galt es, auf dem Heimweg kräftig in die Pedale zu treten. Ganz so einfach, wie sich das liest, war der Weg aber nicht, wie Helmut Stobbe erzählt, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiern darf. Denn eine Gangschaltung hatte das Fahrrad nicht. Die Schloßstraße hoch musste der damals 14-Jährige sein geliehenes Rad also schieben. Dann, an der Schäferei angekommen, ging es den engen Serpentinenweg steil hinab ins Zieglertal bis nach Hinterweidenthal. Und der Rückweg war nicht weniger anstrengend und mühsam, ging es doch nun bis zur Schäferei nur bergauf. Damals gab es noch keine geteerte Fahrbahn, die man als gut befahrbare Straße nutzen konnte. Freien Lauf mit frischer Luft um die Nase gab es trotzdem, wenn Stobbe die Schloßstraße wieder hinunter ins Dorf sauste.

Vom Pfarrer gab es 20 Mark

„Sofort, wenn ich in Merzalben war, fuhr ich in die Zimmerbergstraße und gab dankend das Fahrrad ab“, erinnert sich Helmut Stobbe heute noch. Also nichts war es mit kleinen Erkundungstouren durchs Dorf oder Radabenteuern im heimischen Pfälzerwald. Nach einem halben Jahr war die Konfirmandenprüfung bestanden. Es schloss sich eine kleine Familienfeier an. Noch heute erinnert sich Stobbe gern daran, dass zur Überraschung aller der katholische Pfarrer Richard Frank vorbeikam und den 14-Jährigen mit einem 20-Mark-Schein beschenkte. Ab der Konfirmation war die Fahrrad-Leihe jedoch passé. Doch der Jugendliche träumte noch eine Zeit lang davon, wie es mit einem eigenen Drahtesel wäre.

Über 70 Jahre später radelte das schwarze Miele-Fahrrad nun wieder in Stobbes Leben. Der Dornröschenschlaf des alten Zweirades fand nämlich ein jähes Ende, als Alfred Bartz den Schuppen abreißen wollte, den der Lehrer Wolf einst gebaut hatte. „Ich deet mich net wunnere, wann uff’m Speicher noch das alde Fahrrad vun Wolfe stehe deet“, mutmaßte Bartz in geselliger Runde. Und genau so war es.

Dachboden gibt altes Fahrrad preis

Als die rechte Dachvorderseite des Schuppens geöffnet wurde, fiel sofort das schwarze Fahrrad ins Auge. „Ich kann’s net glawwe, tatsächlich“, rief Alfred Bartz aus, als er der RHEINPFALZ immer noch sichtlich erstaunt von seinem Fund erzählte. Von Spinnweben eingesponnen wie in einem Kokon lehnte das schwarze Miele-Fahrrad mit der langen Hebelhandbremse, mit dem großem Dynamo, mit den platten Dunlopreifen an einem Holzbalken.

Die freudige Kunde vom Fahrradfund meldete die RHEINPFALZ sofort dem ehemaligen Pedaltreter Helmut Stobbe. „Was? Das Fahrrad gibt es noch? Ich kann’s net glaawe“, war die erste Reaktion. Stobbe war so bewegt von diesem Fund, dass er und seine Frau Hilde sofort nachfragten, ob sie das Erinnerungsstück aus Jugendtagen bekommen können. Selbstverständlich, sagte Alfred Bartz. Es wird nun bei Helmut Stobbe eine neue Heimat finden. Wo sein Ehrenplatz sein wird, beratschlagt das Ehepaar noch. Demnächst wird das betagte Miele-Fahrrad seine erste Dorfrundfahrt starten.

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