Münchweiler
Ein Christkind wird 100
Josef Michel ist ein echtes „Christkind“. Der Urmünchweilerer ist der zweite Bürger in diesem Jahr, der in seiner Gemeinde die 100-Jahr-Marke überschreitet. Erfreulich ist für die große Familie, dass Vater, Opa und Uropa Josef weiterhin geistig fit ist. Das große Fest könne zwar pandemiebedingt nicht stattfinden, stellt Sohn Manfred Michel fest. „Kinder, Enkel und die Urenkel werden trotzdem am Heiligen Abend ihre Glückwünsche überbringen.“
Weihnachten 1941: Heimweh an der Front
Der Jubilar kam als sechstes von sieben Kindern von Franz-Josef Michel und seiner Frau Anna in Münchweiler am Weihnachtstag zur Welt. Der Junge besuchte die Volksschule, eine höhere Bildung wurde ihm nicht erlaubt. Als junger Mann weigerte er sich, der Hitlerjugend beizutreten, in den Krieg musste er trotzdem. Sein Einsatz führte ihn nach Rußland. Noch genau erinnert sich der alte Herr an Weihnachten 1941: 30 Kilometer hinter Moskau, als deutscher Soldat in einem russischen Haus. Er suchte einen Baum, der als Weihnachtsbaum dienen sollte. Die Soldaten bekamen eine Flasche Wodka und Zigaretten. „Die Heimatpäckchen kamen immer erst im neuen Jahr“, weiß er noch. Man habe um den Baum herum gesessen und seine Kameraden seien von überall her gekommen. „Alle hatten Heimweh“, sagt er bewegt.
Glückliche Rückkehr in die Heimat
Aus der späteren amerikanischen Kriegsgefangenschaft in der Normandie wurde er früher entlassen. Er gab sich als Landwirt aus. Bauern durften früher heim. Ein großes Glück für die Familie, denn drei seiner Brüder fielen im Krieg. Zurück in der Heimat, heiratete er am 10. April 1947 die Schreinerstochter Rösl Klein. Aus der guten Ehe gingen vier Kinder hervor.
Josef Michel wurde Schreiner in der Schreinerei seines Schwagers. Später arbeitete er in der örtlichen Schreinerei Cronauer bis zur Rente. Das Haus seines Großvaters richtete er für seine eigene Familie her. Dort lebt er heute noch. Das Geld war nicht üppig in der Familie Michel mit vier Kindern in schwierigen Nachkriegsjahren. Große Reisen? Von wegen. Modelleisenbahn für die Jungs? Nicht drin. Aber der handwerklich begabte Vater bastelte mit großer Liebe und ganz viel Herz für seine Kinder „es Derfl“ (also Münchweiler). Dabei handelte es sich um einen Sandkasten, der mit kleinen Häusern, dem Schulhaus und der Kirche bestückt und liebevoll bemalt wurde. Alle Teile stammten aus Holzabfall.
Ein bleibendes Weihnachtsgeschenk
Das war ein bleibendes Weihnachtsgeschenk. Denn nach wie vor wird jedes Jahr zur Krippe das „Derfl“ mit aufgestellt. „Und was noch erfreulicher ist: In den zurückliegenden Jahren helfen die Urenkel mit, das Derfl aufzubauen“, erzählt Manfred Michel. Sein Vater weiß noch genau, wie groß die Freude über das „Derfl“ bei seinen Kindern damals war.
Michel schmunzelt, als er erzählt, dass die ersten Kugeln an seinem Weihnachtsbaum von seiner Schwiegermutter kamen. Es gab keine Kugeln zu kaufen. Sie hatte welche. Die schmückten den zirka 50 Zentimeter großen Christbaum. Bis heute, ergänzt seine Schwiegertochter Marlies Michel, wird der Baum mit den alten, mit goldenen und silbernen Kugeln behängt. Josef Michel schmückte lange selbst den Weihnachtsbaum.
Ein Geschenk in zwei Teilen
Und noch eine Tradition: An Heilig Abend gibt es Kartoffelsalat und Würstchen. Nur dieses Jahr, am 100. Geburtstag, nicht. Viele Jahre stand dieser übrigens am 24. Dezember im Hintergrund. Damit beides gewürdigt wurde, Geburtstag und Weihnachten, erhielt er früher etwa ein Paar Socken getrennt: morgens den rechten, abends den linken Socken. Genauso verhielt es sich beim Schlafanzug. Das hat sich natürlich geändert. Die Zeiten sind besser geworden.
Der Jubilar war einmal die tragende Säule der Kolpingfamilie im Dorf, saß viele Jahre im Gemeinderat. Interessiert am Geschehen ist er bis heute. Im Fernsehen schaut er Nachrichten, Sport und Krimis. Und eines lässt er sich bis heute nicht nehmen: Nach dem Frühstück wird Zeitung gelesen.