Kreis Südwestpfalz Eigeninitiative ja, Selbstjustiz nein, Hund nicht frei laufen lassen

Auf großes Interesse gerade bei Hundebesitzern stieß am Freitag ein Infoabend zum Thema Giftköder. Wut und Besorgnis waren zu spüren, als über Rattengift gesprochen wurde, das ausgelegt wurde, um Haustieren zu schaden.
Mit etwa 70 Zuhörern rappelvoll war die Wirtschaft der VT Turnhalle Contwig beim Vortrag über Giftköder, zu dem das Deutsche Rote Kreuz (DRK) am Freitag eingeladen hatte. Drei Referentinnen sprachen über die Gefahren von mit Rattengift versehenen Ködern, Vorsichts- und Behandlungsmaßnahmen. Grund für den Infoabend war der Fund von Giftködern in Contwig (wir berichteten mehrfach). Bei der Fragerunde nach den Referaten bat DRK-Bereitschaftsleiter Kai Harstick die Zuschauer ausdrücklich darum, keine Verdächtigungen auszusprechen und in der Diskussion keine Namen zu nennen. Die Zuschauer hielten sich daran, dennoch merkte man den Hundebesitzern ihre Wut und Besorgnis an. Thomas Gab und Thomas Rembecki waren als Vertreter der Zweibrücker beziehungsweise Pirmasenser Polizei gekommen. „Eigeninitiative ist angesagt, aber keine Selbstjustiz“, warnte Gab. Wer Giftköder beim Spazierengehen entdecke, solle ein Foto davon machen, sie einpacken und den Behörden bringen. Zwei Frauen berichteten, dass ein Grundstücksbesitzer mit Giftködern gedroht habe, sollten sie noch einmal ihre Hunde auf seinem Grund und Boden laufen lassen. „Polizeilich haben wir gar nichts in der Hand mit dieser Aussage“, erklärte Rembecki. Zwar könne die Polizei mit dem Mann reden, strafbar sei die Aussage an sich aber noch nicht. Rembecki berichtete von früheren Urteilen in Fällen mit Giftködern, die in Contwig gefunden wurden. Ein Angeklagter habe 5000 Euro, ein anderer 8000 Euro zahlen müssen. „Damit ist aber noch nicht dem Hund geholfen“, stellte der Polizist fest. Ein Tier zu verletzen, gelte nach wie vor als Sachbeschädigung, bedauerte Rembecki. Dennoch sei dem Staatsanwalt die große Emotionalität bewusst, die ein solcher Fall hervorrufe. Das fließe in das geforderte Strafmaß ein Ein Zuschauer schlug vor, die Namen von Verurteilten öffentlich zu machen. „Die Zeiten, in denen jemand öffentlich an den Pranger gestellt wurde, sind vorbei“, beschied ihm Gab. Außerdem wurde vorgeschlagen, dass Hundebesitzer sich zusammentun, um sich in der Gemeinde dafür einzusetzen, dass die Hundesteuer auch für Hunde verwendet wird. So wünschten sich einige eine Hundewiese in Contwig als Treffpunkt. Eine Frau wollte wisse, ob man die Tiere durch prophylaktische Verabreichung von Vitamin K gegen das Gift schützen könne, das genau dieses Vitamin hemmt. Das verneinten die Tierärzte. In Überdosierung könne es sogar toxisch wirken, meinte Elisabeth Venzl aus Stambach. Rattengift wirkt gegen Vitamin K und hemmt damit die Blutgerinnung, erklärte Liana Meisel-Gehl. Der Tod erfolgt demnach durch Verbluten. Rattengifte - sogenannte Rodentizide - wirken heute zeitverzögert. „Heimtückisch“ nannte Meisel-Gehl diese Art des Tötens. „Ratten sind vorsichtig und schlau“, berichtete die Tierärztin. Wenn die Tiere tote Artgenossen neben dem Futter liegen sehen, verzichten sie auf die dargebotene Speise. Deshalb wurden Gifte entwickelt, die zeitverzögert wirken. So können die Ratten keinen Zusammenhang zwischen dem Köder und dem Gift herstellen. Außerdem sollen die Mittel attraktiv auf die Nager wirken, berichtete Meisel-Gehl. Sie sehen wie Hackfleisch aus oder riechen nach Vanille. Das Problem: „Genauso attraktiv ist das für unsere Hunde.“ Auch für andere Haustiere und kleine Kinder könne das Gift eine Gefahr darstellen. Die Symptome hängen vom Zeitpunkt der Vergiftung und der eingenommenen Menge des Giftes ab. Blasse Schleimhäute, Erbrechen, Futterverweigerung und Teilnahmslosigkeit seien Anzeichen, die Hundehalter argwöhnisch machen sollten. Ebenso wie Nasen- oder Zahnfleischbluten, Blut im Urin und Blutergüsse unter der Haut. Dann solle man schnell zum Tierarzt. Wenn der Arzt eine Vergiftung mit Rodentizid feststelle, bringe er das Tier zum Erbrechen, gebe ihm Aktivkohle - das noch vorhandenes Gift in Magen und Darm binde - und Abführmittel. Außerdem stabilisiere er den Kreislauf des Tieres und führe Vitamin K zu. „Es lohnt sich immer, um das Leben eines Tieres zu kämpfen“, sagte Tierärztin Elisabeth Venzl aus Stambach. Meisel-Gehl wies darauf hin, dass die Europäische Union die Gifte der zweiten und dritten Generation 2013 für Privatleute verboten hat. Nur Landwirte und Schädlingsbekämpfer mit einem Sachkundenachweis dürften sie kaufen. Das zu kontrollieren, sei schwierig, sagte Thomas Rembecki von der Pirmasenser Polizei. Über das Internet seien auch die neuen, besonders starken Gifte zu erhalten. Die zeitliche Distanz zwischen der Aufnahme von Gerinnungshemmern und dem Eintritt der Wirkung schütze Täter vor der Entdeckung erklärte Elisabeth Venzl, warum sich Menschen, die Tieren schaden wollen, für Rattengift entscheiden. Die Vorsichtsmaßnahmen: Den Hund nicht frei laufen lassen, sondern an der langen Leine lassen, zumindest jetzt, da in Contwig mehrere Köder gefunden wurden. Ein Maulkorb, so Venzl, sei bei Hund und Halter gleichermaßen unbeliebt, aber relativ sicher für das Tier. Schwieriger sei ein Anti-Giftköder-Training. „Der Hund kann eine Handlung lernen, nicht ein Nicht-Handeln“, so Venzl. Das bedeute, man könne dem Hund kaum beibringen, Futter, das er am Wegesrand finde, nicht anzufassen. Wohl könne man den Fund mit einer Handlung verknüpfen, etwa sein Herrchen anzuschauen und den Fund anzuzeigen. Kais Harstick zeigte sich begeistern über den großen Zuspruch zur ersten Vortragsveranstaltung des Contwiger DRK und kündigte an, dass weitere Infoabende folgen sollen. |mefr