Kreis Südwestpfalz Die Habseligkeiten im Kopfkissen
Ein Bunker im Contwiger Neubaugebiet (wir berichteten am Mittwoch) erinnert an den Bau des Westwalls vor 80 Jahren im Zweibrücker Land.
Der Bunker war am Donnerstag Thema im nicht-öffentlichen Teil der Contwiger Ratssitzung. Wie Bürgermeister Karlheinz Bärmann vor der Sitzung der RHEINPFALZ sagte, ist der Bunker größer als gedacht und ragt in einige Grundstücke der Gemeinde hinein. Ihn zu verfüllen werde teurer als gedacht – allerdings nur für die Gemeinde. Die Mehrkosten hätten keine Auswirkungen auf die Erschließungsbeiträge. Der Bunker im Contwiger Neubaugebiet ist eine ehemalige Artillerie-Feuerstellung, die als Teil des Westwalls dem Denkmalschutz unterliegt. Der Denkmalpfleger hat den Bunker in seiner Dokumentation als Sonderbau bezeichnet, da er wesentliche Abweichungen von den üblichen Normbauten hat. Der Bunker bot zwölf Personen Platz. Laut der Demilitarisierungsliste wurde er am 8. August 1947 gesprengt. Die Ruine wurde in den 60er Jahren vom Bundesvermögensamt aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht übererdet. Der Westwall, zu dem der Bunker gehört, ist eine Befestigungsanlage aus dem Zweiten Weltkrieg mit geschätzt etwa 1000 Bunkern. Sie wurde innerhalb eines Jahres im Zweibrücker Land und im Bliesgau in den Boden gerammt. Die in Beton gegossenen Erdbunker sollten Deutschlands Grenze zu seinen westlichen Nachbarländern sicherer machen. „Kaum einer dieser Bunker erfüllte wirklich seinen Zweck. Jene Personen die den Bunkerbau und die Vorbereitungen für den Angriffskrieg gegen unsere Nachbarländer zu verwirklichen hatten, waren mit dem Nutzen der Verteidigungsbauten im Ernstfall genauso auf dem Holzweg wie Frankreich mit seiner Maginot-Linie“, sagt Alois Bärmann aus Contwig. Die kleinen engen Bunkeranlagen hätten wenige Vorteile für eine Verteidigung gebracht. Zum Schutz der Zivilbevölkerung waren sie nicht nutzbar, sodass viel Geld in den Sand gesetzt wurde, meint der 92-jährige ehemalige Kriegsteilnehmer. Bärmann weiß wovon er spricht, er musste mit 17 Jahren Soldat werden, zwei seiner drei Brüder starben im Krieg. Der dürftig ausgebildete Jungsoldat musste an die Westfront. Mit der Landung der Alliierten in der Normandie begann für Bärmann und seine Kameraden der Rückzug. Sie wurden nach Norden verlegt, um Hamburg in den letzten vier Kriegsmonaten zu verteidigen. Dort tobte der Luftkrieg so heftig, dass die Soldaten mit die schlimmsten Kriegstage zu überstehen hatten. Schließlich wurde Hamburg zu einer freien Stadt erklärt, und die deutschen Truppen hatten bis zum Morgengrauen die Stadt zu verlassen. Bärmann beschloss, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Mit zwei Freunden hat er sich von Hamburg in Richtung Heimat auf den Weg gemacht, um der Gefangenschaft zu entgehen. Auf der Flucht kam er über Hannover und Kassel bis zum Rhein. Dies war für den Nichtschwimmer das größte Hindernis. Mit einem Winzerboot schaffte er es in der Dämmerung über den Rhein. Nach drei Wochen Fußmarsch erreichte er sein Heimatdorf. Alles war nur möglich, weil es überall Menschen gab, die die Soldaten unterstützten, obwohl sie sich dadurch selbst in Gefahr brachten. Für die Bewohner des Dorfes Contwig bedeutete die Lage innerhalb des Westwalls, dass man zur sogenannten Roten Zone gehörte, die im Kriegsfall zu räumen ist. Der Bunkerbau auf dem Höhenrücken zwischen Zweibrücken und Pottschütthöhe in Richtung Maßweiler begann 1938. Die Westwall-Arbeiter kamen aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich, erzählt Hilde Bärmann, geborene Ziehl, die damals ein Schulmädchen in Stambach war. Die vielen Arbeiter brauchten Schlafplätze und Verpflegung. Sie schliefen in den Tanzsälen der Gaststätten, berichtet Bärmann. Baracken wurden gebaut. Gearbeitet wurde an den Bunkeranlagen Tag und Nacht. Selbst an Sonn- und Feiertagen. Alle Baustellen lagen hinter einem Bretterzaun und waren mit Tarnnetzen überspannt. Niemand außer den Arbeitern hatte Zugang, so Alois Bärmann. Die Gaststätten in den Dörfern hatten Hochkonjunktur, der Bierhahn konnte in den Abendstunden kaum zugedreht werden, da die Arbeiter einiges ihres guten Lohnes sofort umsetzten. Der Ausbruch des Krieges mit Polen am 1. September 1939 und die Kriegserklärung durch Frankreich und England am 3. September bedeute für die Dörfer im Schwarzbachtal und Hornbachtal, dass sie sich unfreiwillig im Krieg befanden. Die Räumung der Roten Zone wurde angeordnet. Ein Drama für die Familien, innerhalb von drei Tagen waren Contwig und Stambach geräumt. Es gab eine klare Anordnung, was jede Person mitzunehmen hat: Marschverpflegung für drei Tage (Brot, Räucherfleisch, Hartwurst, Käse, Konserven), wenn möglich eine Decke, Wetterschutz (Zeltbahnen, Mantel), Essbesteck sowie Essgeschirr und Trinkgefäße (möglichst aus Metall), eine Flasche für Getränke, Leibwäsche, besonders Strümpfe, Wasch-, Putz- und Nähzeug, Taschenlampen, Laternen, Ausweis- und Familienpapiere, Sparkassenbücher, sonstige wichtige Urkunden und die Volksgasmaske. Die Marschausrüstung durfte höchstens 30 Pfund wiegen. In einem Kopfkissen hatte man seine Habseligkeiten verstaut, erzählt Hilde Bärmann, die damals zehn Jahre alt war. Keine Familie verließ gerne Haus und Hof, wo die Ernte auf den Feldern noch nicht vollständig eingebracht war und der gesamte Hausstand unbeobachtet blieb. Deshalb setzte die Wehrmacht ein sogenanntes Erntekommando ein, damit alles noch abgeerntet wurde, was zur Verpflegung der Soldaten und der Arbeitskräfte gut zu gebrauchen war. Im Frühjahr 1940 wurden die Felder wieder durch Arbeitstrupps eingepflanzt, denn die Ernährung musste sichergestellt werden. Das Kleinvieh (Ziegen, Schweinen, Hühnern, Enten, Gänsen und Hasen) musste freigelassen werden. Großvieh konnte die abziehende Bevölkerung nur wenig mitnehmen, da dies beim Abzug hinderlich war. In der Contwiger Chronik zum 750-jährigen Dorfjubiläum 1987 ist nachzulesen, dass das Wiesental voller Kühe und Rindvieh gestanden hätte. Denn auch Vieh aus dem Hornbach- und Bliestal wurde ins Zweibrücker-Land getrieben, da es vor dem Feind in Sicherheit gebracht werden sollte. Der Weg der Umsiedlung führte die Bewohner des Schwarzbachtales über die Sickinger Höhe nach Landstuhl, Kaiserslautern und Westhofen. Bei warmem Spätsommerwetter hätten sich die Omnibuskolonen über die Sickinger Höhe und das Wallhalbtal zur Kaiserstraße bewegt, schreibt Otto Simbgen aus dem ehemaligen Oberhausen im Landkreis Zweibrücken, im Heimatbuch der Verbandsgemeinde Wallhalben. Die Eisenbahn hätte die Rückwanderer aus der Roten Zone zum Teil nach Franken, die Oberpfalz und nach Thüringen gebracht. Die Freimachung der Dörfer hätte eigentlich unterbleiben können, da es kaum Kampfhandlungen bis 1940 gab, als die Soldaten in Frankreich einmarschierten. Dies berichten auch Zeitzeugen aus den Nachbardörfern, wie der damalige Gemeindesekretär Walter Guth aus Rieschweiler und Walter Rinner in der Dorfchronik ihrer Heimatgemeinde. Sie beschreiben den genauen Reiseweg ihrer Dorfbewohner bis in die kleine Kreisstadt Kemnath im Fichtelgebirge, wo im dortigen Landratsamt noch die mitgeführten Standesamtsakten von Rieschweiler deponiert wurden. Im Landkreis Zweibrücken seien 19 Dörfer und im Landkreis Pirmasens 33 Dörfer von der Räumung betroffen gewesen. In der gesamten Pfalz mit 78 geräumten Dörfern und den Städten Zweibrücken, Pirmasens und Bad Bergzabern waren 600 000 Menschen auf Achse. Große Viehherden hätten man über die Sickinger Höhe ins Bruch getrieben. Die Bauern seien mit Pferdefuhrwerken und den Habseligkeiten nach den Fußgruppen mit ihren Handwagen durchgezogen. Ein fürchterliches Schauspiel sei diese eigentliche Vertreibung aus der Heimat gewesen, so die Wahrnehmung des Zeitzeugen. Die Eheleute Bärmann erinnern sich noch, dass es unter anderem bis nach Coburg, Ebermannstadt, Streitberg und Bayreuth in Franken ging. Den Dörfern in der Grünen Zone wie Oberauerbach, Niederhausen, Winterbach, Großbundenbach, Krähenberg, Battweiler, Reifenberg, Maßweiler, Schmitshausen oder Thaleischweiler war es verboten, Personen aus den Dörfern der Roten Zone aufzunehmen. Die Mobilmachung des Militärs sei in der Nacht auf den 26. August erfolgt, schreibt Simbgen. Tage zuvor wurden den Besitzern von Lastkraftwagen und Omnibussen geheime Fahrpläne ausgehändigt, die zu befolgen waren. Nun sickerte durch, dass der Kriegsausbruch nahte. Bereits am 17. Mai 1939 hat der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler der Sickinger Höhe einen Besuch abgestattet, sei danach über Winterbach nach Zweibrücken und bis nach Walshausen gefahren, um sich von der Schlagkraft seiner Flugabwehr innerhalb der Hauptkampflinie zu überzeugen. Der Einmarsch der deutschen Soldaten nach Frankreich erfolgte am 10. Mai 1940, da man die Maginot-Linie umging oder schlecht gesicherte Stellen zum Durchbruch wählte. Bereits am 14. Juni 1940 waren die ersten Soldaten in Frankreichs Hauptstadt in Paris. Nach dem erfolgreichen Westfeldzug kam es am 22. Juni 1940 zum Waffenstillstand mit Frankreich. Die 1939 geräumten Dörfer Contwig, Stambach, Dellfeld, Rieschweiler, Höhmühlbach entlang der Hauptkampflinie waren nun kein Kriegsgebiet mehr, sodass die Evakuierten ab Ende Juli 1940 wieder in ihre Häuser zurückkehrten. Es gab manch böse Überraschung, da die Soldaten sich in vielen Fällen im Umgang mit fremdem Eigentum daneben benommen hatten. Es folgte eine zweite Evakuierung von Oktober bis vor Weihnachten 1944, da jetzt die kriegerischen Auseinandersetzungen immer heftiger wurden. Das galt vor allem für den Luftkampf. Diese Räumung war im vorherrschenden kriegerischen Durcheinander völlig ungeordnet. Einige Bewohner gingen noch einmal freiwillig, aber eine große Zahl blieb einfach und erduldete das schwere Kriegsschicksal. Die letzten Kriegsmonate bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 waren eine fürchterliche Zeit, denn jeder musste um sein Leben bangen, berichtet Hilde Bärmann. Ständig seien die Jagdbomber ab März 1945 zu hören gewesen und überall habe es Geschützfeuer gegeben. Zweibrücken erlebte seine zerstörerische Bombennacht am 14. März 1945, was auch die Nachbardörfer nicht verschont ließ. Die Jabo hätten auf alles geschossen, was sie erspähten. Dies hat auch Otto Simbgen, als Zeitzeuge aus dem Wallhalbtal, so berichtet. Am 21. März 1945 wären die amerikanischen Panzer und die Militärkolonnen über die Sickinger Höhe gerollt, um den letzten Widerstand der deutschen Soldaten bis zum Rhein zu brechen. Die Dorfbewohner von Stambach hätten daraufhin in den Stollen im Seitental hinterm Bahnübergang beim Sportplatz Schutz gesucht. Nur die ganz mutigen hätten sich am Tag noch ins Dorf getraut, um nach dem Rechten zu sehen und das noch vorhandene Vieh zu füttern, berichtet die ehemalige Bewohnerin Stambachs.