Kreis Südwestpfalz Die Frau der tausend Tücher

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Walshausen. Sandra Schürer hat den Knoten raus. Die Trageberaterin aus Contwig berät Eltern bei der richtigen Bindeweise des Tragetuchs oder der geeigneten Tragehilfe für ihr Baby. Die Walshauserin kam selbst zum Tragen im Tuch, als ihr Sohn geboren wurde und sich nicht ablegen oder fahren lassen wollte.

„Okay, die mag sie nicht“, entscheidet Sandra Schürer und befreit die schreiende kleine Maria mit wenigen Handgriffen aus der Tragehilfe, die sich ihre Mutter Corinna an den Bauch gebunden hat. „Das Tuch vorher war besser“, sind sich die beiden einig. Sandra Schürer berät Mütter, welche Tragehilfe die geeignete ist. Ist die passende Tragehilfe gefunden, hilft sie bei der richtigen und gesunden Bindeweise, die für Baby und Mutter gleichermaßen passt. Corinna Lang und ihre Tochter Maria haben sich für die Wickelkreuztrage entschieden. Dafür legt sich die Mutter das Tuch um den Bauch und zieht die Enden über Kreuz über die Schultern. Dann lässt die Mutter das Kind in den so entstandenen Tragebeutel gleiten. Die Hand unterm Po verhindert das Durchrutschen. Nun muss das Tuch gestrafft werden. Sandra Schürer zeigt immer wieder, wie es am besten geht. Etwa, indem man die umgenähte Webkante verfolgt und daran zieht, bis das Tuch überall schön straff sitzt und sich das Baby in angehockter Haltung ganz nah an den Körper der Mutter schmiegt. Dann werden die Tuchenden über Kreuz unter die Beinchen des Babys geschlagen und hinten verknotet. Sandra Schürer weiß, wie man einen schönen flachen Weberknoten macht, der beim Sitzen weniger drückt. „Das Baby soll nicht abheben, wenn sich die Mutter bückt“, erläutert die Trageberaterin, die sich zu Demonstrationszwecken selbst Lotte, die Babypuppe, ins Tuch gebunden hat. An ihr demonstriert sie jeden Handgriff. Vorteil: Lotte meckert nicht. An ihr üben die Eltern zu Beginn der Trageberatung, bis sich die ersten Unsicherheiten gelegt haben und die Handgriffe sitzen, um bestimmte Trageweisen wie die auf dem Rücken mit dem eigenen Baby zu probieren. Wer auf dem Rücken tragen will, muss das Baby im Tuch auf den Rücken bugsieren und darf dabei nicht die Nerven verlieren. Bis die wichtigsten Handgriffe trainiert sind, wird an Lotte geübt. Sie wiegt etwa so viel wie ein Neugeborenes und trägt Kleidergröße 62. Als Sandra Schürer 2008 mit ihrem eigenen Sohn in der Situation war, half ihr eine Hebamme. „Ich habe aber gleich gemerkt, dass die Bindeweise nicht das Gelbe vom Ei war“, erinnert sich die 38-Jährige. Ihr Sohn Marcel ließ sich überhaupt nicht ablegen, ohne zu schreien. So kam sie zum Tragen und recherchierte, dass es spezielles Fachpersonal gibt, das beim Erlernen der Tragetechniken hilft und jeden Tragenden dort abholt, wo er steht. „Eine Bindetechnik, die für den einen passt, kann den nächsten mit schlimmen Rückenschmerzen quälen“, erläutert die Trageberaterin. Sandra Schürer entschied damals schnell, dass sie selbst Trageberaterin werden wollte und begann Anfang 2009 mit ihrer Ausbildung bei der Dresdner Trageschule von Claudia Hahn und Petra Wilhelm. „Ich dachte mir, wenn es mir so geht, wird es auch noch andere Mütter in der Situation geben“, erinnert sich die Walshauserin. „2010 folgte dann der Aufbaukurs, und 2011 erhielt ich ganz stolz mein Zertifikat, für das ich sehr hart arbeiten musste“, gibt sie unumwunden zu. Seitdem muss sie sich jährlich fortbilden und arbeitet im Tragenetzwerk mit. Für rund 40 Euro kommt sie zu den Ratsuchenden zur Erstberatung nach Hause und trainiert gemeinsam, bis es klappt. „In der Regel dauert das eineinhalb bis zwei Stunden“, erläutert die Trageberaterin. Wenn sie länger bleibt, kostet es mehr. Zeit zum Stillen oder Wickeln wird aber herausgerechnet. Sie kommt auch schon für eine Erstberatung zu Schwangeren, so lange der Bauch nicht so dick ist. Dann kann es, wenn das Baby da ist, gleich losgehen. Leben kann sie von der Trageberatung allein allerdings nicht, schon deshalb nicht, weil sie alle Tragehilfen und Tücher, die sie vorführt oder verleiht, vorhalten muss. Daher hat sie noch einen Halbtagsjob in der Uniklinik Homburg und näht Kinderkleidung, die sie auf der Verkaufsplattform Etsy unter dem Namen Hutzel Shop verkauft. Natürlich verkauft sie sie auch an Mütter wie Corinna Lang, deren Tochter zwei Pumphosen bekommt, weil es sich in denen so gut trägt. Die Bündchen an den Fußgelenken verhindern das Hochrutschen im Tuch. Nun lässt sich nicht jede Mutter gleich zur Trageberaterin ausbilden, zumal Sandra Schürer vor der Geburt als Rechtsanwaltsfachangestellte bei einem großen Baumarktkonzern gearbeitet hat und dort recht zufrieden war. „Mein Job hat mir Spaß gemacht, ich habe auch gerne Überstunden gemacht, aber als mein Sohn dann zur Welt kam, habe ich nicht für möglich gehalten, dass ich so gerne Mutter bin“, sagt sie.

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