Kreis Südwestpfalz Der Strukturwandel 4.0 treibt um
Die Digitalisierung in Industrie und Dienstleistungsgewerbe, die nichts weniger als den tiefgreifendsten Strukturwandel seit den 70er Jahren mit sich bringt, wird zigtausenden Arbeitnehmern, auch in der Saarpfalz und Westpfalz, eine berufliche Neuorientierung abverlangen. Wie das Ziel „guter Arbeit“ unter veränderten Rahmenbedingungen erreicht oder der Status gewahrt werden kann, das diskutierte gestern die Bezirkskonferenz der IG Metall Mitte in Homburg.
83 Delegierte, Vertreter von 315 000 Gewerkschaftsmitgliedern aus Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, kamen zum jährlich stattfindenden Treffen diesmal im Schlossberg-Hotel zusammen. Die Verwaltungsstelle Saarpfalz war im Februar ein Schwerpunkt der Aktionen der IG Metall im Ringen um einen neuen Tarifvertrag. Man habe große Erfolge erzielt, sagte Bezirksleiter Jörg Köhlinger gestern, etwa die Flexibilisierung der Arbeitszeit zum verbrieften Recht der Arbeitnehmer zu machen. Jetzt komme es auf die Umsetzung an. Dass die Gewerkschaft als effektive, schlagkräftige Organisation angesehen werde, zeige sich in den Mitgliederzahlen. Im Saldo von Eintritten und Abgängen habe man 2017 um 127 Mitglieder zugelegt. Köhlinger sprach auch Schwachpunkte an. So habe die Tarifauseinandersetzung mit dem Höhepunkt der erstmals ausgetragenen 24-Stunden-Warnstreiks gezeigt, dass nicht jede der 27 Geschäftsstellen im Bezirk so kampagnenfest sei wie die Homburger. Zum Leitthema „Transformation gestalten – sicher, gerecht, selbstbestimmt“ sprach neben dem Bezirksleiter auch die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) und der IG-Metall-Bundesvorsitzende Jörg Hofmann. Hofmann zitierte aus einer erst kürzlich veröffentlichten Studie im Auftrag der Gewerkschaft, wonach allein durch den Technologiewechsel auf Elektroantrieb in der Fertigung des Antriebstangs von Autos 110 000 Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen werden. 30 000 neue könnten entstehen. „Fragt sich nur wo: Bei uns oder eher in Osteuropa und Südostasien“, so Hofmann. Auch standardisierbare Angestelltentätigkeiten, etwa im Rechnungswesen und Vertrieb, seien durch die Digitalisierung tausendfach bedroht. Und aktuelle Projekte in der Logistik würden meist schon „mannlos“ geplant, automatisiert, so dass überhaupt keine Arbeitnehmer mehr gebraucht würden. Als Gewerkschaft wolle man den Strukturwandel selbst (mit-) gestalten. Der IG-Metall-Bundeschef forderte gestern unter anderem den Ausbau der jetzigen staatlichen Berufsschulen zu regionalen Berufsbildungszentren für die Qualifizierung auch langjährig Beschäftigter. Das deutsche Bildungssystem sei gut in der Erstausbildung, nicht aber in der nun erforderlichen Qualifikation. Die Menschen durch Bildung im Erwerbsleben zu halten, sei auch eine staatliche Aufgabe, so Hofmann. Die IG Metall hat für den 30. und 31. Oktober einen Transformationskongress nach Bonn einberufen, auf dem man sich auf konkrete Schritte verständigen und Forderungen an die Arbeitgeber und die Politik formulieren will. Hofmann betonte, die betriebliche Mitbestimmung und die gewerkschaftliche Durchsetzungsfähigkeit seien auch Antrieb eines gesellschaftlichen Wandels. Für sein bürgerschaftliches Engagement gegen rechte Parolen wurde das Bündnis „Wir sind Kandel“ mit der Georg-Bernard-Plakette ausgezeichnet. Benannt ist sie nach dem im KZ Dachau von den Nationalsozialisten 1945 ermordeten, ehemaligen Bezirksleiter des Metallarbeitgeberverbandes. Die Verleihung ist mit einer Spende von 1000 Euro verbunden.