Südwestpfalz „Der Krieg hat begonnen“: Partnerschaftsstreit beschäftigt das Gericht
Die 59-jährige Mutter der ehemaligen Freundin des Angeklagten berichtete zunächst über das Verhältnis zum Angeklagten. Anfangs sei er nett gewesen, aber er sei schnell besitzergreifend und dominant im Haus geworden und habe Forderungen gestellt. Immer zu den Prüfungszeiten ihrer Tochter – sie ist Studentin – habe es Krach gegeben, weil der 27-Jährige sie für seinen Internetauftritt eingespannt habe. Die Tochter sei angespannt, unzufrieden und aggressiv geworden. Das junge Paar habe sich schließlich getrennt. Dann habe er sie, die Mutter, nachts angerufen zum Essengehen. Als sie nicht darauf eingegangen sei, habe er geschrieben: „Ich war nur nett wegen deiner Tochter. Der Krieg hat begonnen.“ Daraufhin habe sie ihm Hausverbot erteilt. In der Folge sei das Verhältnis nachhaltig zerstört gewesen. Schließlich sei die Tochter aber zum Angeklagten gezogen – in dessen Abwesenheit.
Nach einiger Zeit sei sie wieder ins Elternhaus zurückgekehrt. Dann hätten massive Belästigungen begonnen, die sich immer zur Prüfungszeit gesteigert hätten. Sie habe das Gefühl gehabt, der Angeklagte mache das bewusst, um seine Ex kleinzuhalten und damit sie durch die Prüfung fallen sollte. Die Zeugin vermutete, dass die Tochter den Mann auch mit Geld unterstützt habe. Der Mann habe ihre Tochter per GPS-Tracker überwacht und verfolgt. Er sei zu allen möglichen Situationen erschienen, habe alle paar Tage vor der Tür gestanden und schließlich gedroht: „Du wirst das büßen.“ Es sei auch zu Cyberangriffen auf den Firmenrechner gekommen und schlechte Bewertungen in Google von Leuten, die nie Kunden ihres Handwerksbetriebes gewesen seien.
Zwei Überfälle
Im Februar sei nachts ein Motorrad laut an ihrem Haus vorbeigefahren. Am nächsten Morgen seien dann ihre Autoreifen zerstochen gewesen. Am Folgetag gab es das gleiche Spiel, außerdem Beschädigungen im Außenbereich. Schließlich seien sie nachts um 1.30 Uhr überfallen worden. Ihr Mann sei im Schlafzimmer gewürgt worden. Der Sohn habe dann den Angreifer von ihrem Mann heruntergezogen, und sie habe mit einem Stock auf den Täter eingeschlagen. Der habe sie daraufhin „an die Wand gepfeffert“. Der Tochter habe er zweimal ins Gesicht geschlagen und sei schließlich über den Balkon geflüchtet. Ihr Mann habe dem Angreifer das Visier seines Motorradhelms abgerissen. Da hätten sie den Angeklagten erkannt.
Im März habe es wieder massive nächtliche Motorradgeräusche gegeben, die sie als Bedrohung empfunden hätten. Sie habe mit der Polizei telefoniert, als es in ihrem Kopfbereich geknallt habe – später fand die Polizei eine Stahlkugel in der Dachrinne und eine Delle im Rollladen. Sie und ihr Mann seien dann vor die Haustür gelaufen. Der Mann ging in die Knie – wodurch wisse sie nicht – und ein Angreifer habe mit einer Stange voll in das Gesicht ihres Mannes geschlagen – wie mit einem Baseballschläger. Ihr Mann sei nicht ansprechbar gewesen und habe geblutet. Sie habe Angst um die Firmenhalle, das Haus und ihre Existenz gehabt. Und sie habe sich immer gefragt: „Was wäre gewesen, wenn der Sohn beim ersten Angriff nicht zu Hause gewesen und den Angreifer nicht von ihrem Mann weggezogen hätte?“
„Unbeschreibliche Wut“ gegen die Familie
Nach den Zeugenaussagen machte der Angeklagte am zweiten Verhandlungstag ausführliche Angaben. Tenor: Die anderen sind schuld. Der 27-Jährige unterstellte der angegriffenen Familie, sie hätte sich vor dem Prozess abgesprochen und gelogen und zog über sie her. Er behauptete, die Mutter seiner Ex habe das Leben ihrer Tochter bestimmt und sie nicht erwachsen werden lassen wollen. Er hingegen habe die junge Frau „gut und angemessen behandelt, was sie noch nicht kannte“. Die Mutter habe sie entzweien wollen, Lügen verbreitet, schließlich die Tochter geschlagen und aus dem Haus geworfen. Die habe die Schuld bei ihm gesucht. Das habe eine „unbeschreibliche Wut“ gegen diese Familie bei ihm aufgestaut.
Zum ersten Überfall sagte er: Gerüchte und Anzeigen gegen ihn hätten ihn psychisch beeinträchtigt. „Ich war nicht Herr meiner Sinne. Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ich wäre in der Lage gewesen, höheren Schaden anzurichten.“ Er habe sich nur verteidigt und sei nicht im Elternschlafzimmer gewesen. Der Vorfall im März sei nur die „Antwort auf die Rückgriffe gegen ihn“ gewesen.
Zwei Personen hätten ihm aufgelauert, ihn geblendet und ihn vom Motorrad geschlagen. Deshalb habe er der Familie den Autospiegel abgeschlagen. Aber der Familienvater habe ihn mit einer Eisenstange attackiert, als er das Grundstück verlassen wollte. Deshalb habe er zwei Schüsse mit einer Spielzeugwaffe in die Luft abgegeben – zur Abschreckung – und Schläge mit der Faust. Er sei durch Alkohol und psychische Probleme in einem Ausnahmezustand gewesen. Später sei er mit dem Motorrad gestürzt, weil er wegen einer Verletzung an der Hand, die ihm der Familienvater zugefügt hatte, nicht habe bremsen können.
„Durch Ex traumatisiert“
In einem Brief, den der Richter verlas, entrüstete sich der Angeklagte, dass er in Haft ist, während die Mutter seiner Ex frei sei. Zudem beklagte er sich über die Haftbedingungen, die seien „menschenunwürdig“. „Ich komme mir vor, wie in einem Dritte-Welt-Land“, schrieb er. Er sei durch seine Ex „traumatisiert“, durch sie habe er „alles verloren“. Er wolle „mit der kranken Familie nichts mehr zu tun haben“.
Ein Gutachten bescheinigte zehn Quetschrisswunden im Gesicht des 64-jährigen Familienvaters, die durch stumpfe Gewalt verursacht wurden. Für die Verletzungen am Hinterkopf kämen Schläge mit einer Eisenstange oder ein Sturz nach hinten in Betracht. Der 64-Jährige erlitt zudem eine Nasenbeinfraktur.
Zum Schluss stellte Verteidiger Alexander Becker noch mehrere Beweisanträge zur Einholung rechtsmedizinischer und fachpsychiatrischer Gutachten, unter anderem zur Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit. Die Verhandlung wird am 25. September fortgesetzt.