Erfweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Der Dorf-Rebell: Matthias Ruppert und sein Hofladen (mit Video)

Auffällig bunt: Wo Laden draufsteht, ist vieles mehr drin. Wanderer kehren gerne bei ihm ein. Die Dorfbewohner stehen Matthias R
Auffällig bunt: Wo Laden draufsteht, ist vieles mehr drin. Wanderer kehren gerne bei ihm ein. Die Dorfbewohner stehen Matthias Rupperts Rebellion eher gelassen gegenüber – und kommen auch mal auf ein Bier vorbei.

Ladenbesitzer. Künstler. Provokateur. In Erfweiler geht an Matthias Ruppert kaum ein Weg vorbei. Sich an Regeln zu halten, liegt ihm nicht. Gegen sie aufzubegehren, hingegen sehr. Eine Dorfgeschichte.

Es gibt verschiedene Versionen darüber, was damals jemand vor die Verbandsgemeindeverwaltung in Dahn gemalt hat. „Alles Arschlöcher“, erinnert sich der Nachbar die Straße hoch und muss ein wenig lächeln. „Hier lebt der Sumpf“, meint Matthias Ruppert, weiter die Straße runter, und muss ebenfalls grinsen, deutlich breiter. Keine Einigkeit also über Wortlaut und Qualität der Beleidigungen, für die Kiste mit dem Sumpf hat man Ruppert nach eigener Auskunft ein Ordnungsgeld aufgebrummt. Es wird jedenfalls früh klar: Dieses ist eine eher unübersichtliche Geschichte. Und schon wie deren Hauptperson sich selbst sieht, ist wie alles im Leben ziemlich fließend. „Künstler“, sagt Ruppert, „zumindest bin ich ein Lebenskünstler.“ Bisschen Robin Hood dazu? „Nee, ich seh’ mich als Provokateur. Brauch ich auch.“

An dieser Stelle finden Sie ein Video via YouTube.

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Um sich dem zu nähern, was Ruppert da macht, geht man am besten topographisch vor. Man verlässt die B10 bei Annweiler, fährt durch Lug und Vorderweidenthal, macht einen großen Bogen nach Dahn und nimmt die Landschaft der Südwestpfalz auf. Eine eher sanfte Mittelgebirgslandschaft mit vielen Tälern und Auwiesen und Sonne und einer Rinderherde im lichten Schatten, eine Landschaft, in der alles sagt: Komm zur Ruhe. In Dahn nimmt man die Straße, die nach Erfweiler hochführt und von dort im Bogen auch wieder runterkommt. Der Buckel im Dorf steigt mäßig steil an, und fast schon am Ende der Straße kommt rechts etwas, das in etwa so auffällig ist wie ein Sexshop in der Vatikanstadt.

Getränke gibt’s auf Spendenbasis

Eigentlich ist das hier ein Ökoladen, dafür hat Ruppert, 58 Jahre, aus Dahn, gelernter Maler, wohl eine Genehmigung, das dürfte ziemlich unstrittig sein. Bei allem anderen wird’s dann schon wieder unübersichtlich: Ruppert verkauft nicht nur Pflanzen, Obst und Gemüse, er schenkt auch Getränke aus, „auf Spendenbasis“, sagt er. Er kocht in der Küche seines Hauses für seine Gäste, viele Wanderer dabei, Erfweiler hat einige Premium-Wanderwege. Er hat das Trottoir auf der Straßenseite gegenüber bestuhlt, sauberer 1,50-Meter-Corona-Abstand, bloß den Nachbarn, den hat er wohl nicht gefragt und das Ordnungsamt jedenfalls nicht.

Vor Kurzem war die Polizei da, die kommt gelegentlich, unter anderem, weil manchmal lange gezecht wird. Diesmal hatte allerdings jemand an die Mauer gepinkelt. Stimmt auch so, meint Ruppert, aber der Typ war aus Norddeutschland. Und hat in einer nahen Gaststätte schon mal auf den Tanzboden geschifft, weil er die Treppe zum Klo nicht mehr geschafft hat. Gab ein Hausverbot. „Danach hat man oben aber Klos eingebaut“, sagt Ruppert und lacht. Das Neue erwächst halt manchmal aus dem Profanen. Aus Seichlachen auf Parkett beispielsweise.

Bußgeldbescheide im Netz

Die Polizei also kommt angelegentlich, genauso wie das Ordnungsamt, unter anderem wegen illegalen Ausschanks hat er sich inzwischen mehrere Strafen eingefangen, sagt er selbst. Seine Bußgeldbescheide stellt er ins Internet, da ist inzwischen wohl einiger Speicherplatz vonnöten, er hat eine lange Tradition der Rebellion gegen die Obrigkeiten. „Ich bin kein Spitzbube, ich bin offen und ehrlich“, sagt er. „Ich war früher Messdiener.“ Warum legt er sich so mit den Behörden an? „Ich hab’ nichts mehr zu verlieren“, sagt er, „ich will wissen, wie weit dieser Staat gehen kann.“

Der „Staat“ – das ist auch Walter Schwartz, Ortsbürgermeister von Erfweiler und Rupperts Cousin zweiten Grades. „Ich vermute, er sieht mich als Feind“, sagt Schwartz. „Ich bin eigentlich nicht sein Feind.“ In Rupperts Laden oder seiner Schänke kaufen nicht bloß die Touristen, auch Erfweilerer gehen dort hin, sein Nachbar von weiter oben am Hang sieht beispielsweise auch mal junge Leute, die abends noch einen Kasten Bier wegtragen. „Mach ich, wenn ich’s verantworten kann“, sagt Ruppert. „Wenn er das ganze Ding reell betreiben würde (…) wär’s kein Problem“, meint Bürgermeister Schwartz. So wie es ist, stelle er sich „außerhalb jeder gesetzlichen Legitimität“. Ordnungsrechtlichen Zugriff hat Schwartz als Ortsbürgermeister nicht, der liegt bei der Verbandsgemeinde.

Gemüse fliegt an Hauswände

Unten im Dorf hatten die Kneipen wegen Corona lange zu, Rupperts Laden hatte offen und hat gebrummt. Oben am Hang kriegt sein Nachbar vom Treiben weiter unten „nicht so viel mit“, die direkten Nachbarn sitzen dagegen direkt neben einer Flüsterkneipe, die Frau, die man anspricht, will aber nicht mit der Presse reden. Wenn heute gutes Wetter wäre, „stünden da 20, 30 Leute“, meint sein Nachbar weiter oben. Angeblich landet bei Anwohnern, die sich beschweren, auch schon mal Gemüse an der Fassade, wo’s herkommt und wie’s Mobilität erlangt hat: unklar. Für die meisten Erfweilerer, jedenfalls die, die weiter weg wohnen, ist Rupperts Laden gleichwohl kein so großer Aufreger, meint sein Nachbar. Ein Problem sei er „eher für die Behörden – weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen“.

Unten am Hang erzählt Ruppert ein wenig über sein Leben. Er kommt aus Dahn, Vater war Gipser, große Familie, acht Kinder. Er hatte lange ein gut gehendes Malergeschäft, einer seiner Brüder hat in Dahn ein Hotel, ein anderer unten im Dorf einen Blumenladen. Das Haus in Erfweiler nebst Anbau hat er vor knapp 30 Jahren selbst gebaut. Das mit dem Hofladen hat er vor etwa zwei Jahren begonnen, da hatte er sein altes Leben wohl schon hinter sich gelassen und ist ausgestiegen. Seine Frau ist ausgezogen, „meine Kinder reden nicht mehr mit mir“, sagt er, es ist dies eines der ersten Dinge, die er im Gespräch überhaupt sagt. Er wirkt durchaus sympathisch, wie er da aus seinem Bart und unter seinem Hut herausschaut: Kein Spitzbube, Filou trifft es am ehesten – allerdings ist er auch jemand, der wirkt, als habe er es auf den großen Knall am Ende angelegt. „Das Land ist korrupt“, sagt er, „wenn wir alle die Fresse halten, ändert sich nie was.“

Major gießt die Pflanzen

„Man muss ihm nicht alles glauben!“, sagt Reinhardt, einer seiner Freunde und Stammgäste, den Ruppert als „mein Fahrer“ vorgestellt hat, mit dem Zusatz: „38 Semester Maschinenbau“. „42 Semester“, korrigiert Reinhardt, und fügt hinzu: „Und kein Abschluss!“ Man hat ja auch seinen Stolz. Gerade kommt ein schwarzer Mann den Buckel hoch, Ruppert übernimmt die Vorstellung: „Ich hab’ auch meinen eigenen Neger!“ Alle, inklusive des schwarzen Mannes, lachen.

Major kommt aus Tansania und wohnt seit sechs Jahren in Erfweiler. „Hier ist es sehr ruhig, gut“, sagt Major, der einige von Rupperts Pflanzen gießt und dafür von Ruppert einige Zwiebeln bekommen wird, Ruppert liebt Tauschgeschäfte. „Ein guter Mann“, sei Ruppert, meint Major, „ein weißer Neger.“ Der weiße Neger selbst sieht sich wohl eher in der Tradition des gut geerdeten süddeutschen Revoluzzers, den Tübinger OB Boris Palmer findet er sympathisch.

Für die Touristen sei sein Laden „ein Anziehungspunkt“ – die seien aber dann eben auch zügig wieder weg, meint Ortsbürgermeister Schwartz. „Das ist eine Belastung für die Gemeinschaft, ganz klar“, sagt er. Vor Kurzem habe der Linienbus eine Viertelstunde lang am Buckel festgesteckt – weil Ruppert ausgeladen habe. Gleichwohl: „Ich glaube nicht, dass der Gemeinderat dafür ist, dass er zumacht – er soll sich halt an die Regeln halten“, sagt Schwartz.

Gelassenheit im Dorf

Spricht man mit den Menschen, dann bekommt man den Eindruck einer eher gelassenen Dorfgesellschaft, in der nicht immer alles unzengenau auf die Goldwaage gelegt wird, vielleicht der sympathischste Teil pfälzischer und, wenn der Eindruck stimmt, auch katholischer Alltagskultur. Und hält man nun Ruppert dagegen, dann versteht man, dass er ein Rebell ist, der nur auf dem Dorf funktionieren kann – weil er auf die Gelassenheit der Gemeinschaft angewiesen ist, gegen die er rebelliert. Gegen sein Vorbild Boris Palmer läuft ein Parteiausschlussverfahren bei den Grünen. Der Spruch mit dem Neger in gewissen großstädtischen Milieus, und es drohte die Kreuzigung durch die Gemeinschaft der Wohlgesinnten. Von anderen Gruppen gäb’s wahrscheinlich Beifall, auch nicht besser. Eigentlich würde sein Tun schon in der Vorderpfalz nicht mehr funktionieren, meint Schwartz. Ein, zwei Hofläden in direkter Nachbarschaft – und dem, der illegal das Trottoir besetzt, würde das Ordnungsamt schneller aufs Dach steigen, als man „Konkurrenzdruck“ buchstabieren kann.

Rupperts Laden ist Richtung Trottoir ausgewuchert, als es gezwungenermaßen wenig Konkurrenz gab, wegen Corona eben. Xavier kommt jedenfalls her, weil die Kneipen ansonsten dicht hatten, Matthias Ruppert kennt er allerdings schon länger, „den kennt man eben“, sagt er. Rupperts Laden brummt – wegen Corona, und weil’s halt auch nicht so viel zum Ausgehen gibt, in der Südwestpfalz, wenn man nicht auf gutbürgerlich gepolt ist.

Ziemlich in der Mitte von Rupperts Ladenfront, zwischen Pflanzen, Wein, Gemüse, Bier und Laube steht ein alter Räucherschrank aus Metall. Der Patron lässt es sich nicht nehmen, dem Reporter noch eine geräucherte Forelle in Zeitungspapier einzuwickeln und mitzugeben. Zugegeben: Die Forelle landet bei den Katzen. „Hätten Sie auch essen können“, sagt Ortsbürgermeister Schwartz. „Die kauft er beim Lidl und hängt sie dann in den Schrank.“ Schwartz lacht lange durchs Telefon.

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