Kreis Südwestpfalz Bunte religiöse Landschaft
Viele Menschen aus muslimischen Ländern können sich nicht vorstellen, ohne spirituelles Leben zu sein. In erster Linie sind es Iraner und Afghanen, die sich zum christlichen Glauben bekennen und die Taufe wünschen. Moscheen in Deutschland sind für sie keine Alternative.
Die Tendenz, dass sich Iraner taufen lassen, begann vor fünf Jahren, noch vor der großen Flüchtlingswelle nach Europa, erinnert sich Waltraud Zimmermann-Geisert, Dekanin des protestantischen Kirchenbezirks Pirmasens. Ein Mohammed möchte getauft werden, diese Nachricht erreichte sie damals durch ihre Sekretärin. „Ich will Christ werden“, bat der Iraner, damals noch in gebrochenem Deutsch. Zimmermann-Geisert war entsetzt, als sie seinen geschundenen Rücken sah. „Er war voller Narben, die offenbar von einer Prügelstrafe herrührten.“ Alles nur, weil die Religionspolizei bei ihm zu Hause im Iran eine Bibel gefunden hatte. „Seine Taufe war die Initialzündung, danach kamen immer mehr Iraner und auch Afghanen, um sich taufen zu lassen“, erzählt die Dekanin, „manchmal gleich ganze Familien von fünf bis sechs Personen.“ Natürlich werde mit den Täuflingen gesprochen, um zu verstehen, ob es ihnen wirklich um den christlichen Glauben geht, und nicht darum, einen nachgeschobenen Grund für ihren Asylantrag zu haben, unterstreicht sie. In den Gesprächen zeige sich oft, dass die Menschen schon in ihrer Heimat mit dem christlichen Glauben in Berührung gekommen sind. Im Iran gebe es orthodoxe Christen von der chaldäischen Kirche, die schon älter sei als der Islam, erklärt Zimmermann-Geisert. Und es gebe Hausgemeinden, die im Untergrund ihre Versammlungen abhalten. Sie dürften auf keinen Fall missionieren, und wenn sie auffliegen, sei die gesamte Gemeinde in Gefahr. 2015 gab es in Pirmasens insgesamt 97 Taufen, die beim Dekanat verzeichnet sind. Fünf davon waren, dem Namen nach zu urteilen, Iraner oder Afghanen. 2016 waren zwölf der 116 Täuflinge aus dem Iran oder aus Afghanistan. Genau wisse man es nicht, es werde keine Statistik geführt, über die sich die unterschiedlichen Ethnien aufschlüsseln lassen. Nur einmal wurde ein Mann getauft, der sich nachträglich als „trojanisches Pferd“ entpuppte. „Ich hatte schnell ein ungutes Gefühl“, erinnert sich Zimmermann-Geisert. Er war von einem Geheimdienst und wurde Christ, um die Szene auszuspionieren, weiß sie heute. Nachdem er zum Gespräch gebeten wurde, zog er aus der Stadt weg. Die Lutherkirchengemeinde besteht inzwischen nicht nur aus alteingesessenen Pirmasensern. Diese machen nur noch ein Drittel der Gemeinde aus. Ein weiteres Drittel sind sogenannte Russlanddeutsche, der Rest Iraner. Einmal im Monat gebe es Schriftlesungen in Farsi oder in Russisch – immer abwechselnd im zweimonatlichen Rhythmus. „Wir machen das aus Respekt und aus Rücksichtnahme, und weil wir ihnen ein Heimatgefühl vermitteln wollen“, erklärt Zimmermann-Geisert. Einmal im Monat komme ein russisch-orthodoxer Priester aus Saarbrücken und predige in russischer Sprache. Dieses Angebot sei aber nicht für die evangelische Lutherkirchengemeinde, sondern ist an die russisch-orthodoxen Gläubigen in Pirmasens gerichtet. „All das spiegelt, wie bunt die religiöse Landschaft in Pirmasens geworden ist“, sagt die Dekanin. |ckkm