Dahn
„Biothek“-Betreiberin hat noch viel vor
Wie andere Lebensmittelgeschäfte hat die „Biothek“ – der Name kommt davon, dass sich dort ursprünglich einmal eine Apotheke befand – unter den Auswirkungen der Pandemie nicht so gelitten wie etwa Modehändler. Obwohl der erste Lockdown im Frühjahr auch die Existenzgründerin zunächst überrollte. Zuerst seien auch bei ihnen die Leute weggeblieben, erinnert sich Anna Holzeimer. Doch dann lief es wieder, wie überall in der Bio-Branche. Unterm Strich seien sie zufrieden, stellt die 39-Jährige heute fest. Ihr Geschäft sei stabil. Neben ihr arbeitet noch eine Festangestellte im Laden sowie sechs Minijobber.
Doch Corona hat sie ausgebremst. Viele Pläne hatte die Existenzgründerin vor zwei Jahren: von den eigenen Rohkostprodukten über Kurse bis hin zu einer kleinen Rohkost-Pension. Aufgegeben hat sie diese nicht, aber es geht nun eben manches langsamer voran als erhofft. Die Rohkost-Produkte gibt es und mittlerweile auch die Rohkost-Kurse. Seit Sommer bietet Anna Holzeimer Zubereitungskurse an, zehn waren es bisher. Interessierte und Neulinge, aber auch Menschen, die an speziellen Krankheiten leiden, besuchen ihre Kurse. Auch MS-Patienten, also an Multipler Sklerose Erkrankte.
Krankheit des Mannes führt zur Rohkost
Mit MS verbinden Anna Holzeimer ganz persönliche Erfahrungen. Prägende Erfahrungen, die sie auch zum Thema Rohkost und letztlich zur Dahner „Biothek“ brachten. Denn ihr Mann Alexander leidet unter dieser Krankheit. Ausgebrochen ist die Krankheit bei ihm 2001 – kurze Zeit, nachdem die Beiden sich kennengelernt hatten. Die junge Frau aus Hinterweidenthal büffelte grade fürs Abitur, der junge Mann aus Haßloch wollte nach seiner Mechatroniker-Ausbildung Maschinenbau studieren. Mit taub werdenden Fingerspitzen fing es damals bei ihm an, erinnert sich der heute 43-Jährige. Er ging zuerst zum Orthopäden, dann zum Neurologen, schließlich in die Heidelberger Klinik. Die Diagnose dort: MS, eine Krankheit, die Entzündungen im Zentralen Nervensystem auslöst. Die Prognose: In fünf Jahren werde er im Rollstuhl sitzen.
Keine schöne Perspektive für ein junges Paar. Sie heiraten trotzdem, bekommen einen Sohn und eine Tochter. Anna studiert Betriebswirtschaftslehre, arbeitet zeitweise in Bayern, zuletzt dann beim Mannheimer Energieversorger MVV im Vertrieb als Portfolio-Managerin. Ihr Mann sattelt um zum Automobilkaufmann, arbeitet schließlich im Verkaufsmanagement von daheim aus, kümmert sich dort dann auch um die Kinder. Seit 2018 wohnen sie in Hinterweidenthal, wo auch Annas Eltern leben. Die Nähe zu den Eltern, aber auch die Infrastruktur ist in den Augen der Tochter ein Pluspunkt zugunsten des Umzugs aus der Vorderpfalz. Denn in Dahn, das weiß sie, gibt es da schon seit bald 30 Jahren einen gut sortierten Bioladen. Für sie ein ganz besonderer Pluspunkt, denn seit 2016 leben Anna und Alexander Holzeimer auf Rohkostbasis.
Durch die Naturheilkunde kommt die Wende
Bis dorthin ist es für Alexander Holzeimer ein langer Weg. Mindestens einmal im Jahr erleidet er einen MS-Schub, erhält Cortison, dann geht es wieder. Schübe hat er auch bei der Umstellung seiner Medikamente. Dreimal wird er umgestellt, jedes Mal verändert sich sein Zustand. Nach der dritten Umstellung, erinnert sich Anna Holzeimer, habe er nicht mehr richtig laufen können. Zu kämpfen hat er aber auch mit den Nebenwirkungen der Medikamente. 2014 hat er den letzten großen Schub. Dann kommt die Wende: Während eines Reha-Aufenthaltes empfiehlt ihnen jemand, sich mit Naturheilkunde zu beschäftigen. Sie tun es und ein Aufenthalt in einer Naturheilkunde-Klinik überzeugt sie: Anna Holzeimer stellt die Ernährung um, erst auf vegan, dann auf Rohkost. Gleichzeitig lässt ihr Mann die Medikamente weg.
Der Erfolg ist für beide greifbar: Die starken Nebenwirkungen der Medikamente seien verschwunden, sein Zustand inzwischen stabil, berichten sie. Und Anna Holzeimer ist fest davon überzeugt, dass ihre Ernährung eine wichtige Rolle dabei spielt: der Verzicht auf tierische Eiweiße, auf Zucker, Gluten, Mehlprodukte, auf Fertigprodukte. Dabei seien sie nicht extrem streng, betont sie, würden gelegentlich auch mal Fisch oder Fleisch essen, aber zu 80 Prozent eben Gemüse und Obst. Alexander Holzeimer ist da gewissermaßen auch Testperson: Wenn er etwas nicht vertrage, dann spüre er rasch eine leichte Taubheit in den Fingerspitzen, erklärt er.
In Kursen gibt Anna Holzeimer ihre Erfahrungen weiter
Auch ihr bekomme die Umstellung gut, stellt seine Frau fest. Nur eines, gesteht sie, vermisse sie ab und zu: Brot. Das kauft sie nur für die Kinder, für die sie die rohkostreichen Mahlzeiten ohnehin durch Gekochtes ergänzt. Viel Disziplin bringt auch Alexander Holzeimer auf: kein Alkohol, kein Kaffee, keine Zigaretten, viel Sport. So hätten sie es geschafft, seinen Zustand stabil zu halten, sagen sie. Geholfen hat ihr dabei auch die Fachausbildung zur „Vegan-Vitalkost-Zubereiterin“.
Über diese Erfahrungen kann Anna Holzeimer nun auch in ihren Rohkost-Kursen berichten. Die kann sie übrigens im Haus über der „Biothek“ anbieten. Denn ihr Mann hat das Haus, in dem noch eine Arztpraxis ansässig ist, erworben. Eine Wohnung haben sie darin für sich renoviert. Dort finden die Kurse statt. Und vielleicht ist diese Wohnung auch der Anfang bei der Umsetzung eines weiteren Planes, den Anna Holzeimer schon seit zwei Jahren mit sich herumträgt: eine Ferienunterkunft speziell für Urlauber, die sich auf Rohkost-Basis ernähren. Doch das, sagt sie, ist ein nächster Schritt. Wenn Corona sie nicht mehr ausbremst.