Münchweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Bücherbox hat selbst lange Geschichte

Volker und Annette Glade haben die Bücherbox in der Telefonzelle eingerichtet, Bürgermeister Timo Bäuerle bringt Nachschub.
Volker und Annette Glade haben die Bücherbox in der Telefonzelle eingerichtet, Bürgermeister Timo Bäuerle bringt Nachschub.

Ausrangierte Telefonzellen werden zu Bücherboxen umgebaut – das sieht man seit Jahren in vielen Dörfern. Manche Telefonzellen aber können selbst eine interessante Geschichte erzählen – so wie die rubinrote in Münchweiler, die einen langen Weg hinter sich hat. Für den Glockenschlag des Londoner Big Ben, der beim Türöffnen erklingt, gibt es einen guten Grund.

Die englische Telefonzelle steht in der Straße Am Herdpfad und wird von Annette Glade bestückt und betrieben. Sie ist ein Bücherwurm und liebt Werke aus allen möglichen Genres: „Ich lese querbeet“. Da stapeln sich mit der Zeit die Bücher daheim. Um die Übersicht zu behalten, schreibt Glade in einem Heft regelmäßig auf, welches Buch sie sich gerade zu Gemüte geführt hat. Ihr gefiel die Idee, Bücher mit anderen zu tauschen und bat ihren Mann Volker Glade um Hilfe: „Kannst du etwas bauen, wo ich meine Bücher reinstellen und mit anderen tauschen kann?“ Volker Glade ist handwerklich begabt. „Er kann alles knodele“, sagt seine Frau.

Eine einfache Holzbox wurde verworfen, zu groß sei der Pflegeaufwand. Da kam Volker Glade auf die Idee, nach einer Telefonzelle Ausschau zu halten, und wurde online fündig. Im vorderpfälzischen Jockgrim stand eine alte englische Telefonzelle. Das Ehepaar machte einen Ausflug in die Vorderpfalz und kaufte die das Telefonhäuschen in britischem Signalrot für eine vierstellige Summe, berichtet Volker Glade. 900 Kilogramm wiege das Punktstück. Der Hänger habe geächzt, und Glade habe überlegt, „wenn mich die Polizei anhält, lasse ich die Zelle einfach stehen“. Doch alles ging gut. Der Transport in die Kienholzgemeinde verlief schadlos für die mit einer Krone verzierte, englische Telefonzelle.

Die kennen wir doch

Es dauerte nicht lange, bis dem Neubesitzer klar war, warum ihm eben diese Telefonzelle bekannt vorkam. Richtig: Das Exemplar hatte schon einmal in Münchweiler gestanden, selbe Straße, zwei Häuser weiter in der ehemaligen Rockkneipe Galerie. Die Seriennummer ist laut Glade noch gut lesbar. Solche Telefonzellen – Modell K 6, aus Gusseisen – seien in England zwischen 1936 und 1939 gebaut worden. Das Exemplar in Münchweiler war bis 1976 im englischen Sale am Rande von Manchester in Betrieb. Die Stadt schickte einen Lageplan nach Münchweiler, auf dem der Standort der Telefonzelle eingezeichnet ist, erzählt Volker Glade. Danach verliert sich die Spur, bis das Häuschen nach Deutschland kam, in der Münchweilerer Galerie und in Jockgrim stand. Nun steht sie auf dem Gelände der Familie Glade nahe am Bürgersteig.

Fast ein Jahr lang werkelte Volker Glade an der künftigen Büchertauschbörse herum. Er strich sie auch neu: Die Originalfarbe signalrot war ihm zu krass. Nun ist sie rubinrot. Für den Abend baute er eine gedämpfte Innenbeleuchtung ein. Der Big-Ben-Glockenschlag, auch Westminsterschlag genannt, der ertönt, wenn die Tür geöffnet wird, bringe die Leute zum Lachen, hat der Bastler festgestellt.

Hoffentlich auch Kinderbücher

Annette Glade ist zufrieden: Die Bücherbox solle für alle Lesefreunde ein Gewinn sein. „Meine Bücher stelle ich rein. Die Leute dürfen sie holen und bringen dafür andere mit fürs Bücherregal.“ Eigentlich, meint Bürgermeister Timo Bäuerle, sollte die Aktion im Dorf öffentlich präsentiert werden. Das geht nicht wegen Corona. Die Initiatorin hofft, dass auch Kinderbücher eingestellt werden. Denn an die Straße Am Herdpfad schließt sich das Neubaugebiet Gräfensteiner Park an, wo viele junge Familien mit Kindern wohnen. Kochbücher suche man allerdings vergebens, es gebe schließlich genug Kochshows im Fernsehen.

x