Thaleischweiler-Fröschen RHEINPFALZ Plus Artikel Bäckerei Wind: Traditionshandwerk mit Unterstützung aus Fernost

In der Bäckerei Wind sind Inhaber Holger Wind und seine Mitarbeiter ständig am Auffüllen der Regale mit dem Weihnachtsgebäck – i
In der Bäckerei Wind sind Inhaber Holger Wind und seine Mitarbeiter ständig am Auffüllen der Regale mit dem Weihnachtsgebäck – inklusive Stollen – aus eigener Produktion.

Deutsches Backhandwerk wissen viele zu schätzen. Nicht nur in der Weihnachtszeit herrscht deshalb in der Bäckerei Wind Hochbetrieb. Schwierig ist es, Nachwuchs zu finden.

In der Backstube kehrt langsam schon Feierabendstimmung ein. Im Laden der Bäckerei Wind in Thaleischweiler-Fröschen herrscht hingegen noch Hochbetrieb. „Bei uns der ganz normale Wahnsinn“, sagt eine der langjährigen Verkäuferinnen lachend. Ruhe bewahren ist oberstes Gebot. Auch bei dem Kundenansturm, der in den Tagen vor Weihnachten Orkanstärke erreichen dürfte.

„Die Weihnachtszeit hat bei uns in der Backstube schon vor Wochen begonnen“, sagt Holger Wind. 1991 stieg der Bäcker- und Konditormeister als Geschäftsführer in den elterlichen Betrieb ein, war gemeinsam mit Papa Dieter, der seit 1963 die Bäckerei führte, tätig und ist seit dessen Tod im Jahr 2020 Inhaber. „Idealismus und Leidenschaft“, sagt er, sei notwendig, um einen Handwerksbetrieb zu führen.

Einzige Bäckerei im Ort

18 Mitarbeiter, die sich auf das Team im Verkauf und in der Backstube aufteilen, beschäftigt die Bäckerei Wind, die 1908 August Wick – Holger Winds Uropa – gründete. Sein Opa, der gleichfalls August Wick hieß, setzte die Familientradition fort. Lange Jahre wurde der Betrieb dann von seiner Oma aufrechterhalten, nachdem der Ehemann im Krieg gestorben war. Winds Mutter Gusti hatte ihren Vater nie kennengelernt, aber die Familienbäckerei blieb für sie erhalten.

1970 riss Gusti mit Ehemann Dieter – der für die Namensänderung von Wick zu Wind verantwortlich war – das alte Bäckereigebäude ab, baute neu. Mittlerweile ist die Bäckerei die einzige im Ort – die auch Kunden weit über die Ortsgrenze hinaus schätzen. „Der tägliche Kundenzuspruch ist für uns Motivation“, sagt Holger Wind. Fast 500 Google-Rezessionen und 4,8 Sterne (von fünf möglichen) sprechen auch im Internet eine deutliche Sprache.

„Ich bin meine eigene KI“

Die Bäckerei beliefert den benachbarten Cap-Markt und die Kioske in der Schule. Eigene Filialen an anderen Standorten? „Das war für mich nie ein Thema. Nicht effektiv“, sagt Wind. Gegen 1.30 Uhr nachts beginnt für ihn der Arbeitstag. Er bleibt im Geschäft, bis dieses um 13 Uhr zur Mittagspause oder samstags für das Wochenende schließt.

Genau kalkulieren, effektiv arbeiten, das sei notwendig, um als Handwerksbetrieb noch bestehen zu können. „Ich bin meine eigene KI“, sagt Wind lachend zum Thema Einsatz Künstlicher Intelligenz, um so bedarfsgenau wie möglich produzieren zu können. „Wir kennen unsere Kunden, haben sehr viele Erfahrungswerte“, sagt er. Die fließe in die Produktionsmenge ein.

Lehrlinge nur schwer zu bekommen

Ein gutes Team ist ein wichtiger Faktor. Ehefrau Christel bildet unter anderem die Schnittstelle zwischen Verkauf und Produktion, „sodass das Team in der Backstube, wenn es anfängt, sofort loslegen kann“, sagt Wind. Er kann sich auf seine langjährigen Mitarbeiter verlassen, die kurz nach 2 Uhr in die Backstube kommen. Ab 5.30 Uhr morgens ist das Personal im Verkauf für die Kunden da. Auch nachmittags.

Das eingespielte Team in der Backstube kennt sich seit vielen Jahren. Seit 28 Jahren arbeitet beispielsweise einer der Bäckergesellen im Hause Wind. Das Team hat aber auch junge Verstärkung bekommen. „Für mich etwas Neues“, sagt Holger Wind, der die Kenntnisse in deutscher Backkunst gerne an Lehrlinge vermittelt. „Wenn es welche gibt. Das war schon lange nicht mehr der Fall“, bedauert er.

Bewerbungen aus Afrika und Asien

Er war sehr verwundert, als er zunehmend Bewerbungen um eine Lehrstelle aus Afrika und aus Asien erhielt. „Ich konnte mir das nicht erklären“, sagt er. Die Lösung: Über die IHK und spezialisierte Agenturen war im Ausland für deutsche Ausbildungsbetriebe geworben worden. „Ich wusste, dass das deutsche Backhandwerk gut ist. Das wollte ich lernen“, sagt Zehao Zhang, der aus der Millionenstadt Jinan in China kommt, die etwa 400 Kilometer von Peking entfernt liegt.

Per Videokonferenz lernten sich Wind und sein neuer Auszubildender kennen. „Ich hatte ein gutes Gefühl, aber auch viele Fragezeichen“, bekennt Wind schmunzelnd. Im Goethe-Institut hat sein Lehrling bereits ein bisschen Deutsch gelernt. Englisch, Deutsch, Zeichensprache – so verständigt man sich. Zhang, der in Thaleischweiler-Fröschen wohnt und die Berufsschule in Kaiserslautern besucht, möchte sich stetig verbessern. „Es gefällt mir“, sagt er, während er mit dem Chef Weihnachtsplätzchen zum Verpacken vorbereitet.

Lange Bestellliste für Weihnachten und Neujahrstörtchen

Ende September konnte Zhang seine Lehre in der Bäckerei Wind beginnen. Dabei gab es viel Hilfe, erzählt Wind. Nicht nur die Berliner Agentur, die Zhang vermittelt hatte, kümmerte sich intensiv darum, dass der Chinese die Ausbildung beginnen konnte, sondern auch viele Institutionen im Ort. „Auf dem Dorf funktioniert so etwas noch“, sagt Wind.

Zu den aktuellen Herausforderungen für einen Handwerksbetrieb gehört das Thema Energiekosten. Die Stromkosten haben sich binnen weniger Jahre verdoppelt. Die Backöfen werden mit Öl betrieben. Zum Glück, sagt Wind mit Blick auf die Entwicklung bei den Gaspreisen. Auch diese Kostensteigerungen machten es erforderlich, so effektiv wie möglich zu arbeiten. Zwei Mal im Jahr wird das Geschäft für Betriebsferien abgeschlossen, dreieinhalb Wochen im Sommer und eineinhalb Wochen nach dem Jahresstart.

Bis dahin liegt noch viel Arbeit vor den Winds und ihrem Team. 15 bis 20 Sorten Brot sind täglich zu backen, dazu verschiedene Brötchen, mit und ohne Körner, Kaffeestückchen und Kuchen. Die Bestellliste für Weihnachten ist bereits lang und auch Anfragen für die beliebten Neujahrstörtchen liegen schon zahlreich vor.

In der Backstube: Bäckermeister Holger Wind und sein erster Auszubildender aus China, Zahao Zhang, der sich wegen der deutschen
In der Backstube: Bäckermeister Holger Wind und sein erster Auszubildender aus China, Zahao Zhang, der sich wegen der deutschen Backkunst um die Lehrstelle bei der Bäckerei Wind in Thaleischweiler-Fröschen beworben hatte.
x