Kreis Südwestpfalz Als es wirklich spannend wird, ist die Zeit rum

91-73931525.jpg

Die Reichspogromnacht und sogar der Mauerfall – Ereignisse, an die der Gedenktag 9. November erinnern soll, – sind von heutigen Schülern zu weit entfernt, um großen Eindruck zu machen. Das zeigte die gestrige Podiumsdiskussion an der Integrierten Gesamtschule in Contwig. Die Zehnt- und Elftklässer hörten höflich zu, doch erst als die Sprache auf aktuelle Dinge kam, wie die Flüchtlingsdebatte, zeigte sich wirkliches Interesse.

„So schön habe ich es noch in keiner Schule erlebt“, rief die Landtagsabgeordnete Susanne Ganster (CDU) und lachte. Gemeint war die liebevoll mit Pflanzen geschmückte Sitzecke der drei Landtagsabgeordneten, die gestern zum Schulbesuch in die IGS in Contwig gekommen waren. Getränke standen bereit, und das pfiffige, aus Siebtklässlern bestehende Begrüßungskomitee trieb noch schnell eine Kanne Kaffee für die Gäste auf. Außer Ganster waren Fritz Presl und Fred Konrad anwesend, die für die SPD und die Grünen im Landtag sitzen. Mit den Schülern wollten sie über das Thema „Deutsche Einheit und Flüchtlingskrise – Generationenaufgaben im Wandel“ sprechen. Der 9. November sei ein historisch bedeutsamer Tag für Deutschland, an dem gleich mehrere wichtige Ereignisse passiert sind, erklärte Lehrer David Polak, der die Diskussion leitete. Die Ausrufung der ersten Deutschen Republik im Jahr 1918, der Hitler-Ludendorff-Putsch 1923, die Reichspogromnacht 1938 und der Berliner Mauerfall im Jahr 1989 fanden alle an einem 9. November statt. Die Schüler sollten die Bedeutung dieser Ereignisse für die deutsche Geschichte und die Demokratie in Deutschland kennenlernen. Presl erinnerte in diesem Zusammenhang an einen Rabbiner, der einmal im Landtag gesagt habe, er mache den Deutschen keine Vorwürfe wegen ihrer Taten im Zweiten Weltkrieg, aber sie dürften nie aufhören, sich daran zu erinnern. Eine Schülerin erzählte, das erste Ereignis, an das sie denkt, wenn es um den 9. November geht, sei der Mauerfall, einfach, weil es zeitlich am nächsten liege. Ganster war der gleichen Meinung und erzählte, wie sie sich als kleines Mädchen gewundert habe, als ihre Eltern am 9. November 1989 schon nachmittags den Fernseher angeschaltet hatten. Die große Tragweite der Ereignisse habe sie damals nicht verstanden. Fred Konrad berichtete, ihn habe der Mauerfall vor allem mit Sorge erfüllt. Er befürchtete, dass die Sowjetunion die Demokratiebestrebungen mit Waffengewalt niederschlagen könnte und dass es einen weiteren Krieg geben könnte. Aber immerhin hätten Frauen in der DDR schon arbeiten dürfen und waren nicht zu einem Hausfrauen-Dasein verdammt, warf eine Schülerin ein. Doch Konrad warnte davor, dies allzu positiv zu sehen. Die Frauen hätten nicht nur arbeiten dürfen, sondern müssen. „Und sie mussten trotzdem abends den Haushalt schmeißen, während sich die Männer abgeseilt haben.“ Die heutigen Jugendlichen hätten den Unterschied zwischen Ost und West nicht so sehr vor Augen, vermutete Susanne Ganster. Ein Schüler widersprach: „Ich sehe den Unterschied schon.“ Auf einer Reise in den Osten sei ihm aufgefallen, dass es zwar große Städte gebe, aber auf dem Land kaum Menschen zu finden seien. Das sei hier anders. „Aber wir waren beim Mauerfall nicht direkt dabei. An andere Ereignisse wie Fukushima erinnern wir uns selbst“, erklärte ein weiterer Schüler. Die Wiedervereinigung hingegen sei vor allem als trockenes Thema aus dem Schulunterricht bekannt. Trotz dieser Wortmeldungen sprachen die Schüler wenig, bis mit der Flüchtlingsdebatte ein aktuelles Thema angesprochen wurde. Da zeigte Konrad offen, dass ihm dieses Thema am Herzen liegt. Während Presl und Ganster darauf hinwiesen, dass die Organisation der Flüchtlingshilfe schwierig, die Ressourcen begrenzt seien, forderte der Grünen-Abgeordnete, dass man doch nicht vergessen dürfe, welchen Anteil die westliche Welt an Konflikten in anderen Ländern trage, sei es nun durch Waffenlieferungen, durch politische Entscheidungen oder durch Vernachlässigung der Hilfeleistungen für Entwicklungsländer. „Wir haben in den letzten Jahren zu viel weggeguckt“, sagte Fred Konrad. Das war der Moment, in dem die Diskussion wirklich spannend zu werden versprach. Nicht nur die parteipolitischen Unterschiede bei der Haltung zum Umgang mit Flüchtlingen, sondern gerade auch Meinungen der Schüler wären interessant gewesen. Besonders, da mit dem Erstaufnahmelager in Zweibrücken nun ein direkter Bezug zu diesem Thema besteht. Allerdings war hier auch schon das Zeitlimit von anderthalb Stunden erreicht, und die Diskussion wurde abgebrochen. (mefr)

x