Interview
Abschiedssaison: Das Gesicht des Freibades in Contwig geht in Ruhestand
Frau Döring, Sie sind nur unwesentlich älter als das Freibad in Contwig.
(Lacht) Genau. Ich bin am 3. Mai 64 geworden. Angefangen habe ich am 1. August 1977. Damals bin ich mit 15 Jahren in die Lehre gegangen als Schwimmmeistergehilfin.
Erinnern Sie sich noch an den ersten Tag? Sind Sie ins kalte Wasser geworfen worden?
Ja, mitsamt den Kleidern. Weil mein Fahrrad einen Plattfuß hatte, bin ich am ersten Tag zehn Minuten zu spät gekommen. In den Beruf bin ich über die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft gekommen. Wir waren viele Kinder in der DLRG und dort hieß es, dass noch ein Lehrling gesucht wird im Bad. 1982/83 habe ich dann meinen Meisterbrief als Schwimmmeisterin in Saarbrücken gemacht und 1987 die Leitung des Freibades übernommen, nachdem mein Vorgänger krankheitsbedingt aus dem Berufsleben ausgeschieden war.
An welche tragischen Erlebnisse erinnern sie sich?
Für mich besonders schlimm war, als ich ein vierjähriges Mädchen reanimieren musste. Das war aber zum Glück erfolgreich. Das war in den 1990er-Jahren. Und in meiner Lehrzeit musste ich mit einem Kollegen zusammen einen älteren Mann wiederbeleben. Da war ich noch ganz jung und es war das erste Mal für mich. So etwas bleibt auch im Gedächtnis. Aber wenn man es mit kleinen Kindern zu tun hat, ist das noch einmal etwas anderes, das geht noch näher. Ich muss dazu sagen, dass wir hier in Contwig seit Eröffnung des Bades noch nie einen Todesfall hatten. Statistisch gesehen gibt es in jedem Freibad alle drei Jahre einen Toten.
Aber gerade am Anfang der Saison bleiben auch traurige Momente nicht aus, dann nämlich, wenn man erfährt, dass der eine oder andere Stammgast über Winter verstorben ist und nicht mehr kommt.
Aber sicherlich überwog das Angenehme ...
Ja, schöne Situationen hatte ich viele. Ich mache den Beruf ja gerne. Wir haben ein tolles Publikum, wir haben jeden Tag nette Gespräche, Stammgäste bringen auch mal einen Kuchen mit oder Kaffee. Und wir haben erwachsene Gäste, die waren schon als Kinder hier, die kommen jetzt mit ihren Kindern oder sogar Enkeln. Und die freuen sich und sagen: „Jutta, du bist ja immer noch da. Bei dir habe ich das Seepferdchen gemacht.“ Und das freut mich dann. Ich habe zwei komplette Generationen mitgekriegt.
Wie wird der Abschied – nach 49 Jahren?
Ich weiß noch nicht, wie ich das gedanklich schaffe. Ich kann mir gut vorstellen, als Rentnerin stundenweise weiterzuarbeiten. Mein Herz hängt am Freibad. Ich hab hier Schwimmen gelernt, Ausbildung gemacht, den Meister absolviert, und jetzt gehe ich hier in Rente. Ich war nie woanders. Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mein Sohn ist 31, ich habe meinen Hund Igor, ein Haus und einen großen Garten. Aber wenn ich gebraucht werde... Ich wohne ja in Contwig. Das Bad muss technisch umfassend saniert werden und ich kenne jede Leitung, auch die, die nirgends eingezeichnet sind.
Sie waren nie im Sommerurlaub?
Nein. Brauche ich auch nicht. Mir ist es überall zu heiß. 25 bis 30 Grad reichen mir. Ich habe meinen großen Garten hergerichtet und will den im Ruhestand genießen, das konnte ich bisher nie.
Würden sie den Beruf noch einmal ergreifen?
In der Zeit, in der ich es gemacht habe, ja. Aber in der heutigen Zeit und woanders nicht.
Kein Mensch hat früher bei uns gefragt, wie viele Überstunden wir haben. Ich habe 43 Jahre lang vier Monate täglich am Stück von 8 bis 21 Uhr durchgearbeitet, ohne Urlaub und Feiertag. Das geht heute nicht mehr, jetzt haben wir eine 60-Stunden-Woche und haben einen Wochentag frei und zusätzlich Freizeitausgleich.
Unser Arbeitsklima ist klasse. Ich habe alle Verbandsbürgermeister seit Bestehen der VG Zweibrücken-Land erlebt. Mir hat zum Glück nie einer reingeredet im Schwimmbad.
Was hat sich geändert?
Früher hatten die Badegäste, besonders die Kinder, Respekt vor dem Schwimmmeister. Heute muss man sich auch von den Erwachsenen dumme Antworten anhören. Und die Gäste waren zufrieden und haben sich gefreut übers Freibad. Heute sind die Leute unzufrieden und meckern über alles. Die Fliesen sind so heiß, das Wasser zu kalt, das Gras zu dürr.