Südwestpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Abheben mit dem Aero-Club: Den Traum vom (Segel-)Fliegen erfüllt

 Segelflug beim Aero-Club Pirmasens: in der Bildmitte vorne Windsberg, dahinter Gersbach, Winzeln und der Stadtkern.
Segelflug beim Aero-Club Pirmasens: in der Bildmitte vorne Windsberg, dahinter Gersbach, Winzeln und der Stadtkern.

Atemberaubende Ausblicke auf die Heimat – lautlos durch die Lüfte gleitend. So beschreiben Segelflieger ihr Hobby. Ob es wirklich so toll ist da oben in dem Flieger mit 17 Metern Spannweite? RHEINPFALZ-Fotograf Martin Seebald hat es ausprobiert. Sein Fazit: Einfach traumhaft.

Manche Dinge brauchen einfach etwas länger. Mit meinem Traum vom Segelfliegen zum Beispiel ist das so. Als Zwölfjähriger habe ich Balsaholzflieger in den Himmel geworfen und ihnen sehnsüchtig hinterher geschaut. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, darf ich endlich selbst erleben, wie es ist, lautlos durch die Luft zu gleiten.

Als an diesem wunderschönen Hochsommermorgen das Telefon mein Langschläfer-Dasein jäh unterbricht, ahne ich noch nicht, dass es ein Tag wie kein zweiter werden wird. „Hallo, na wie sieht’s aus? Wann hast du Zeit und Lust zum Fliegen? Das Wetter ist gut“, erklingt die Stimme von Stefan Keller vom Aero-Club Pirmasens. Schon vor Ewigkeiten habe ich mir vorgenommen, in einen Segelflieger zu steigen und hinterher der Welt meine Eindrücke zu schildern.

Google-Suche: „Segelfliegen Essen Übelkeit“

Prompt schießt Adrenalin ein – nicht zum letzten Mal für heute, wie sich noch zeigen wird. Ein Blick auf den Terminkalender zeigt gähnende Leere, also gibt es diesmal keine Ausreden, kein Aufschieben. Jetzt oder nie! Ich sage zu, wir verabreden uns für den Nachmittag auf der Pottschütthöhe. Noch viereinhalb Stunden, und ich werde abheben. „Was passiert, wenn mir da oben schlecht wird?“, rast es durch meinen Kopf, der zwar ungezählte auch durchaus ruppige Urlaubsflüge wohlbehalten hinter sich gebracht hat, jetzt aber mit dem plötzlich aufgetauchten Szenario leicht überfordert ist.

„Segelfliegen Essen Übelkeit“ – ich tippe drei Schlagworte in die Suchmaschine ein, schließlich soll mich da oben das Frühstück nicht nochmal grüßen. Mit dem Geheimtipp Vollkornbrot und Banane („die schmeckt vorwärts wie rückwärts gleich“) hoffe ich, einigermaßen gewappnet zu sein. Ich packe meine Tasche mit Fotoapparat und Banane und mache mich auf den Weg.

Flügel mit 17 Metern Spannweite werden uns tragen

Als ich auf dem Flugplatz Pottschütthöhe ankomme, der zu Rieschweiler-Mühlbach gehört, sitzen die Aero-Clubber entspannt vor einem VW-Bus. Auf jeden Fall sind sie entspannter als ich. Es ist noch Zeit zum Plaudern. Mit einem ASK-21-Doppelsitzer wird es gleich hinaufgehen in den weiß-blauen Himmel. 17 Meter Spannweite hat das meistgenutzte Schulungsflugzeug. Schleppen wird uns eine DR300, geflogen von Markus Krieg aus Dellfeld. Fliegerlegende Volker Erndt ist auch da. 1967 ist er bereits von einer Graspiste auf der Pottschütthöhe gestartet und fliegt regelmäßig Jakolevs mit Sternmotor.

Die wichtigsten Instrumente zentral im Blickfeld: oben links der Fahrtmesser, rechts Höhenmesser, unten das Variometer.
Die wichtigsten Instrumente zentral im Blickfeld: oben links der Fahrtmesser, rechts Höhenmesser, unten das Variometer.

Auf ein bemerkenswertes Fluggeräte-Arsenal kann der zweitgrößte Luftfahrtverein von Rheinland-Pfalz zurückgreifen: Drei Doppel- und sechs Einsitzer-Segler sind im Besitz des Aero-Clubs. Je eine Doppel- und Einsitzer-Maschine ließ der Verein elektrifizieren, was so manche Landung auf fremdem Platz oder gar eine Außenlandung auf einem Feld verhindern dürfte.

Im Flugsimulator die Erde schon x-mal umrundet

Kaum habe ich ausgestaunt, geht es auch schon los: Mit dem obligatorischen Fallschirm auf dem Rücken schlängle ich mich auf den Sitz hinter dem Piloten und bin dabei um jedes nicht vorhandene Kilo dankbar. Fünf Gurte klicken in das zentrale Schloss, ich sitze bombenfest. Fluglehrer Andre Schaidt erklärt mir die Instrumente. Da ist es von Vorteil, dass ich als Luftfahrt-Begeisterter seit Jahrzehnten zumindest mit dem Flugsimulator die Erde bestimmt schon x-mal umrundet habe. Aber das hier ist die Realität – und sie holt mich gnadenlos ein in Gestalt einer praktischen Tüte, die mir ein freundlicher Pilot aus seinem Flugzeug geholt hat.

Es wird ernst: Der Segler wird mit dem Schleppflugzeug verbunden.
Es wird ernst: Der Segler wird mit dem Schleppflugzeug verbunden.

Vorne nimmt jetzt Noah Sauther Platz. Der junge Mann aus Heltersberg hat 2020 mit der Fliegerei angefangen und besitzt seit zwei Jahren die Segelflug-Lizenz. „Es steckt eine Menge Technik dahinter, das gefällt mir. Und natürlich all die netten Leute hier“, schwärmt er vom Miteinander im Verein. Falls mir übel wird, soll ich mich gleich melden, dann fliegen wir schön geradeaus und landen, wenn ich das möchte, verspricht er. Klingt schonmal gut.

Die sonnenbeschienene Pfalz unter uns

Dann geht es tatsächlich los. Wir sind am Haken der Schleppmaschine, werden schneller und sind schon nach wenigen Sekunden in der Luft. Noah hält die ASK knapp über dem Boden, denn die Schleppmaschine braucht etwas mehr Fahrt, um abzuheben. Dann hat auch der Motorflieger keinen Bodenkontakt mehr, und wir steigen unaufhaltsam auf.

Ich vergleiche meine Prognose für diesen Moment mit der Realität: Ein krasses Auf und Ab hatte ich erwartet, Achterbahn-Feeling, die Erkenntnis, ein Spielball der Winde zu sein. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass sich das hier alles andere als unangenehm anfühlt. Ganz im Gegenteil.

Dem Piloten über die Schulter geblickt: Vorne fliegt das Schleppflugzeug.
Dem Piloten über die Schulter geblickt: Vorne fliegt das Schleppflugzeug.

Die sonnenbeschienene Pfalz unter mir, kein Motorengedröhne, nur der Wind, der durch das geöffnete kleine Schiebefenster pfeift, und sehr moderate Bewegungen des Seglers. Herrlich.

Sechs Störche gleiten um den Flieger

Vorne betätigt Noah einen Griff, und wir lösen uns in 700 Metern Höhe vom Schleppflugzeug. Ab jetzt sind wir auf uns alleine gestellt. Das bedeutet: Nun kommt es auf die richtige Strategie an. Immerhin haben wir mittlerweile schon 100 Meter Höhe verloren. Das ging ganz schnell. Es heißt also, Aufwinde zu finden, die den Segler nach oben tragen, sogenannte Thermikbärte. Andernfalls sind wir in ein paar Minuten wieder am Boden.

Kaum habe ich die traumhafte Aussicht genossen, zeigt das Variometer plötzlich eine Steigrate von zwei Metern pro Sekunde an. Es geht also aufwärts. Mein Pilot kippt die ASK nach rechts, die Flügelspitze zeigt auf die Häuser von Nünschweiler. Jetzt „kurbeln“ wir, versuchen, mithilfe der engen Kurve im Bart zu bleiben.

Erfüllte sich einen lange gehegten Wunsch: RHEINPFALZ-Fotograf Martin Seebald nach seinem Segelflug.
Erfüllte sich einen lange gehegten Wunsch: RHEINPFALZ-Fotograf Martin Seebald nach seinem Segelflug.

Unten haben sie mir verraten, dass solche Flugmanöver am häufigsten zu Übelkeit führen – und sogar erfahrene Flieger nicht absolut immun sind. „Wie geht’s?“, erkundigt sich Noah nach meinem Befinden. Mir geht es im Gegensatz zu meinen Befürchtungen nicht nur gut, sondern ich bin regelrecht euphorisch. Ich kann es gar nicht fassen, wie fantastisch das alles ist und wie zufrieden sich auch meine Körpermitte zeigt. Das alles wird getoppt von einem unfassbar schönen Anblick: Unter uns kreist ein Storch! Und jetzt ein zweiter, noch einer – schließlich zählen wir sechs majestätische Vögel, die es sich im gleichen Thermikbart wie wir bequem gemacht haben.

Irgendwann hat uns die aufsteigende Luft auf 1000 Meter gehievt. Ich genieße das Panorama, sauge diese Momente ganz tief ein.

Sanft setzt der Segler auf

Mehr als eine halbe Stunde sind wir in der Luft, als sich irgendwo zwischen Kopf und Magen doch ein flaues Gefühl einstellt. „Können wir jetzt mal ein Stück geradeaus fliegen?“ Eine vorsichtige Frage, wage ich doch kaum, meinen Piloten über die drohende Blamage zu informieren.

Der Segler liegt nun herrlich waagerecht, aber mein Gleichgewichtsorgan ist schon zu sehr irritiert von den ungewohnten Eindrücken. Ich bin schon auf das Schlimmste gefasst, als mein Körper beschließt, doch lieber den restlichen Flug zu genießen. Auf einen Schlag ist mir wieder pudelwohl, und wir ziehen nochmal ein paar Kreise, ehe die Landung ansteht. Noch sind wir zu hoch und müssen einige Meter abbauen.

Doch jetzt ist die Landebahn direkt vor uns. Noah visiert einen Punkt auf der Piste an und bremst den Anflug immer wieder ab. Bremsen? Ja, es fühlt sich tatsächlich an wie im Auto, als die Störklappen an den Tragflächen ausfahren und sich wie ein Brett in den Wind stellen. Wir setzen sanft auf, und nach ein paar Metern rollen wir auf die Wiese – das war’s.

Worte des Glücks sprudeln aus mir raus

Ich kriege gar nicht recht mit, wie die Haube geöffnet wird, das Gurtschloss aufspringt, ich den Fallschirm vom Rücken hole und zu den anderen Aero-Clubbern zurücklaufe. Mir geht es wie Sportlern, die nach einem Sieg oft versichern, das alles noch gar nicht realisiert zu haben. Die letzten 50 Minuten waren vollgestopft mit wundervollen Eindrücken, schöner als ein Traum. Ich könnte die Welt umarmen. Aber weil das gerade nicht geht, erzähle ich zumindest den Leuten vom Aero-Club, die sich nach meinem Befinden erkundigen, von meinen Glücksgefühlen.

Lange, viel zu lange habe ich Segelflugzeugen nur fasziniert hinterhergeschaut, anstatt mir einen Schubs zu geben und das Segelfliegen zu lernen. Das ist im Übrigen kein elitäres Hobby. Mit rund 3000 Euro im Ausbildungszeitraum von bis zu zwei Jahren ist man schon dabei. Besonders reizvoll ist die Fliegerei auch für Jugendliche: Während am Boden das Autofahren noch tabu ist, hat so mancher Teenager bereits die Segelfluglizenz in der Tasche und genießt das Spiel mit dem Aufwind.

Info

Die Faszination des Fliegens kennenzulernen ist möglich beim Flugtag auf der Pottschütthöhe am Samstag und Sonntag, 31. August und 1. September. Das Programm umfasst eine Air-Show und Rundflüge für die Besucher. Nähere Informationen zu Flugtag und Verein gibt es online unter aero-club-pirmasens.de

Kringel, Kringel, Schleife: 93 Kilometer war Martin Seebald vor allem über Rieschweiler-Mühlbach in der Luft unterwegs, wie dies
Kringel, Kringel, Schleife: 93 Kilometer war Martin Seebald vor allem über Rieschweiler-Mühlbach in der Luft unterwegs, wie diese Aufzeichnung zeigt.
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