Kreis Südliche Weinstraße Zur Person: Ludwig Riedinger

Als die Pfalz im Jahr 1816 in den Besitz der bayerischen Krone kam, schenkte sie der Errichtung eines funktionierenden Bildungswesens große Aufmerksamkeit. So kam es, dass in den Regionen, in denen es bisher keine Schulen gab, neue Bildungshäuser gebaut werden sollten. Im Jahr 1844 erreichte eine derartige Anordnung auch Kandel. Ludwig Riedinger war dort Bauunternehmer. Er erhielt den Zuschlag und sollte die Schule nach Plänen bauen, die die Regierung vorgab. Laut diesen Plänen sollte das Schulgebäude aus rotem Sandstein bestehen. Damals war es jedoch üblich, besonders schöne und prestigeträchtige Bauten in Weiß zu errichten – und die Gemeinde Kandel nahm den Schulbau zum Anlass, sich mit einem solchen Prunkbau selbst zu beweihräuchern, obwohl das Vorhaben so wesentlich teurer wurde. Riedinger war ebenso engagiert wie angesehen – und so wurde es ihm zum Verhängnis, dass er sich vom Gemeinderat überreden ließ, die Schule zu errichten. Dass die höheren Kosten von der Gemeinde getragen werden sollten, schien selbstverständlich. Es stellte sich jedoch heraus, dass Kandel zahlungsunfähig war. Der Baumeister blieb auf einem Teil seiner Kosten sitzen: 2448 Gulden. Das entspricht heutzutage in etwa einer Summe von 240.000 Euro. Trotz einer Petition, die von über 300 Mitgliedern der Gemeinde unterzeichnet wurde, und einer Bittschrift Riedingers blieb der Gemeinderat ihm dieses Geld schuldig. Ludwig Riedinger war als Bauunternehmer ruiniert. Im Jahr 1849 wanderte er verarmt mit seiner Familie aus der Pfalz nach Amerika aus und baute sich dort als Maurer und Farmer eine neue Existenz auf. Mindestens acht Kirchen hat er in den Vereinigten Staaten von Amerika gebaut. Die meisten davon stehen bis heute. Die Enttäuschung muss groß gewesen sein, denn Ludwig Riedinger unterhielt keinerlei Kontakte nach Deutschland. Er blieb in den Köpfen der Kandeler lange verschollen. Das änderte sich erst 1996, als sich der damalige Rektor der Grundschule Kandel, Hartmut Christmann, dafür einsetzte, das Haus nach seinem Bauherren zu benennen. Er hatte begonnen, sich auf die Spuren Ludwig Riedingers zu begeben. In mühsamer Kleinarbeit aus historischen Dokumenten und dank des Internets setzte er den Lebensweg des Kandelers wieder zu einem Gesamtbild zusammen. Dem Gemeinderat konnte übrigens nie eine juristische Schuld im Fall Riedinger nachgewiesen werden. Es blieb jedoch eine moralische. Heute heißt die Schule „Ludwig-Riedinger-Grundschule“ – das Verdienst Christmanns.
