Kreis Südliche Weinstraße „Wir sind Schuhputzer der Türkei“
„Europa – trotzdem“, war das Thema der Podiumsdiskussion in der Aula des Alfred-Grosser-Schulzentrums, zu der auch der Namensgeber der Schule gekommen war. Weiterer prominenter Gast war Albrecht Müller, Herausgeber der Nachdenkseiten.
Schulleiter Peter Allmann begrüßte die Gäste zur Wiederaufnahme der Aula-Gespräche und zum zehnjährigen Bestehen der Namensgebung als Alfred-Grosser-Schulzentrum. Moderiert wurde die Diskussion von Berthold Blaes. „Man kann etwas zuversichtlich sein“, so die 91-jährige Alfred Grosser, ein glühender Verfechter von Europa und Wegbereiter der deutsch-französischen Beziehungen, zur augenblicklichen Lage in Europa. Doch es gab auch Kritik von ihm. „Erdoğan sitzt im goldenen Sessel, Merkel und Hollande putzen ihm die Schuhe, aber sie glänzen ihm noch nicht genug“, war das Bild von Grosser zu den Beziehungen zwischen der Türkei, Deutschland und Frankreich. Klar auch seine Haltung zu den jungen Franzosen in den Vororten Frankreichs, die „total diskriminiert“ würden. Man müsse sich dann nicht wundern, wenn sie sich der islamistischen Szene anschlössen. Bewunderung äußerte Grosser über die Art und Weise des Empfangs der Flüchtlinge in Deutschland, positiv sieht er die zahlreichen Verbindungen zwischen Frankreich und Deutschland. Als „traurig“ bezeichnete er die Haltung Polens und Ungarns. „Sie haben vergessen, auf welcher Grundlage sie in die Europäische Union aufgenommen wurden.“ Ein gravierendes Problem habe Alfred Grosser nicht genannt, so Albrecht Müller. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Leiter der Planungsabteilung bei Willy Brandt und Helmut Schmidt ist heute Autor und Herausgeber der Nachdenkseiten. Es sei nicht dafür gesorgt worden, dass die Länder im Gleichschritt ihrer Leistungsbilanzüberschüsse gehen, kritisierte Müller. Der ständig sich wiederholende Satz „Uns geht es gut“ sei ein Symbol für die weitgehende Ignoranz derer, denen es schlecht gehe. „Europa war einmal stark wegen seiner sozialstaatlichen Komponente und sollte endlich die Realität der Menschen wahrnehmen“, so Müller. Seine Meinung zum möglichen Austritt Großbritanniens: „Wenn die Briten gehen wollen, sollen sie gehen.“ Aus Brüssel gekommen war der Journalist Peter Riesbeck, der sein Abitur 2000 in Bad Bergzabern gemacht hat und heute als Korrespondent arbeitet. „Europa muss durch seine Leistungen überzeugen“, so Riesbeck. Dazu gehöre auch, die Blase der Eliten zu sprengen, die durch europäische Bildungs- und Ausbildungsprogramme gefördert werden. Mehr Ausbildung junger Leute jeden Schulabschlusses, war seine Forderung. Als Vertreter der Europaschule saßen Noah Rodrian und Lukas Wessa auf dem Podium. Sie plädierten dafür, Jugendliche einzubinden und Europa für sie erlebbar zu machen. „Gemeinsam ist die beste Lösung“, fasste Noah Rodrian zusammen. „Was mich pessimistisch stimmt, ist das Demokratiedefizit im Parlament, viele Entscheidungen werden in Hinterzimmern getroffen“, kritisierte Michael Leibeck, der ebenfalls sein Abitur in Bad Bergzabern gemacht hat. Seit 2011 ist er Referent eines EU-Abgeordneten und für Gesetzgebungsprozesse zuständig. Der europaweite Austausch von Jugendlichen, für den die EU-Programme wie „Erasmus“ aufgelegt hat, war auch das Thema von Judit Hercegfalvi. Sie arbeitet im Informationsbüro des EU-Parlaments in Berlin. Von allen Teilnehmern konnte es keine einfachen Antworten geben. Regieren nicht mehr die Regierungen, sondern die Märkte? Wie kann das Vertrauen in Europa zurückgewonnen werden? Wie dem Rechtsruck begegnen? Es gab viele weitere Fragen, die an diesem Abend offen blieben. (pfn)