Herxheim
Wie eine Schallplattenfabrik nach Herxheim kam
Erinnern Sie sich noch an unseren Bericht über den vom Pech verfolgten Neubau einer Rettungswache in Herxheim? Einer der Gründe, warum die Baustelle so lange brach lag, waren Fundamentreste einer alten Schallplattenfabrik. Da wurden einige in der Redaktion hellhörig. Eine Schallplattenfabrik in Herxheim? Da könnte doch eine interessante Geschichte dahinterstecken. Und so war es auch. Die Spur führt zu zwei großen Innovatoren ihres Fachs und zu einem Mann, der einen mittelgroßen Betrieb modernisierte, als er, wie er sagt, eigentlich noch ein Kind war.
Den ersten Anhaltspunkt konnte Anne Müller vom Verein Südliche Weinstraße Herxheim liefern. In ihrem Archiv findet sie alte Werbeprospekte der Firma Kurt Brandenburger, die Wärmeschutzplatten anpreist. Dazu kommt ein Brief an die Gemeindeverwaltung Herxheim von einem Joachim Brandenburger aus dem Jahr 1958, bei dem er um die Stundung seiner Stromrechnung bittet, weil er in seiner Fabrik trotz Drei-Schicht-Betrieb nicht alle bestellten Schallplatten herstellen konnte. Auf beiden Dokumente ist das gleiche Firmenlogo zu finden: Eine Zeichnung des Brandenburger Tors.
Heute hat Brandenburger 189 Mitarbeiter
Eine Google-Suche weiter dann die Erkenntnis, dass es die Firma Brandenburger immer noch gibt, sie inzwischen zu einem mittelständischen Unternehmen mit 189 Mitarbeitern angewachsen ist, die ihren Sitz in Landau hat und noch immer in Familienhand ist. Auch das alte Logo grüßt noch immer auf der Website des Unternehmens. Im Chefsessel sitzt inzwischen Tim Brandenburger, Enkel von Kurt und Sohn von Joachim Brandenburger. Er ist in große Fußstapfen getreten. Die wachsamen Augen von Vater und Großvater blicken aus Bilderrahmen auf den 37-jährigen.
Von seinem Großvater befinden sich noch weitere Zeugnisse im Büro: Etwa sein Buch „Mein Freund, der Kunststoff“, erschienen 1952. Brandenburger Senior war ein Pionier auf dem Gebiet der technischen Kunststoffe. Er begann 1939 in Thüringen mit der Produktion von Wärmeschutzplatten. „Nach dem Krieg floh er mit seiner Familie in einer Nacht-und-Nebelaktion aus dem Ostblock, kam zunächst bei einem Kunden in Speyer unter. Mein Vater hat mir später erzählt, die Familie habe da ein halbes Jahr auf Stroh geschlafen“, erzählt Tim Brandenburger. Alles, was der Familie für einen Neuanfang übrig blieb, war das Fachwissen, was Kurt Brandenburger und sein Sohn im Kopf hatten.
„Er war ein echter Patriarch“
1950 gründete Joachim Brandenburger ein Maschinenbauunternehmen, das sich auf die Herstellung von Schweiß- und Verpackungsmaschinen spezialisiert hatte. Im gleichen Jahr gründete Kurt Brandenburger den „Plastverarbeiter“, eine Publikation, die noch heute die führende Branchenzeitschrift ist. Ein großer Unternehmer wurde aus ihm aber nicht, er bot in den 50er- und 60er-Jahren zumeist anderen Firmen sein Fachwissen an. Sein Sohn Joachim war es, der das heutige Unternehmen in den 70er-Jahren aus den Boden stampfte. „Wenn ich als Kind gefragt worden bin, was mein Vater macht, habe ich immer gesagt: Er ist Erfinder“, sagt Tim Brandenburger.
Bei der Unternehmensleitung wusste sein Vater, zu delegieren, hatte Vertrauen in seine Leute. Er selbst saß seit Beginn der 90er-Jahre in seinem Haus in Garmisch-Patenkirchen und tüftelte. „Er war dennoch ein echter Patriarch und hatte die Geschicke seiner Firma stets im Blick“, erinnert sich sein Sohn. „Sein Vermächtnis aber sind seine Innovationen.“
Mit 22 Jahren die Firmenleitung übernommen
An erster Stelle zu nennen ist hier ein Verfahren zur Kanalsanierung, bei der Kunststoffschläuche, sogenannte Liner, verlegt werden, die dann durch Bestrahlung mit UV-Licht verhärtet werden. Die Technik ist heute weltweiter Standard – und wurde in einem kleinen Familienunternehmen in Landau geboren. Einige Jahre zuvor zeigte sich Joachim Brandenburgers Erfindergeist an einem nahe gelegenen Ort: der Schallplattenfabrik in Herxheim. Er hatte zuvor mit einem Freund, der Musiker war, die Firma Tonbild gegründet. In Herxheim fabriziert wurden nicht nur einfache Schallplatten, sondern eine Mischung aus Tonträger und Postkarte. „Auf die eine Seite konnte man schreiben, auf der anderen waren die Rillen zum abspielen. Die wurden millionenfach verkauft, und waren, wenn sie mit Leuten aus der Zeit sprechen, durchaus ein Ding“, so Tim Brandenburger. „Für mich verkörpert dieses Kapitel den Geist unseres Unternehmens, den mein Vater etabliert hat. Eine Spinnerei, weiterverfolgt und gut zu Ende gedacht, die am Ende ein schöner Erfolg wird.“
Tim Brandenburger ist mit 22 Jahren in das Unternehmen gekommen. Als Studienabbrecher, mit vielen Ideen und riesiger Verantwortung. Der Vater stand ihm nicht beiseite, hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgezogen. „Offiziell war ich Assistent meines Vaters, mit allen Befugnissen, ohne wirkliche Aufgaben“, erinnert sich der 37-Jährige. „Ich war eigentlich noch ein Kind, hatte keine Ahnung von nichts. Klar, dass da die langjährigen Mitarbeiter mit den Augen gerollt haben.“
Konkurrenzunternehmen in Rohrbach gegründet
Brandenburger wollte frischen Wind in den Laden bringen und das Unternehmen moderner machen. Das ist ihm gelungen, aber es war ein harter Weg. Teile der alten Führung spalteten sich ab, gründeten in Rohrbach ein Konkurrenzunternehmen bei der Kanalsanierung. Es kam zu Patentstreitigkeiten. Die Finanzkrise 2008 traf das Unternehmen hart, eine Insolvenz stand im Raum. Nachdem die Firma auf dem Weg der Besserung war, fiel Brandenburger selbst in ein Loch. „Ich habe da über einen längeren Zeitraum 70 bis 80 Stunden in der Woche gearbeitet, bin nie zur Ruhe gekommen. Das Ergebnis war ein Burnout, ich musste zwei Jahre kürzer treten.“
Mit Hilfe von Therapien fand er schließlich zurück zu sich selbst und zu seiner alten Stärke. Er geht heute sehr offen mit dem Thema um, auch um psychischen Erkrankungen das Stigma zu nehmen. Seine eigene Firmenphilosophie lautet: „Auf der einen Seite der Mensch, auf der anderen die Innovation.“ Auf das Wort „Familie“ im Familienbetrieb legt er größten Wert, bei allen Entscheidungen hat er sämtliche Mitarbeiter im Sinn. Dabei sei er aber „kein hoffnungsloser Romantiker“.
Umsatz leicht zurückgegangen
„Natürlich müssen wir Geld verdienen. Unsere Herangehensweise ist dabei aber risikoavers und beständig, ein langsames Wachsen und sicheres Überleben“, so Brandenburger. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 26 Millionen Euro im Linerbereich, also der Kanalsanierung, und 15 Millionen im Isolierbereich – er ist leicht rückläufig. Wie überall haben die pandemiebedingten Lieferengpässe Kopfschmerzen bereitet. Brandenburger möchte im Linerbereich – wie in früheren Jahren – wieder auf 30 Millionen Euro Umsatz kommen. Für die beiden Hauptgeschäftsbereiche rechnet er mit weiterem Wachstum. Gerade bereitet die Firma die Verdoppelung ihres Firmengeländes vor, die Produktion der Isoliertechnik wird erweitert. Ein benachbartes Grundstück war zum Verkauf gestanden. Glück für Brandenburger, denn „auf andere Standorte außerhalb Landaus haben wir keinen Bock“.