Dernbach / Flemlingen
Wie eine Burg trotz Sanierung ein Refugium für Jäger der Finsternis bleibt
Burg Neuscharfeneck oberhalb von Dernbach ist ein ideales Refugium für Fledermäuse. Abgelegen im Wald, mit Kellern und Kammern, voller Spalten in den Außenmauern. „Da“, zeigt Hans König auf eine Ritze, „diese wäre geeignet.“ Ein bis drei Zentimeter breit, ab zehn Zentimeter tief, möglichst senkrecht, so wünschen sich die kleinen Nachtgeschöpfe ihren Schlafplatz, damit sie sich mit Bauch und Rücken geschützt zwischen die Steine klemmen können. Man solle sich nämlich nicht vorstellen, dass alle Fledermäuse in Scharen in einem Raum von der Decke hängen. Offene Fugen im Burggemäuer seien sehr beliebt, erklärt das Mitglied des Arbeitskreises Fledermausschutz Rheinland-Pfalz. Deswegen müsse bei den anstehenden Sanierungsarbeiten darauf geachtet werden, dass nicht alles „zugeschmiert“ wird, damit die Flattertiere auch während und nach der Bauphase noch Quartiere finden. Mit diesem Anliegen hat sich der Fledermausexperte aus Kirchheimbolanden nun an den Scharfeneckverein gewandt und damit bei Vorsitzendem Volker Lahr offene Türen eingerannt.
Denn der Dernbacher hat selbst ein großes Herz für Fledermäuse. Unter dem Dachstuhl seines Wohnhauses haben es sich 70 bis 80 Zwergfledermäuse gemütlich gemacht, denen er in den Sommermonaten immer beim Flug in die Nacht fasziniert zusieht. „Für Naturschutz sind Sie bei mir an der richtigen Stelle“, versichert Lahr dem Fledermausschützer beim Rundgang zusammen mit der RHEINPFALZ durch die Ruine, um jedes mögliche Refugium in Augenschein zu nehmen. Der AK Fledermausschutz kennt die Burg schon seit rund 30 Jahren und hat bei seinen Zählungen neun Arten festgestellt: darunter Zwergfledermaus, Wasserfledermaus, Fransenfledermaus, Nordfledermaus, Kleine und Große Bartfledermaus und die besonders schützenswerten Arten Großes Mausohr und Bechsteinfledermaus. Deswegen will König sicher gehen, dass die Bauphase auf der Burg nicht das Ende für die flatternden Säugetiere bedeutet.
Tiere sollen immer Ersatzhabitat finden
In die Planung der komplexen Sicherungsarbeiten seien alle Entscheidungsträger miteinbezogen worden, sprich von Denkmalschutz, Archäologie, Bauhistorie, Natur- und Artenschutz, berichtet Vereinsvorsitzender Lahr, der das 1,64-Millionen-Euro-Projekt koordiniert, das der Bund zu 50 Prozent und das Land zu 40 Prozent finanziert. Am Montag wurden die Förderbescheide übergeben. Die Gemeinde Flemlingen, der die Burg gehört, und der Verein teilen sich die restlichen zehn Prozent hälftig. Dafür hat der Verein bereits eine fünfstellige Spende der Hornbachstiftung erhalten und nun noch einmal 5000 Euro von der Sparkassenstiftung. Die Burg gehört zu den flächenmäßig größten der Pfalz. Daher sei es auch gut möglich, die Arbeiten so aufzuteilen, dass nie mehr als 15 Prozent der Fläche bearbeitet würden, damit die tierischen Burgbewohner, zu denen auch viele Mauereidechsen gehören, genug Ausweichhabitate finden. Dies habe Architekt Marc Sattel, der sich auf die Sanierung von Burgen spezialisiert hat, alles in die Bauplanung aufgenommen.
Und auch dem Thema Fledermausschutz wurde sich schon gewidmet. Das Institut für Naturkunde in Südwestdeutschland habe im Verlauf eines Jahres sieben Begehungen gemacht und dabei fünf Fledermausarten auf Neuscharfeneck entdeckt, berichtet Lahr, der König beipflichtet, dass nicht jede offene Fuge mit Mörtel verschlossen werden müsse. Das Gemäuer sei mittlerweile so marode, dass immer wieder Steine herabfallen. Es müsse so stabilisiert werden, dass die Verkehrssicherheit wieder gegeben ist und Besucher zurück auf die Burg können. „Aber wir werden nicht kopflos drauflos sanieren, sondern wollen einen gemeinsamen Konsens finden. Wir machen nur das absolut Notwendige, es muss nicht jeder Ritze zugespachtelt werden“, bietet er dem Fledermausschützer Kooperation an.
Der Boden voller Fledermauskot
Der nimmt mit seiner Taschenlampe gerade einen Versorgungsstollen und den Treppengang zu den Schießkasematten unter die Lupe – alles Bereiche, die so abschüssig sind, dass sie generell für Besucher gesperrt sind. König bückt sich und hebt ein kleines braunes Etwas auf. „Fledermauskot“, sagt König und kann an der Häufchen-Form erkennen, dass es sich wohl um die Hinterlassenschaft einer Zwergfledermaus handelt. Überall auf dem Boden finden sich die braunen Pünktchen. Es wird das einzige bleiben, das wir an diesem Tag von Fledermäusen zu Gesicht bekommen. Aber das Vorkommen auf der Burg liege sicherlich im zweistelligen Bereich, schätzt König. Man könne sowieso nie alle Fledermausquartiere finden und müsse von einer beträchtlichen Dunkelziffer ausgehen.
Weiter fündig wird das Team eventuell in der alten Brunnenkammer, die knapp acht Meter lang ist und seit Jahren nicht mehr betreten werden konnte. Im Zuge der Sanierungsarbeiten soll sie in Augenschein genommen werden. Gerüste werden übrigens zuerst am Haupttor, am dortigen Turm und am Felsenerker hochgezogen, die brüchigsten Bereiche. Bis Frühjahr 2026 soll die Burg wieder in so einem Zustand sein, dass Besuchergruppen hindurchgeführt werden können.
Burg soll vor unliebsamen Besuchern dicht gemacht werden
Damit das klappt, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen, ist dem Vereinsvorsitzenden klar, des deswegen darauf bedacht ist, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen. Wo ihm jedoch der Kragen platzt, ist, wenn die Ruine nachts von Jugendlichen okkupiert wird, die über die Absperrung klettern, Müll und Feuerstellen hinterlassen. Das sei gefährlich und auch für den Natur- und Artenschutz auf der Burg fatal. „Aber ich krieg’ die Burg noch dicht“, ist er zuversichtlich, mit einem massiven Eisentor, Fenstergittern und einer erhöhten Mauer für Ruhe zu sorgen.