Rohrbach
Weingut Lind ist Ausbildungsbetrieb des Jahres
Schließlich haben sie selbst den Vorschlag gemacht, dass sich das Weingut für die Auszeichnung bewirbt. Gereicht hat es am Ende für Platz zwei im Wettbewerb, den die rheinland-pfälzische Landwirtschaftskammer zusammen mit dem Landwirtschaftsministerium und den Landjugendverbänden in Rheinland-Pfalz seit 2011 veranstaltet. In diesem Jahr konnten Betriebe teilnehmen, die Winzer, Hauswirtschafter, milchwirtschaftliche Laboranten oder Milchtechnologen ausbilden.
Lea Ehmer und Nathalie Petri machen in Rohrbach gerade ihre Ausbildung zur Winzerin und sind rundum zufrieden. Ehmer war schon nach dem ersten Vorstellungsgespräch „Feuer und Flamme“, wie sie selbst sagt. Und das, obwohl sie zuvor nichts mit dem Weinbau zu tun hatte. Vielmehr wollte sie eigentlich Ergotherapeutin werden. Jetzt arbeitet die junge Frau regelmäßig im Wingert, dem Keller oder im betriebseigenen Verkauf und lernt so alle Bereiche des Berufs kennen. „In anderen Betrieben müssen die Auszubildenden oft nur kehren“, sagt Lea Ehmer.
„Ich war nur eine billige Arbeitskraft“
Im Weingut Lind verläuft ihre Ausbildung anders: Von Anfang an durften die beiden Auszubildenden mitanpacken, hatten in ihrem ersten Jahr zwar keine Ahnung, was und vor allem warum sie etwas machten. Ausbilder Rüdiger Lind war und ist aber stets an ihrer Seite. Im letzten Herbst hatte Ehmer beispielsweise mit einem Kollegen zusammen die Zweige im Wingert zu eng aneinandergebunden. Rüdiger Lind bemerkte den Fehler und musste noch einmal einen ganzen Tag Arbeit in den Weinberg stecken, um die Zweige neu anzubinden.
Diese Extraarbeit nimmt der 60-Jährige aber mit Humor. „Wenn sich ein junger Mensch für diesen Beruf entscheidet, dann steckt da Leidenschaft dahinter – alles andere kommt hinterher,“ betont der Mann, der den Betrieb nun schon in der 15. Generation leitet. Er selbst hatte früher nicht das Privileg einer guten Ausbildung. Nach einem Jahr Lehre daheim beim Vater hieß es für das zweite Ausbildungsjahr auf nach Rheinhessen. Die Arbeit dort war für ihn sehr prägend: Weit entfernt war die damals nämlich von einer Förderung, die den Namen auch verdienen würde. „Ich war nur eine billige Arbeitskraft“, so Lind. Er biss sich durch, wollte es später aber unbedingt anders machen.
Mitarbeiter tauschen sich regelmäßig aus
Profitieren können davon jetzt Lea Ehmer und Nathalie Petri. Und es gibt viel zu tun: Die 17 Hektar Rebfläche des Weinguts Lind bringen jedes Jahr etwa 130.000 Liter Wein. Dennoch nehmen sich Rüdiger Lind und seine Tochter Elena Zeit für die Nachwuchskräfte. Auch die Tochter musste den Beruf der Winzerin erst nach und nach kennen und lieben lernen, auch sie hatte zunächst andere Pläne. Eigentlich wollte sie Hotelfachfrau werden, hatte schon einen Studienplatz, half aber immer wieder mal bei Weinproben, im Wingert oder im Keller mit. Am Ende entschied sie sich doch für den elterlichen Betrieb. Ganz zur Freude ihres Vaters. Als sie ihm sagte, dass sie nicht mehr in die Hotelbranche gehen und lieber im Weingut ihre Ausbildung machen wolle, da kamen dem Vater die Tränen: „Ich habe gedacht, ich mache hier nach 15. Generationen das Licht aus.“
Regelmäßig sitzen die Mitarbeiter des Weinguts beim Mittagsessen zusammen und besprechen alles, was ihnen auf der Seele brennt. Das Vater-Tochter-Team will so die Kritik- und Konfliktfähigkeit der neun Mitarbeiter stärken. Und beiden ist auch klar, dass sie gerade eine neue Generation Winzer hervorbringen und somit den Weinbau in der Region für die nächsten Jahrzehnte prägen könnten. „Wir wollen Persönlichkeiten aus den jungen Menschen machen,“ sind sich beide einig.
Auszubildende sollen mitdenken
So wie die Ausbildung in Rohrbach laufe, sollte es selbstverständlich sein, findet Elena Lind. Umso mehr waren sie deswegen überrascht, die Auszeichnung als „Ausbildungsbetrieb des Jahres 2021“ zu erhalten. Die fachkundige Jury war sich aber spätestens nach einem Vor-Ort-Besuch in Rohrbach sicher: Die Lehre hier ist etwas Besonderes. In der Begründung heißt es deshalb unter anderem: „Die Auszubildenden werden mit Beginn der Ausbildung in die Betriebsabläufe einbezogen. Mitdenken und kritisch Hinterfragen sind Fähigkeiten, die im Betrieb von großer Bedeutung sind.“