Frankweiler
Was ein Weinstraßendorf mit einer US-Gemeinde verbindet
Wenn man zusammen den ersten Federweißen im Leben genießt und beim Abschied Tränen fließen, sind das Zeichen für eine innige Freundschaft. Wenn diese über mehrere Tausend Kilometer besteht, ist das etwas ganz Besonderes. Eine genau solche besteht nun schon seit über 30 Jahren zwischen Frankweiler und der amerikanischen Stadt Cullman im Bundesstaat Alabama. Doch die beiden Orte verbindet mehr als nur die Liebe zu gutem Wein.
Die Geschichte Cullmans reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, erklärt Karl Fiscus, Gründungsmitglied des Freundeskreises. In den 1850er-Jahren wanderte der Frankweiler Geschäftsmann Johann Gottfried Cullmann in die USA aus, ehe er 1864 als Landvermesser für die große Nord-Süd-Eisenbahn erfolgreich wurde. Nachdem er viel Land erworben hatte, gründete Cullmann 1873 die Stadt Cullman in Alabama – deren Name ein „n“ weniger trägt als der ihres Gründers. Unter anderem habe er auch Land für drei Kirchen gespendet, um für religiöse Toleranz zu sorgen. „1895 ist Cullman dann als angesehener Mann verstorben, sogar der Gouverneur von Alabama kam zu seiner Beerdigung“, sagt Fiscus.
Bis 1917 sei Cullman eine „deutsche Stadt“ gewesen. „Die Namen der Bürgermeister waren deutsch, lange Zeit wurde Deutsch gesprochen“, erzählt Fiscus. Während Ende des 19. Jahrhunderts noch viele deutsche Siedler in Cullman gelebt hätten, gebe es heute keine direkten Nachfahren des Gründers mehr. Der Freundschaft zwischen der amerikanischen Gemeinde und Frankweiler stehe das allerdings nicht im Wege. 1973 habe man aus den USA Kontakt mit Frankweiler aufgenommen – dieser sei seitdem nicht abgerissen. 1987 wurde die offizielle Städtepartnerschaft beschlossen, ehe fünf Jahre später die Gründung des Freundeskreises folgte.
Der Freundeskreis und gegenseitige Besuche
An diese erinnert sich Karl Fiscus gut, seine aus den USA stammende Frau Beth ist zudem aktuell Vorsitzende des Vereins. Die Blütezeit des Austausches sei in den 1990er-Jahren gewesen, in denen es mehrere gegenseitige Besuche gegeben habe. „Teilweise waren 40 bis 50 Leute aus Amerika hier“, erinnert sich Fiscus. Mittlerweile seien die Begegnungen seltener geworden. Die Gründergeneration werde immer älter, junge Menschen könnten die Geschichte der Freundschaft nicht mehr nachvollziehen. Auch die Mitgliederzahl sei zurückgegangen – aktuell habe der Verein 70 Mitglieder. Die letzte große Reise nach Cullman war im Jahr 2018. Tiefe Freundschaften seien aber definitiv entstanden. „Es gibt nach wie vor private Reisen. Es geht mittlerweile um persönliche Begegnungen.“
Diese Begegnungen sollen im besten Fall in diesem Jahr wieder stattfinden. Eine kleine Gruppe aus Cullman habe vor, im Herbst nach Frankweiler zu kommen. „Ob das dann auch zustande kommt, wird man sehen“, sagt Fiscus. Früher habe es Besuche im Zwei-Jahres-Rhythmus gegeben, bis 2019 wurden auch drei Reisen für Jugendliche organisiert. Mittlerweile seien die kleineren Begegnungen der Normalfall. „So wird das auch in Zukunft laufen. Wenn die Leute über 80 sind, können ein paar Jahre manchmal viel ausmachen.“ Genauso viel machen für Fiscus allerdings auch die Erinnerungen aus, die durch die Freundschaft über viele Jahre entstanden sind.
Trump völlig ausgeblendet
Fiscus und seine Frau berichten von Reisen zur Rietburgbahn in Edenkoben und Weinlesen. „Da hat eine Besucherin aus Amerika mit 50 Jahren den ersten Federweißen ihres Lebens getrunken“, erinnert sich der ehemalige Lehrer. Zu seinen persönlichen Highlights zählt ein gemeinsames Rittermahl auf Burg Landeck. Auch verschiedene Pfälzer Hütten habe man mit Gästen aus Cullman besucht, die von der Pfälzer Kost sehr angetan waren. „Die Amerikaner würden aus Freundlichkeit zwar nie etwas anderes behaupten, aber wir sind davon überzeugt, dass es ihnen wirklich geschmeckt hat.“ Generell habe es viele emotionale Momente gegeben. „Dann fließen durchaus auch mal Tränen beim Abschied.“
Übrigens: Laut Fiscus spielen politische Themen und Debatten über Donald Trump keine Rolle in der Freundschaft zwischen den beiden Städten. Zwar hätten in Cullman ganze 89,71 Prozent der Bevölkerung Trump gewählt – doch innerhalb des amerikanischen Cullman/Frankweiler-Vereins gebe es durchaus Personen, die den Präsidenten mit Pfälzer Wurzeln nicht gewählt hätten. Auf Anfrage der RHEINPFALZ wollte sich aus Amerika jedoch niemand dazu äußern. Zusätzlich betont Fiscus, dass die Gäste aus Amerika immer nur ein paar Tage in Frankweiler sind und dort „wie die Könige Leben“ – dementsprechend sei Politik bei gegenseitigen Besuchen überhaupt kein Thema. Im Vordergrund stünden die Freundschaft und der kulturelle Austausch.
Cullman selbst habe dabei zwar nicht so viel zu bieten wie die Pfalz – doch auch dort hätten die Menschen aus Frankweiler viel erlebt. „Einmal waren wir privat ein Wochenende in Cullman, am nächsten Tag standen wir plötzlich auf der Titelseite der Cullman Times“, erzählt Fiscus. In den 2010er-Jahren hätte ein Pfarrer bei Renovierungsarbeiten zudem ein altes Bierrezept in deutscher Sprache aus dem frühen 20. Jahrhundert entdeckt und nachgebraut – seitdem können Besucher das sogenannte „Goat Island“ genießen. Auch ein großes Oktoberfest gehört zu den deutschen Traditionen in Cullman, letztes Jahr wurde die Stadt sogar für den schönsten Weihnachtsmarkt Alabamas ausgezeichnet. Einzigartig für Fiscus ist „die Herzlichkeit, mit der man dort empfangen wird. Da ist man wirklich noch Gast im besten Sinne.“ Gute Voraussetzungen also für ein Andauern der guten Freundschaft – wenn auch in kleinerem Ausmaß.