Kreis Südliche Weinstraße „Was e verrickte Familie“
Fasching, Trachtengruppe, Chöre, Theaterauftritte oder Pälzer Owende. Die Auftritte der Jägers, nicht gerechnet die von Sängerin Elke Jäger, kann man nicht mehr zählen. Bei der Buchlese im Weingut Hitziger stand am Donnerstagabend bei fünf Kindern, zwei Enkeln und Mutter Jutta Jäger das „Dehääm“ im Vordergrund. Das Spannende: Jeder hatte einen Text zum Thema verfasst, keiner wusste aber vorher, worüber der andere geschrieben hatte. Der Lohn für viele amüsante, ernste, freche, besinnliche, charmante und sehr gekonnt vorgetragene Geschichten war die Begeisterung der rund 70 Zuhörer. Geboren wurde Mutter Jutta Jäger 1938 in Görlitz. Als sie sich in Hamburg in „de Jägers Hermann“ verliebte und 1963 in die Pfalz kam, war für sie eins klar. „Dann hab ich so redde misse“. Und schon lange ist sie „in de Palz dehääm“. Sehr humorvoll schilderte Tochter Karin die Verhältnisse, als Jägers mit drei Töchtern nach Bergzabern zogen. „Erlaubt wars nit“, so die Tochter zu dem winzigen Häuschen ohne fließend Wasser, das der Vater auf einem Grundstück zwischen Dörrenbach und Bad Bergzabern gebaut hatte, denn eine Wohnung hatte die Familie nicht gefunden. „Dehääm“ ist für Tochter Gudrun auch die Ankunft von Stammhalter Hermann nach fünf Töchtern. „Die Oma isch im Dreieck gehupst.“ Sie erinnerte daran, dass alle mit anpacken mussten beim Putzen oder im Garten. An die ersten Faschingsauftritte seit sie in der fünften Klasse war, an die Gründung der Jugendtrachtengruppe und die riesige Verwandtschaft. „Was mache annere ohne so e verrickte Familie?“, fragt sie sich heute. Hermann Jäger erzählte humorvoll von den Sommern im Wohnwagen am Seehof, wie die Kinder mit Autoreifen schwimmen lernten und von seinen Erlebnissen als zunächst einziger Junge mit seinen Schwestern. „Die kenne richtige Bese sei“, fand die lachende Zustimmung der Schwestern. Passend dazu das Lied. „Nemm dich in acht vor unsere Pälzer Mädche.“ Mehr als 40 Jahre habe es bei ihr gedauert, um die samstägliche Linsensuppe zu verdauen, „gestand“ Tochter Elke. Aber heute esse sie manchmal am Berwartstein einen Teller, schließe die Augen und denke, es sei Samstag. Erinnerungen auch an Ausflugsfahrten, bei denen immer mehr Kinder als die der Jägers dabei waren. An der Grenze habe ihr Vater dann alle zum Singen animiert, damit der Zöllner nicht durchgezählt habe. „Mer konnt Kind sei, so oft ich kann, fahr ich widder hääm zum efache Glick“, ist die Erinnerung von Tochter Dörte. Die gemeinsame jährliche Kirschenernte und des „Socke zsammelege“ von zehn Personen, die Weihnachtsfeste und das immer offene Haus der Jägers. Es würde sicher mehr als ein Buch füllen, was und wie die Familie das „dehääm“ erlebt hat. Auch die Generation der Enkel, 13 an der Zahl, hat ihre Erinnerungen. Die Frikadellen mit Kartoffelbrei, dazu Sirup mit destilliertem Wasser und das legendäre Glas der Oma mit „Schnääges“ gehören zu den schönsten von Enkel Julian Werling. Einig waren sich alle, dass das Leben in der Großfamilie bereichernd war. Und sie heute die Gewissheit haben, dass in Notsituationen alle füreinander da sind. Alle Lieder wurden zusammen gesungen und gespielt, den musikalischen Teil begleitete auch Enkel Paul Jäger. Der zweistündige Abend war nicht nur ein Einblick in die ungewöhnliche und mit viel Humor erzählte Geschichte der Familie Jäger, er war auch ein Stück Zeitgeschichte und eine Anregung, über Werte nachzudenken. |pfn